Schorndorf

Die Rittersleut von der Rems

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Ritter Markus vom Drachenstein im Training mit Ritter Wolfgang von Mergenthal. © Ramona Adolf
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Ritter Markus vom Drachenfels mit seiner Frau Lady Anja inmitten von Mittelalteridyll. © Wiedenhöfer
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Ritter Markus vom Drachenstein im Deutschrittergewand mit Adler. © Wiedenhöfer

Schorndorf. Wo einst Küchenmaschinen gebaut wurden und inzwischen Samba getanzt wird, klirrt und scheppert es samstags. Ritter Markus vom Drachenstein und Ritter Wolfgang von Mergenthal trainieren mittelalterlichen Schwertkampf. Und das ist eine echte Kraftanstrengung. Da rinnt der Schweiß, da pumpt das Herz. Die Drachenritter nehmen ihre Grundausbildung wirklich ernst. Und das Rittersein, das schwappt auch ins echte Leben über.

Video: Ritter Markus vom Drachenstein und Ritter Wolfgang von Mergenthal trainieren mittelalterlichen Schwertkampf.

Durch Zufall sei er da so reingeraten, erzählt Markus Wiedenhöfer und grinst. Zusammen mit seiner Frau Anja Bäumler betreibt der 48-Jährige in der Testküche der ehemaligen Firma Jupiter das Tanzhaus Schorndorf. Vielbeschäftigt sind sie und viel interessiert – und als sie einmal sommers Zeit hatten, die Seele baumeln zu lassen, besuchten sie einen Mittelaltermarkt in Speyer. Einfach so. Aus Neugierde, um sich etwas Sommerwind um die Nase wehen zu lassen. Dort angekommen waren sie fasziniert von dem Leben, das im Lager tobte. Da war kaum Schauspiel zu sehen, das sei wie ein anderes Leben gewesen. Schnell fühlten sie sich in ihrem Outfit mit Jeans und T-Shirt seltsam. Schließlich schien die Welt um sie herum um Jahrhunderte zurückversetzt.

Ritter kann man auch im Alltag sein

Klar war, so ein Mittelalter-Lager, das wollten sie wieder erleben. Und zwar richtig. Mit Montur. Markus Wiedenhöfer erstand eine schwarze Lederhose, ein schwarzes Hemd und fertig war die Mittelalterkluft für den Anfang. Und auch seine Frau stöberte und stöberte, entdeckte ihr erstes mittelalterliches Gewand. So zogen sie immer wieder los, tauchten immer tiefer in die Welt der Ritter und Burgfräulein ein und staffierten ihre Garderobe weiter aus. Lady Anja näht ihre Gewänder mittlerweile größtenteils selbst – nach historischen Schnitten, aber mit dem Luxus einer modernen Nähmaschine. Inzwischen können sie ganze Schränke mit ihren mittelalterlichen Schätzen füllen. Allerdings, bis Markus Wiedenhöfer klar war, welche Art von Ritter er genau sein wollte, gingen noch einige Monate ins Land. Inzwischen ist’s für ihn klar wie Kloßbrühe: Die Templer waren ihm zu religiös, aber ein Deutschritter, der wollte er gerne sein. Und das ist er inzwischen nicht nur auf den Mittelalter-Events. Ritter, das kann man auch im Alltag sein, findet er, der sich in der Mittelalterwelt Ritter Markus vom Drachenstein nennt. Da hilft er schon mal einer älteren Dame, schwere Taschen in den Kofferraum des Autos zu hieven. Und auch sonst ist es Wiedenhöfer wichtig, Partei für andere zu ergreifen. Immerhin hätten die Ritter im Ursprung auch die Wege von Reisenden bewacht. Hilfsbereitschaft und Zivilcourage gehörten deshalb noch heute für ihn dazu.

Die gesamte Rüstung wiegt fast 30 Kilogramm

Kaum waren Wiedenhöfer und seine Frau vom Mittelalterfieber infiziert, interessierten sich mehr und mehr Bekannte der beiden für das besondere Hobby der beiden. „Und die Meisten, die wir mal mitgenommen haben, sind auch dabei hängengeblieben“, berichtet er. So erging es auch Christian Ulmer, der im normalen Leben Lehrer ist und sonst mit seiner Frau beim Tanzkreis der Tanzschule das Bein schwingt. Kaum war er beim ersten Ritterlager dabei gewesen, war er auch er von der fremden Welt begeistert. Für einen bestimmten Orden wollte er sich aber nicht entscheiden. Und so stellt er einen einfachen Ritter dar. Wobei, so einfach sieht das trotzdem nicht aus. Bis Christian Ulmer aka Ritter Wolfgang von Mergenthal sich vollständig gewandet hat, geht einige Zeit drauf: Kettenhemd, Kopfschutz aus Metall, drüber einen Helm mit Nasenschutz, dicke Schulterpolster, diverse Armschützer. Obendrüber kommt das farbige Rittergewand. All das muss dran an den Mann. Ähnlich sieht’s bei Markus Wiedenhöfer aus, der einen sogenannten Topfhelm mit Wangenschutz trägt. Rund 30 Kilogramm schwerer sind die beiden, wenn sie ihre komplette Ausrüstung angelegt haben.

Bei den Schaukämpfen muss jeder Schritt sitzen

Damit sie sich auf diversen Mittelalter-Veranstaltungen richtig ausleben und auch dort den ein oder anderen Schaukampf aufnehmen können, trainieren die Drachenritter regelmäßig. Samstags zwischen 14 und 16 Uhr klirren in der Tanzschule im ehemaligen Jupiterareal die Schwerter. Und da geht es wirklich ums Detail. Fußstellung, Armdrehung, Schwungrichtung. Die Bewegungsabläufe müssen stimmen. Andernfalls könnte einer der Ritter doch mal einen Schlag abbekommen. Dabei sollen alle Schwertbewegungen nicht bis zu Ende ausgeführt werden. Immerhin geht’s hier um Schaukämpfe und körperliche Ertüchtigung. Kontaktkämpfe absolvieren sie nicht.

Ritter vom Drachenstein als Marktorganisator

Inzwischen ist Markus Wiedenhöfer sogar zum Organisator eines Mittelalterevents geworden. Dies aber mehr per Zufall. Der 48-Jährige hatte einen guten Bekannten besucht, der dabei war, den verkaufsoffenen Sonntag der Stadt Bietigheim zu organisieren. Dem kam spontan die Idee, dass ein Mittelaltermarkt doch genau die richtige Ergänzung für seine Veranstaltung am kommenden Wochenende, 28. und 29. Januar, wäre. Ob Wiedenhöfer das mal versuchen wollte? Er sagte zu und dachte zunächst an ein kleines Event am Rande des verkaufsoffenen Sonntags. Inzwischen ist es ein ausgewachsener Mittelaltermarkt mit rund 50 Ständen geworden, dazu gibt’s am Sonntag einen Flohmarkt und an beiden Tagen etliche Barden, die inmitten des bunten Treibens ihre Kunst darbringen. Durch die ganze Organisiererei kennt der Schorndorfer inzwischen etliche Mittelalter-Recken. Das freut ihn ungemein. Denn nun kann er wirklich behaupten, in der Szene angekommen zu sein.