Schorndorf

Die Integration wird interkommunal

1/2
8463d9f1-e7e8-4a8f-bb0e-ededd46583a7.jpg_0
Begegnungscafé des Arbeitskreises „Ankommen“ in Winterbach: Die Ehrenamtlichen haben bisher den großen Teil der Flüchtlingsarbeit gestemmt, jetzt sollen sie mehr professionelle Unterstützung aus dem Rathaus bekommen. © Habermann / ZVW
2/2
c343039f-af7a-45bd-9ad2-968c6b32bcfc.jpg_1
Michael Haberkorn. © privat

Winterbach/Remshalden. Gleich in seinen ersten Wochen als Bürgermeister musste Sven Müller in Winterbach eine schwierige Entscheidung treffen. Sein Gemeinderat bestätigte ihm jetzt: Alles richtig gemacht. Durch Müllers rasches Handeln hat nun nicht nur Winterbach einen Beauftragten für die Integrationsarbeit, sondern auch Nachbar Remshalden.

Die Sache, so bekannte Sven Müller in seiner ersten Gemeinderatssitzung als Winterbacher Bürgermeister, habe ihm seine erste schlaflose Nacht im Amt bereitet. Es war seine erste Personalentscheidung und dann gleich eine, die er treffen musste, ohne vorher den Gemeinderat zu befragen. Doch die Eile war absolut geboten.

Müller hatte mitbekommen, wie Remshalden – wo er bis vor kurzem Hauptamtsleiter war – nach einem Flüchtlingsbeauftragten gesucht hatte. Doch die Bewerberlage war dürftig, keiner der Anwärter war für den Job qualifiziert.

Winterbach hatte eigentlich einen ganz eigenen Plan, um die Integrations-Stelle zu besetzen. Eine „gut ausgebildete Mitarbeiterin“, wie Sven Müller sagte, aus dem Arbeitskreis „Ankommen“ sollte die Stelle bekommen. Aber dem standen die Förderrichtlinien des Landes entgegen. Sowohl Winterbach als auch Remshalden bekommen nämlich Fördergelder für die Einstellung eines Flüchtlingsbeauftragten. Bedingung dafür ist, dass dieser ein Studium abgeschlossen hat, in Sozialpädagogik oder etwas Vergleichbarem.

Da bekam Sven Müller einen Anruf aus Remshalden: Dort hatte man sich nach der erfolglosen Ausschreibungsrunde daran erinnert, dass sich im Sommer mal ein junger Mann auf eigene Initiative gemeldet hatte, in Winterbach und in Remshalden, der gerne eine Stelle als Flüchtlingskoordinator gehabt hätte. Das Problem war damals, dass beide Gemeinden nur eine 50-Prozent-Stelle einrichten wollten, weil nur diese auch vom Land gefördert wird, der Bewerber aber eine 100-Prozent-Stelle wollte. Aber warum eigentlich nicht interkommunal zusammenarbeiten, denn 50 Prozent und 50 Prozent ergeben auch 100 Prozent – so jetzt die Idee aus Remshalden, die Sven Müller handlungsschnell aufgriff.

Die Lösung sorgt für allgemeine Zufriedenheit

Der fragliche Bewerber namens Michael Haberkorn hatte in der Zwischenzeit leider schon andernorts eine Stelle gefunden, die er zum 1. Oktober antreten sollte. Gerade noch rechtzeitig konnte Sven Müller ihn kontaktieren. Und Haberkorn sagte zu: Er ist in Grunbach groß geworden und wohnt dort heute noch, ist also vor Ort verwurzelt und wollte sehr gerne bleiben.

So haben Remshalden und Winterbach nun einen gemeinsamen Koordinator für die Flüchtlingsarbeit, eine Lösung, die für allgemeine Zufriedenheit sorgt. Ganz einsam hat Sven Müller die Entscheidung auch nicht getroffen. Auf dem informellen Weg fragte er vorher die Gemeinderatsfraktionen nach ihrer Meinung – und erhielt positive Rückmeldungen. Es freue ihn sehr, sagte Müller jetzt den Räten, dass sie ihm den Rücken gestärkt hätten. „Es hätte die Gefahr bestanden, dass wir den Zuschuss verlieren“, unterstrich er die Dringlichkeit. Die zur Finanzierung der Stelle zugesagten Landesgelder (siehe „Der Koordinator“) fließen nämlich nur, wenn sie bis zu einem bestimmten Zeitpunkt abgerufen werden.

Die Winterbacher Gemeinderäte äußerten sich auch in der Sitzung sehr positiv zur Entscheidung ihres Bürgermeisters und der interkommunalen Lösung und stimmten einhellig zu. Zu einer „kleinen Erklärung“ sah sich BWV-Rat Helmut Nachtrieb bemüßigt. Dazu muss man wissen: Es gibt zu der Personalstelle eine Vorgeschichte. Schon Müllers Amtsvorgänger Albrecht Ulrich hätte gerne jemanden für das Thema Flüchtlinge eingestellt, der Gemeinderat hatte aber nicht mitgespielt. Ulrich hatte sich darüber öffentlich mehrfach beklagt, auch im Zusammenhang mit seinem Verzicht auf eine weitere Amtszeit. Warum ging das mit der Zustimmung durch den Rat jetzt so glatt und schnell? Dass die Stelle dringend nötig sei, das sei klar, so Helmut Nachtrieb. Drei Gründe hätten jetzt für die Zustimmung gesprochen: dass Michael Haberkorn nicht verbeamtet wird, befristet eingestellt ist und es den finanziellen Zuschuss vom Land gibt.

Sven Müller seinerseits betonte, „dass es nicht meine Art ist, mit Eilentscheidungen Personalpolitik zu betreiben“. Das ist wohl auch gut so: So erspart er sich vielleicht allzu viele weitere schlaflose Nächte als Bürgermeister.

Der Koordinator: Michael Haberkorn

„Für uns war recht schnell klar: Der Kerl ist jung, der bringt alle Voraussetzungen mit, der will den Job unbedingt“, so beschreibt Bürgermeister Sven Müller den Eindruck, den Michael Haberkorn im Bewerbungsgespräch hinterließ.

Haberkorn ist in Grunbach aufgewachsen und wohnt dort heute noch. Der 29-Jährige spielt Handball in der Spielgemeinschaft des CVJM Winterbach und des CVJM Grunbach. Er hat an der Uni Stuttgart einen Bachelor-Abschluss in Sozialwissenschaft gemacht und einen Master in Planung und Partizipation mit dem Schwerpunkt Bürgerbeteiligung draufgesattelt. Bei der Stadt Heilbronn hat er in einem Praktikum in der Stabsstelle für Partizipation und Integration gearbeitet.

In Winterbach und Remshalden soll Haberkorn die zentrale Anlauf-, Beratungs- und Koordinierungsstelle für alle Flüchtlingsangelegenheiten sein. Außerdem gehört es unter anderem zu seinen Aufgaben, Integrationsmaßnahmen zu organisieren, Wohnraum zu akquirieren, Förderprojekte an Land zu ziehen sowie den Runden Tisch Integration zu begleiten, den Bürgermeister Müller einrichten will.

Michael Haberkorn ist nun auf drei Jahre befristet angestellt und kostet die Gemeinden in dieser Zeit jeweils rund 79 000 Euro. Rund 53 000 übernimmt das Land, so dass nur noch rund 26 000 Euro in den Gemeindehaushalten hängenbleiben, das heißt, rund 8700 Euro pro Jahr.