Schorndorf

Die Tätowiererin Tia Mercedes Radanovic in der Schorndorfer Seniorenpflege

Tätowiererin
Tia Mercedes Radanovic vor ihren Zeichnungen. Sie hofft auf eine baldige Entspannung der Corona-Lage. © Alexandra Palmizi

Auf den ersten Blick ist die junge Frau selbst ein Kunstwerk: türkis-schwarz gefärbte Haare, geschminkte ausdrucksstarke Augen, gepierct und tätowiert: Tia Mercedes Radanovic ist 21 Jahre jung und hat ihre Lehre abgeschlossen – allerdings konnte sie die Tätigkeit einer Tätowiererin noch nicht ausführen. Die Pandemie machte ihr einen Strich durch die Rechnung: „Ich war gerade fertig und hätte loslegen können – dann kam Corona und der Lockdown“, erinnert sich die junge Frau, die die Gottlieb-Daimler-Realschule in Schorndorf und anschließend das Berufskolleg der Johann-Philipp-Palm-Schule besucht hat.

Den Traum, Tätowiererin zu werden, hatte Tia schon von klein auf, erzählt sie. Tätowierungen, Punk-Themen – das sei ihr alles nicht fremd gewesen, sei sie doch durch die Eltern, die ebenfalls tätowiert sind, damit aufgewachsen. „Mich hat das fasziniert und mir imponiert. Ich wollte immer zeichnen – und was kann man da für einen Beruf ausüben?!“, hat sie sich gefragt. Sicherlich habe sie „gewisse Vorstellungen“, Psychologie würde sie gerne studieren, Journalismus reize sie ebenfalls, auch die Eltern und Großeltern würden es lieber sehen, wenn Tia beispielsweise Tiermedizin studieren und Tierärztin werden würde, aber: „Ich bin noch so jung und habe noch Zeit. Studieren kann ich immer noch – und dann nebenher tätowieren.“

Ihr „gewissenhafter Meister“ ist Tätowierer Bernd Dilger

Mit zwölf Jahren habe sie ihre Mutter zu Tätowierer Bernd Dilger begleitet und gespannt zugeschaut, wie ein Motiv auf der Haut ihrer Mutter entsteht. Ab da sei ihr eigentlich klar gewesen: „Das möchte ich auch können.“ Skepsis habe sie zunächst vom Papa geerntet, der sie aber dann, genauso wie die Mama und die Schwester, bestärkt hätte: „Meine Mama hat gesagt, wenn du das Handwerk erlernen möchtest, dann nur bei Bernd.“ Der 52-Jährige betreibt sein „Deep Roots Tattoo“-Studio in Schorndorf-Weiler und kann aus einer mehr als 20-jährigen Erfahrung schöpfen.

In Deutschland gibt es bisher keine gesetzlich geregelte Ausbildung zum Tätowierer beziehungsweise zur Tätowiererin. Meist erlernen Tätowierer ihr Handwerk von bereits erfahrenen Tätowierern sowie durch eigenständige Weiterbildung. Je mehr Zeit man damit verbringt, seine Fähigkeiten zu entwickeln, desto besser wird man. Tia hat ihren Ausbilder, ihren „gewissenhaften Meister“ wie sie ihn nennt, in Bernd Dilger gefunden – und sie ist stolz darauf.

Ihr erstes Piercing hat Tia mit 15 Jahren erhalten – den besagten Ring durch die Nase. „Mit zwölf fand ich das noch total blöd, weil ich dachte, da sieht man aus wie eine Kuh“, sagt die 21-Jährige lachend. Die „Löcher“ in den Ohren folgten dann mit 18 Jahren. Und das erste Tattoo? „Star Wars an den Knöcheln.“ Das sei ein Teil ihrer Kindheit, sagt sie, denn mit ihrem Papa habe sie immer Star-Wars-Filme geschaut. Acht Tätowierungen habe sie mittlerweile auf dem Körper verteilt, jede Zeichnung hat ihre Geschichte. Und natürlich wird das eine oder andere Motiv noch hinzukommen.

