Schorndorf

Die gute Seele kann nicht mehr

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Ein eingespieltes Team: Renate Gässler und ihr Lebensgefährte Hans Fürst haben zehn Jahre lang die Bewirtung in der Karl-Wahl-Begegnungsstätte übernommen, jetzt geht es gesundheitlich nicht mehr. © Benjamin Büttner

Schorndorf. Zehn Jahre lang war sie die gute Seele der Karl-Wahl-Begegnungsstätte und Renate Gässler würde auch heute noch mit ihrer locker-heiteren Art die Gäste versorgen, wäre sie gesundheitlich nicht so angeschlagen. Fast ein Vierteljahr war die 79-Jährige zuletzt im Krankenhaus – und wird vermisst: Von den Stammtischen und Gruppen, denen sie Kaffee und Kuchen, ja auch mal ein Bier servierte, hat sie schon stapelweise Genesungskarten bekommen.

Würde die Gesundheit noch mitmachen, Renate Gässler hätte den 80. Geburtstag mit ihren Gästen in der Karl-Wahl-Begegnungsstätte gefeiert und wäre bestimmt auch bei der Gartenschau dabei. Und sie würde, da ist sich ihr Lebensgefährte Hans Fürst sicher, „sonst mit 90 Jahren noch schaffen“. Die Stammtische und Gruppen zu versorgen, das war ihr Ding. Sie war im Service und hat kassiert, er hat im Hintergrund gewerkelt, am Wochenende Hausmeisterdienste übernommen – und war, wie Gässler mit einem Lachen sagt, „die Spülmaschine, die keinen Strom gebraucht hat“. In der Karl-Wahl-Begegnungsstätte waren sie ein unschlagbares Team: Jetzt unterstützt der 75-Jährige sie zu Hause.

Zehn Jahre lang waren die beiden montags, mittwochs, donnerstags und freitags für die Awo im Einsatz. Sie haben die Gäste mit Kaffee und Kuchen versorgt, für die Skatbrüder gab’s auch mal ein Bier, sonntags immer mal wieder einen Brunch und am Donnerstag hat Renate Gässler gekocht: Gaisburger Marsch, Spaghetti, Spätzle mit Soß’, zum offenen Mittagstisch gab’s aber auch mal einen Braten. Der Eierlikörkuchen, den sie an manchen Nachmittagen verteilte, hat Renate Gässler selbst gebacken. Die anderen Kuchen hat sie gekauft, so wie sie und ihr Lebensgefährte überhaupt immer die Getränke und alles andere besorgt haben.

Karl-Wahl-Begegnungsstätte derzeit im Sparmodus

Auf Renate Gässler war nicht nur Verlass, sie hat sich auch über Gebühr engagiert. Einen Ersatz zu finden, das ist nicht so einfach und der Awo bis heute auch nicht gelungen. Darum läuft die Karl-Wahl-Begegnungsstätte seit Dezember auch nur noch im Sparmodus: Nur Gruppen, die keine Bewirtung brauchen, können die Räume weiter nutzen. Den Einkauf der Getränke, die Abrechnungen und die Post haben sich die Vorstandsmitglieder untereinander aufgeteilt. Den Mittagstisch am Donnerstag gibt es im Moment gar nicht. Ein Glück, dass die Awo für das Gartenschau-Café 20 Ehrenamtliche gefunden hat und dann auch der Betrieb für die Tagesgruppen wieder möglich sein wird.

Eigentlich, erzählt Renate Gässler, wollte sie ja auch schon gemeinsam mit Ursel Kamps aufhören. Schließlich hatte Kamps die Rentnerin – vor 17 Jahren bei einer Begegnung im Café Weiler – erst aushilfsweise und dann fest für die Karl-Wahl-Begegnungsstätte gewonnen. Als die Awo-Vorsitzende ihr Amt vor drei Jahren an Tim Schopf abgegeben hat, wollte sich auch Gässler verabschieden. Dem jungen Vorsitzenden zuliebe hat sie weitergemacht. Wie sie überhaupt immer ein schlechtes Gewissen hatte, die Awo hängenzulassen.

Doch jetzt geht es einfach nicht mehr – so sehr Renate Gässler die Arbeit in der Begegnungsstätte auch vermisst: „Das fehlt mir scho.“ Seit Anfang Dezember ist sie im Krankenstand, fast ein Vierteljahr war sie in den verschiedensten Krankenhäusern. An die Karl-Wahl-Begegnungsstätte hat sie bessere Erinnerungen: Die Gespräche, die ganze Stimmung – „mir hat’s gefallen“, sagt Gässler und spart in ihrer herzlich-direkten Art nicht mit Lob: „Alle waren nett zu mir.“ Und so haben sich jetzt auch viele, die Osteoporose-Gruppe, die Bauknecht- und die Postsenioren, die Eisenbahner, die Stadtsenioren und die Arnold-Senioren, die jahrzehntelang in der Karl-Wahl-Begegnungsstätte zusammengekommen sind, bei ihr gemeldet und ihr Genesungswünsche geschickt. Manche sind auch bei ihr daheim vorbeigekommen – „aber das strengt mich an“, sagt die 79-Jährige und kann trotz allem noch immer lachen. „Meinen Humor hab’ ich nicht verloren.“