Schorndorf

Die Palm-Preisträger haben ihr Leben für die Freiheit riskiert, Gui Minhai wurde verschleppt, es ist unklar, ob er noch lebt

Palmpreis
Zum 10. Mal wurde der Johann-Philipp-Palm-Preis für Pressefreiheit und Menschenrechte vergeben – zum Jubiläum komplett online. © Gabriel Habermann

Die Geschichte von Gui Minhai ist eine von erlittener Willkür, Schikane, Zensur und Unterdrückung, aber auch eine über die Kraft der Worte. Der Hongkonger Buchhändler und Verleger wird seit 2015 in China gefangen gehalten. Nun ist er mit dem in einer Online-Veranstaltung verliehenen Johann-Philipp-Palm-Preis für Meinungs- und Pressefreiheit ausgezeichnet worden. Er teilt sich den Preis mit Bushra Al-Maktari, Journalistin und Autorin aus dem Jemen.

Gui Minhai, Bürger chinesischer Herkunft mit schwedischem Pass wurde aus Thailand nach China verschleppt. Seine Geschichte sei „ein menschlicher Alptraum, der sich vor den Augen der Weltöffentlichkeit“ abspiele, sagte Alexander Skipis, Hauptgeschäftsführer des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, bei der Preisverleihung. Er war per Video aus Frankfurt zugeschaltet. Skipis wählte einen erschütternd lebendigen Einstieg in seine Laudatio: „Stellen Sie sich vor, Sie befinden sich in Ihrer Wohnung, sitzen an Ihrem Laptop und schreiben an Ihrem aktuellen Buch. Es klingelt, zwei unbekannte Männer stehen vor Ihrer Tür. Sie wissen, dass Sie sich mit Ihren Büchern mächtige Feinde gemacht haben, fühlen sich aber sicher, da Sie sich in einem anderen Land befinden. Sie öffnen die Türe und fragen, wie Sie behilflich sein können. Im nächsten Moment werden Sie überwältigt, aus Ihrer Wohnung geführt und in das Land verschleppt, dessen politische Führung Sie kritisieren.“

In den Fängen eines undurchschaubaren Apparats

Der Stiftungsratsvorsitzende Prof. Dr. Ulrich Palm hob die Entschlossenheit hervor, die dazu gehöre, die „Idee des freien Individuums“ gegen alle Widerstände hochzuhalten. Die Biografien der beiden Preisträger zeigten, „wie verflochten das Unrecht in der Welt ist“. Gui Minhai geriet in die Fänge eines undurchschaubaren Machtapparats. Gegen die zweite Geehrte, Bushra Al-Maktari, Journalistin aus dem Jemen, wurde ein religiöses Todesurteil gefällt.

Mit dem Palm-Preis soll dem Einstehen für Menschenrechte Geltung verschafft werden. „Wir zeichnen zwei Menschen aus, die mit ihrem Denken und Handeln autoritäre Systeme herausfordern“, so Ulrich Palm. Die Despoten dieser Welt fürchten sich vor Menschen wie Gui Minhai. Sie fürchten die Kraft der Worte, die Kraft der Bücher.“

Beide Preisträger sind für die Freiheit eingetreten und haben dabei ihr eigenes Leben riskiert: Gui Minhai durch die Veröffentlichung zahlreicher kritischer Schriften über das politische System und einflussreiche Persönlichkeiten der Volksrepublik China. Bushra Al-Maktari brach für ihre Recherchen auf in ein verwüstetes, gepeinigtes Land, um Einzelschicksale aufzuschreiben. Sie sprach mit mehr als 400 Überlebenden und verfasste daraus „Dokumente eines vergessenen Krieges“. Damit sei sie eine der wenigen, die die Stimmen der Kriegsopfer außer Landes brachte, veranschaulichte Monika Bolliger, Journalistenkollegin und Nahost-Korrespondentin der „Neuen Züricher Zeitung“, die zwei Kapitel des Buches übersetzt hat, den hohen Wert der gesammelten „Zeugenaussagen. In ihrer in Englisch gehaltenen Laudatio betonte sie den „Akt des Widerstands gegen die Sinnlosigkeit von Kriegen“. „Ich hoffe, dass sie weiterhin schreibt und jene Stimme sein wird, die ein Stein des Anstoßes für die Tyrannen und Kriegsverbrecher ist.“ Bushra Al-Maktari konnte aus technischen und gesundheitlichen Gründen nicht per Videoschalte teilnehmen.

Der Johann-Philipp-Palm-Preis für Meinungs- und Pressefreiheit wurde zum zehnten Mal vergeben – und dies im 25. Jahr des Bestehens der Palm-Stiftung. Die Bedingungen waren durch die Pandemie besondere: Handschlag, Blickkontakt, das Erlebnis der Präsenz entfielen. Lediglich vier Mitglieder der Stiftung und zwei Musiker kamen unter Hygienevorkehrungen in der Barbara-Künkelin-Halle physisch zusammen. Aus dem Rathaus zugeschaltet war Oberbürgermeister Matthias Klopfer, der ein Grußwort sprach. Zudem nahmen virtuell aus der Schweiz Monika Bolliger sowie aus Cambridge die Tochter von Gui Minhai teil. Angela Gui brachte ihre Hochachtung für die Würdigung ihres Vaters zum Ausdruck, wenngleich sie die Auszeichnung auch „mit Trauer“ entgegennehme: „Trauer, dass er nicht persönlich geehrt werden kann, Trauer, dass er und ich nicht mehr wie früher miteinander scherzen und lachen können, und Trauer, dass seit den Entführungen von ihm und seinen Kollegen die Freiheiten in Hongkong völlig ausgehöhlt wurden.“ Im Interview sagt sie: „Mit Ausnahme eines kurzen Zeitraums Ende 2017 und Anfang 2018 durfte ich nicht mit ihm sprechen, und ich habe derzeit keine Möglichkeit, sicher zu wissen, ob er überhaupt noch am Leben ist.“

Die Geschichte von Gui Minhai ist eine von erlittener Willkür, Schikane, Zensur und Unterdrückung, aber auch eine über die Kraft der Worte. Der Hongkonger Buchhändler und Verleger wird seit 2015 in China gefangen gehalten. Nun ist er mit dem in einer Online-Veranstaltung verliehenen Johann-Philipp-Palm-Preis für Meinungs- und Pressefreiheit ausgezeichnet worden. Er teilt sich den Preis mit Bushra Al-Maktari, Journalistin und Autorin aus dem Jemen.

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Gui Minhai, Bürger

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