Schorndorf

Die Stadt aus Sicht der Frauen

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Landtagsabgeordnete Petra Häffner (l.) hat sich gerne als Projekt-Patronin gewinnen lassen. Gabriela Uhde (2.v.l) freut sich mit ihren Mitstreiterinnen Christa Benseler (3.v.r.), Simone Cemerin (2.v.r.) und Sabine Welter (r.) über die gelungene Broschüre. © Büttner / ZVW
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Die Broschüre – mit viel Liebe zum Detail gestaltet. Sie ist ab 12. September an der Schorndorfer Stadtinfo kostenfrei zu erhalten. Möglich machen das Fördergelder der Bürgerstiftung und der Städtischen Frauenförderung. © Büttner / ZVW

Schorndorf.
Die Frauengeschichtswerkstatt um Gabriela Uhde hat einen besonderen Stadtrundgang entwickelt. Wer sich auf diesen begibt, lernt spannende historische Schorndorferinnen kennen. Frauen, sie selbst gestaltet haben. Frauen, die etwas verändert haben. Frauen, die als echte Vorbilder taugen.

Video: Gabriela Uhde von der Frauengeschichtswerkstatt über ihr Projekt.

Warum sie teils vergessene Frauengestalten aus der Versenkung herausgeforscht haben? Gabriela Uhde, Leiterin der Frauengeschichtswerkstatt Schorndorf, ist da ganz eindeutig. Der Stadtrundgang, der zwölf Schorndorfer Frauen vorstellt, erweitere das Repertoire an Identifikationsfiguren aus der Stadtgeschichte. Das sei wichtig, weil Frauen in der herkömmlichen Geschichtsschreibung – wenn überhaupt – meist nur am Rand, mit Hilfsdiensten oder zur Dekoration erwähnt würden. „Was dazu führt, dass Frauen auch heute noch von sich aus eher am Rand stehen bleiben, statt sich mitten in der Gesellschaft für diese zu engagieren.“

Frauenrundgang auch für Männer interessant

Aber auch für Männer seien die Ergebnisse interessant – da ist sich die Politikwissenschaftlerin und Journalistin sicher: Schließlich wird auch für sie das Geschichtsbild komplettiert um die Belange, Beiträge und Blickwinkel der Frauen. „Das ist so, wie wenn man plötzlich auch mit dem zweiten Auge sieht: Das Gesichtsfeld wird erweitert.“ Die Welt wird plastischer. Schorndorf wird plastischer. Als Patronin der Broschüre wurde Petra Häffner ausgewählt. Dies, weil auch sie Geschichte geschrieben habe, so Gabriela Uhde. Immerhin sei sie die erste Frau, die im Wahlkreis Schorndorf per Direktmandat in den baden-württembergischen Landtag gewählt worden ist. Häffner habe sich von der Anfrage sehr geehrt gefühlt und bestätigt im Rahmen des Pressegesprächs die Notwenigkeit der Arbeit der Frauengeschichtswerkstatt: Seit sie nämlich die Frauen in der Broschüre kennengelernt habe, gehe sie mit anderen Augen durch Schorndorf. Sie ist davon überzeugt: „Ohne die Vergangenheit gibt es keine gute Zukunft.“ Die Kenntnis bemerkenswerter Frauen aus zurückliegenden Tagen beeinflusse, was komme. Und: „Wenn wir Frauen nicht von uns reden, dann tut es niemand.“ Frauen müssten endlich lernen, sich selbst wichtig zu nehmen. Also sei die Arbeit der Frauengeschichtswerkstatt auch eine nachträgliche, aber notwendige, Würdigung beeindruckender Vorkämpferinnen.

Wie es zur Gründung der Werkstatt kam? Uhde, die zuletzt etliche Vorträge zu Frauen in der Geschichte gehalten hatte, wurde immer wieder angesprochen, dass man gerne noch mehr zu diesem Thema hören wollte. Also rief sie zur Gründung der Frauenwerkstatt auf, wie es sie in vielen anderen Städten auch gibt. Etwa 20 Frauen sind im Boot, noch mal so viele als beobachtende Interessierte. Den Stadtrundgang haben zwölf Frauen erarbeitet, jede Frau kümmerte sich um eine historische Schorndorferin. Sechs davon waren bereits bei einem einmaligen Stadtrundgang des Frauenforums, damals unter der Schirmherrschaft der damaligen Frauenbeauftragten Sigrid Maier-Rupp, vorgestellt worden. Diese wurden vertiefend erforscht und um sechs weitere Vorbilder erweitert.

