Schorndorf

Die Journalistin Dunja Hayali erhält den Schorndorfer Barbara-Künkelin-Preis - so verlief die Verleihung

Barbara-Künkelin-Preis
Am Sonntagmittag in der Barbara-Künkelin-Halle. © ALEXANDRA PALMIZI

Nur im Dialog und indem Vielfalt als „gewinnbringendes Merkmal“ gesehen wird, könnten gesellschaftliche Probleme entschärft und Konflikte gelöst werden. Mit verhärteten Fronten, mit einer Streitkultur, die auf Gegensätze aus sei statt Verbindendes zu suchen, komme die Gesellschaft nicht weiter. Die diesjährige Barbara-Künkelin-Preisträgerin Dunja Hayali erklärt, warum uns Herzensbildung weiterbringt.

Auf die Frage von SWR-Moderatorin Susanne Kaufmann, warum sie hineingehe ins Geschehen und dabei auch jenen zuhöre, von denen sie beleidigt wird, sagt sie: „Ich lerne durch jedes Gespräch. Ich will verstehen, ohne immer Verständnis zu haben.“

Schon vor einem Jahr hätte der Preis übergeben werden sollen – Corona änderte auch hier alle Zeitpläne und hat dafür gesorgt, dass Dunja Hayali als erste Frau den seit 1984 verliehenen Künkelin-Preis im Home-Office erhält. Auch aus Berlin zugeschaltet ist Christine Lambrecht, Bundesministerin der Justiz und für Verbraucherschutz. Sie würdigt die Preisträgerin in einer Video-Laudatio als „leidenschaftliche Streiterin für Weltoffenheit und Toleranz, Vorbild in Sachen Zivilcourage und prominente Stimme im Kampf gegen den Rechtsextremismus“. Sie lobt ihre „unmissverständliche und kraftvolle“ Sprache. Dunja Hayali habe sich einmal als Verfassungspatriotin bezeichnet. Der Begriff bringe auf den Punkt, weshalb sie heute mit dem nach einer schwäbischen Patriotin benannten Preis geehrt werde. „Verfassungspatriotin darf sich nennen, wer bereit ist, für die Grundwerte der Verfassung aktiv einzutreten.“

Hayali engagiert sich gegen Hass und Hetze im Netz

Dunja Hayali beweise diese Einsatzbereitschaft im Kampf gegen Menschenfeindlichkeit und Hass unter anderem in den sozialen Medien, wo sie selbst immer wieder Ziel von Bedrohungen werde. Mit ihrem selbstbewussten Eintreten mache sie allen Mut, die betroffen sind von Hass. „Weggucken, mitschwimmen, verstecken, nichts sagen, verniedlichen und relativieren, das geht nicht mehr, es reicht. Wir sind es uns, unseren Errungenschaften, aber auch den Opfern schuldig.“ An diese Worte erinnere sie sich gut, so Lambrecht. „Es waren nach dem extremistischen Attentat genau die richtigen.“

Der Preis, der nach einer „schwäbischen Patriotin“ benannt ist, passe darum gut, sagt Elsbeth Rommel, die Vorsitzende des Preisgerichts. Wie die historische Namensgeberin sei Dunja Hayali „rebellisch“ und schaffe es, „Dinge anders anzugehen als es in der Vergangenheit geschehen ist“. Sie habe einen Weg gefunden, „Hassmails zu beantworten, um in den Dialog zu kommen“, so Rommel über die „ungeheure Leistung“, dass sie dies öffentlich tue.

„Sie sagt Menschen auch das, was sie nicht hören wollen“, hebt Oberbürgermeister Matthias Klopfer ihr „konsequentes Hinschauen“ für eine „unverhandelbare Menschlichkeit und Menschenwürde“ hervor. Es brauche Journalisten, die eintreten für eine offene Gesellschaft, in der auch „direkt vor der Haustür Angriffe auf unsere Demokratie sichtbar werden“, sagt er. „Lassen Sie nicht locker, stellen Sie weiterhin die richtigen Fragen, weisen Sie auf Missstände hin, die Sie sehen“, appelliert Klopfer an die couragierte Frau.

Sie geht hinein ins Geschehen

Sie wolle sich nicht „als Opfer sehen“, sie wolle „erklären, verhandeln, diskutieren, zuhören“, schreibt die 1974 im Ruhrgebiet geborene Journalistin in ihrem Buch „Heimatland“. In einem Einspieler vor der Preisverleihung ist zu sehen, wie sie als Journalistin hineingeht ins Geschehen. Sie befragt Teilnehmer einer Querdenkerdemo und hört im Flüchtlingslager in Moria Menschen zu, die keine Zukunft vor Augen haben. „Wir müssen als Journalisten auch durchlässig bleiben“, sagt sie. Indem sie aus ihrem „persönlichen Kosmos“ heraustrete, „vom überzeugten Ego“ ab und zu Abstand nehme, erfahre, „wie Menschen dazu gekommen sind, eine Überzeugung zu haben, mit der ich möglicherweise nichts anfangen kann“, entstehe das „Wir“ mit all seinen „verfransten Verschiedenheiten“ und Perspektiven.

„Dies ist ein Pfund, aus dem unser Land noch viel mehr schöpfen sollte“, greift sie auch den zuvor vom Vorsitzenden des Heimatvereins lehrreich illustrierten Heimatbegriff auf. Vorsitzender Dr. Holger Dietrich beschreibt Heimat zum einen als „etwas Individuelles“, das an Orte und Familie gebunden sei, zugleich als „Arbeit“. Die „Arbeit an der Heimat“ funktioniere nur, wenn viele daran arbeiten. Das „Wir“ dürfe nicht aus dem Blick verloren werden, sagt auch Dunja Hayali, die sich um den „Gesundheitszustand“ des Landes sorgt. Dies seien die Menschen, die Angst vor dem Virus hätten, weil sie jemanden im Krankenhaus haben, die wirtschaftliche Situation, die Spätfolgen der Pandemie für die Jugendlichen. Jenseits davon treibe sie die krankende Streitkultur um. „Wir können nicht mehr kommunizieren, weil die Fronten so verhärtet sind, das wird auf Dauer nicht gutgehen.“ Wir müssten anfangen, „gegen die Spaltung anzugehen, uns zuzuhören, uns auf Argumente zu konzentrieren, dazu gehören Wissen und Bildung, vor allem Herzensbildung ist gefragt.“

Nur im Dialog und indem Vielfalt als „gewinnbringendes Merkmal“ gesehen wird, könnten gesellschaftliche Probleme entschärft und Konflikte gelöst werden. Mit verhärteten Fronten, mit einer Streitkultur, die auf Gegensätze aus sei statt Verbindendes zu suchen, komme die Gesellschaft nicht weiter. Die diesjährige Barbara-Künkelin-Preisträgerin Dunja Hayali erklärt, warum uns Herzensbildung weiterbringt.

Auf die Frage von SWR-Moderatorin Susanne Kaufmann, warum sie hineingehe ins

Alle Abos jederzeit kündbar:
ZVW+ MONATLICH
Erster Monat gratis, danach 6,99 €/mtl.
ZVW+ JÄHRLICH
Statt 83,88 € (Zwei Monate gratis)
ZVW+ JÄHRLICH mit ePaper
mit täglichem Zugriff zum ePaper