Schorndorf

„Die Lage hat sich entspannt“

Asyl
Melih Göksu (Mitte) gehört dem Koordinierungsstab Flüchtlinge am Landratsamt an. Rechts Sandra Weiss von der Pressestelle des Landratsamtes, links Sozialarbeiterin Deborah Attard. © Palmizi / ZVW

Schorndorf. Wo Menschen auf engem Raum zusammenleben, kommt es leicht zu Streit. Das gilt auch für Asylunterkünfte. Seit nicht mehr so viele Menschen dicht an dicht in Turnhallen hausen, hat sich die Lage entspannt. „Kein auffälliges Aufkommen von Einsätzen“, vermeldet die Polizei.

„Bei denen steht dauernd die Polizei vor der Tür“ – solch ein Eindruck entsteht leicht, wenn mehrmals pro Woche vor einer Asylunterkunft ein Streifenwagen steht. Und dann steht noch in der Zeitung: Algerier randaliert in Asylunterkunft, wirft Tische und eine Tischtennisplatte um, fuchtelt mit einem Messer. So geschehen in der Unterkunft in Stetten in der Kirchstraße Anfang August. Kurz drauf eskalierte ein Streit in der Flüchtlingsunterkunft Innere Weidach in Waiblingen. Die handfeste Auseinandersetzung zwischen einem Algerier und einem Syrer endete für beide im Krankenhaus. Solche Vorfälle ereignen sich regelmäßig. Ganz übel ging es im Juni 2014 zu, als ein damals 25-jähriger Algerier in Waiblingen einen Landsmann niedergestochen hat (wir haben berichtet). Der Mann wurde zu fünfeinhalb Jahren Haft verurteilt. Anfang Oktober 2015 geriet in der Asylbewerberunterkunft Albertviller Straße in Winnenden ein Streit aus dem Ruder. Mehrere Männer setzten Messer ein und erlitten Körperverletzungen. In Backnang endete eine Massenschlägerei mit lebensgefährlichen Verletzungen.

Polizei beschreibt die Lage als „entspannt“

Solche Meldungen machen Angst. Dennoch sind sie in Bezug zu setzen zu einer Zahl: 5000 Flüchtlinge leben zurzeit im Rems-Murr-Kreis. Angesichts dessen erscheint die Häufigkeit der Vorkommnisse nicht groß. Polizeisprecher Holger Bienert drückt es so aus: „Insgesamt kann die Lage als entspannt beschrieben werden.“ Er verweist darauf, dass die Unterbringung der Menschen sich verbessert hat, inzwischen weit weniger Personen in Turnhallen auf engstem Raum ausharren. Natürlich hat die Art der Unterbringung Einfluss aufs soziale Miteinander. Je mehr Privatsphäre die Menschen haben, desto weniger Probleme gibt es, bestätigt Holger Bienert.

Oftmals ist ein Streit schon geschlichtet, bis die Polizei anrückt, erzählt Sozialarbeiter und stellvertretender Teamleiter Nabil El Tolony. Er kümmert sich unter anderem um die Menschen in der Schorndorfer Unterkunft in der Wiesenstraße. Längst nicht jedes Mal, wenn ein Polizeiauto vor einer Unterkunft steht, liegt eine große Sache an, sagt er. Bewohner rufen seiner Erfahrung nach recht fix die Polizei, auch bei Kleinigkeiten. Wie das geht, lernen sie gleich nach ihrer Ankunft – für den Fall der Fälle. Nabil El Tolony appelliert an die Nachbarschaft, Polizeipräsenz vor Unterkünften als etwas Positives zu sehen: Die Ordnungsmacht schaut nach dem Rechten.

Melih Göksu vom Landratsamt bestätigt, dass sich die Situation entspannt hat. Göksu ist für die Sicherheit in den Asylunterkünften verantwortlich. Sicherheitskräfte sollen dort dafür sorgen, dass Streitigkeiten nicht ausarten – aber nicht nur das. Diese Leute sind zudem für die Sicherheit der Bewohner selbst zuständig. Knapp ein Jahr ist es her, als eine geplante Asylbewerberunterkunft in Weissach im Tal abgebrannt ist.

Meist sind es Nichtigkeiten, die unter den Bewohnern zu einem Streit führen, berichtet Nabil El Tolony. In der Küche könnte sich ein Vegetarier am Geruch des Fleischgerichts eines Mitbenutzers stören. Oder es gibt unterschiedliche Vorstellungen, wie sauber und hygienisch es in Küche und Dusche zugehen sollte. Oder Mütter geraten sich in die Haare, weil sie Partei ergreifen für ihre streitenden Kinder. „Mit den Frauen ist es sehr schwierig“, sagt El Tolony.

Besonders die Syrer stehen unter Hochdruck, wenn am Bildschirm wieder neue Schreckensnachrichten aus ihrem Heimatland auf sie einprasseln. Die Nerven liegen blank; alle versuchen natürlich, Familienangehörige in Syrien telefonisch zu erreichen. „Lasst mal die Syrer in Ruhe jetzt“, appelliert Nabil El Tolony dann an die Menschen anderer Nationalität in der Asylunterkunft.

Seinem Eindruck nach drehen sich Auseinandersetzungen nur selten um religiöse Fragen. Gleich zu Anfang stellen die Sozialarbeiter klar, jeder in der Unterkunft darf seinen Glauben haben – „man muss knallhart sein von Anfang an“, findet El Tolony.

Diebstahl komme in den Unterkünften „immer wieder“ vor. Dann fehlt ein Handy – und später taucht es an anderer Stelle wieder auf. Was Ladendiebstahl im Umkreis der Unterkünfte angeht, „sind uns keine Beschwerden bekannt“, sagt Melih Göksu. Berichten Sozialarbeiter von Drogenmissbrauch in einzelnen Einrichtungen, dann setzt das Landratsamt gezielt mehr Sicherheitskräfte ein. Oder bittet die Polizei, da und dort vermehrt Streife zu fahren.

Nabil El Tolony: „Es gibt immer wieder irgendwas. Aber nicht in dem Maß, wie die Leute Angst haben.“

5000 Menschen

Noch bis Dezember 2015 erhielt der Rems-Murr-Kreis wöchentlich rund 250 Personen zugewiesen. Zurzeit kommt niemand, berichtet Melih Göksu, der am Landratsamt dem Fachbereich Planung und Koordinierung Flüchtlinge angehört.

Voraussichtlich werde der Landkreis die kommenden zwei, drei Monate ebenfalls niemanden zugewiesen bekommen.

Zurzeit leben circa 5000 Flüchtlinge im Rems-Murr-Kreis. „Die Zahl schwankt sehr“, sagt Melih Göksu.

Noch ein paar Notunterkünfte sind besetzt, sollen aber über kurz oder lang auch geräumt werden: je eine Turnhalle in Waiblingen und in Urbach, der ehemalige Penny-Markt in Allmersbach sowie eine Gewerbehalle in Rudersberg, die Ende Oktober geräumt werden soll.