Die Frauen waren um ihre Unabhängigkeit bedacht

Den Reigen in der Broschüre eröffnet Elisabeth Schrinerin. Sie starb 1477 und gilt als wichtige Stifterin für die Schorndorfer Stadtkirche. Und so ist auch eine Inschrift ihr zu Ehren neben dem Hauptportal angebracht. Weiter geht’s mit Barbara Schertlin (1496-1575). Sie trat mit reichlich finanziellen Mitteln in den franziskanischen Laienorden der Klausnerinnen ein. Die Frauen sträubten sich gegen die Reformation und waren auch sonst stark um ihre Unabhängigkeit bedacht.

Katharina Böschin (um 1515) lebte zur Zeit des „Armen Konrads“. Während viele andere Frauen beim Aufstand aktiv waren, wird nur sie namentlich erwähnt, weil sie in einer Bittschrift um Gnade für ihren Mann Utz Entenmayer bat. Rosa Kamm (1907 -1996) machte als engagierte Sozialdemokratin von sich reden. Sie wurde nach dem Krieg in die verfassungsgebende Landesversammlung von Württemberg-Baden gewählt – als eine von sieben Frauen neben 93 Männern. Sie übernahm die Leitung des SPD-Ortsvereins, war eine der ersten Frauen im Schorndorfer Gemeinderat.

Erste Richterin Württembergs kam aus Schorndorf

Auch die erste Richterin Württembergs lebte zeitweise in Schorndorf. Dr. Ilse Beisswanger (1903-1985) begann nach dem Studium ihre berufliche Laufbahn 1929 als stellvertretende Amtsrichterin in Stuttgart. Ihr wurde aber schon zwei Jahre später gekündigt: „Solange ein Überangebot bester männlicher Kräfte vorhanden“ sei, sei es „auch psychologisch schwer zu tragen, sie durch Frauen zurückzusetzen. Also arbeitete sie anschließend als Rechtsanwältin. Nach dem Krieg wurde sie von der alliierten Militärregierung zur Spruchkammervorsitzenden berufen und wurde nach vielen Beförderungen 1964 Landgerichtsdirektorin.

Klar, dass Barabara Künkelin (1651-1741) nicht fehlen darf. Die legendäre Anführerin der „Weiber von Schorndorf“ hat mit ihrem bürgerlichen Ungehorsam Geschichte geschrieben. Schriftstellerin Karoline Paulus (1767-1844) wurde als eines von elf Kindern von Oberamtsmann Gottlieb Friedrich Paulus geboren. Nach ihrer Heirat lebte sie in Jena und stand in engen Beziehungen zu Schelling, Hegel, Schiller und Schlegel. Auch Goethe und Jean Paul waren bei der Familie zu Gast.

Rosine Abel (1765-1809) hatte in Tübingen ein „Institut für Frauenzimmer“ gegründet. Hier wurden Mädchen in französischer Konversation und Handarbeit unterrichtet.

Emma Bäuchle (1882-1949) war Handarbeitslehrerin und Hilfsorganistin in der Stadtkirche, auch im Kirchenchor war sie stark engagiert. Sie hatte das Charlottenkreuz erhalten, weil sie sich im Ersten Weltkrieg beim Roten Kreuz mit der Versendung von „Liebesgaben“ für die Soldaten engagiert hatte.

Selma Maier (1892-1990) gehörte zusammen mit ihrer Schwester Emma zu den ersten sieben Frauen, die an einer württembergischen Universität das Pharmaziestudium abschlossen. Sie baute die homöopathischen Abteilungen der Stuttgarter Hofapotheke und der Kreuser’schen Apotheke auf. Das Schiller-Porträt von Ludovike Simanowiz (1759-1827) ist weithin bekannt. Die Malerin selbst blieb lange dahinter verborgen. Marie Schmid (1814-1901) tat sich als Gründerin des Pfarrtöchterheims Marienstift hervor. Hier sollte den ledig gebliebenen Pfarrtöchtern ein würdiger Lebensabend ermöglicht werden.

Info

Der Rundgang wird am Sonntag, 11. September, einmalig von den Autorinnen der Broschüre begleitet. Treffpunkt ist um 15 Uhr am Kirchplatz.

Danach wird der Rundgang von den Stadtführerinnen (kostenpflichtig) angeboten, v. a. von Sabine Welter, die auch Mitglied der Frauengeschichtswerkstatt ist.

Buchungen werden in der Kinderstube von Simone Cemerin (0 71 81 / 6 42 95) entgegengenommen.