Wie lötet man eine Nadel?

Bernd Dilger hat ihr alles beigebracht, was ausschlaggebend ist: „Ich war erst mal etwas verblüfft, was ich alles lernen musste – über Hygiene, Bakterien, Pilze.“ Und was Tia besonders schätzt: Der Schorndorfer Tätowierer hat ihr auch gezeigt, Nadeln zu löten. Ein Handwerk, das heutzutage nur noch wenige können. „Aber das macht es aus: Ich möchte ja wissen, wie alles funktioniert und aufgebaut ist. Und das hat mir Bernd bis ins Kleinste gezeigt.“ Wie Zeichnungen durch Schattierungen anders wirken, wie man die Nadel führt, was es zu beachten gilt – all das habe sie aufgesaugt, wie ein Schwamm.

Dann kam sowohl für den erfahrenen Tätowierer, als auch für die „Berufsanfängerin“ der Hammer: Corona, Lockdown. Für den Verdienst einer Tätowiererin gibt es keine Regelungen oder tarifrechtliche Vereinbarungen. Wie viel man als Tätowierer verdienen wird, unterliegt starken Schwankungen und lässt sich pauschal schwer sagen. Tia weiß, dass sie durch eine „privilegierte Situation und die Unterstützung ihrer Familie“ vorerst noch „gut dasteht“. Aber „nichts machen und faul rumliegen“ kommt für die 21-Jährige nicht infrage. Deshalb arbeitet sie derzeit in der Seniorenpflege der Senta (Seniorentagesstätte – Tagespflege und ambulanter Pflegedienst) in Schorndorf und betreut an Demenz erkrankte Menschen. Dass es da zu der einen oder anderen Unterhaltung wegen des außergewöhnlichen Aussehens der jungen Frau mit ihren Tätowierungen kommt, steht fast schon auf der Tagesordnung. Tia lacht: „Aber das ist schön.“ Sie berichtet von einem 93-jährigen Herrn, der ihre Motive kritisch beäugt habe, während eine Seniorin die „Bemalungen ganz toll“ fand. „Und wenn wir uns dann darüber unterhalten, und ich was zu den Zeichnungen erzähle, ist es immer lustig“, sagt Tia. Sie mag dieses Zusammensein mit den älteren Menschen und vor allem, dass sie etwas für sie tun kann: „Es ist so was wie mein zweites Standbein.“

Wegen Corona fehlt die Routine

Dennoch – ihr Ziel als Tätowiererin arbeiten zu können, möchte sie nicht aufgeben. Nichts anderes gebe es im Moment für sie, „was mir dieses Gefühl gibt und glücklich macht“. Es sei so eine große Ehre, wenn die eigenen Zeichnungen die Haut eines anderen schmücken – und das meist ein Leben lang. Die Pandemie habe sie psychisch angegriffen, das gibt Tia offen zu: „Die Angst, wie es weitergeht, hat mich schon umgetrieben und meine Motivation beeinflusst. Mittlerweile ist es besser geworden.“ Wenn die „schwere Zeit“ vorbei ist, und Tia Kunden hat, möchte sie zunächst mit „kleinen Sachen“ anfangen. „Durch Corona fehlt mir natürlich die Routine. Beim Tätowieren gibt es keinen Radierer - auf dem Papier kann ich meine Motive korrigieren.“ Dass tätowieren anstrengend sein kann, hat sie schon erfahren: „Jede Haut ist anders und es erfordert eine hohe Konzentration und kostet Energie.“ Sie weiß um die Unterstützung von Bernd Dilger: „Wenn es um die Routine geht, steht er mir zur Seite.“

Ein Helene Fischer-Tattoo? Pia: „Warum nicht?! Aber in meinem Stil.“

Manchmal, so sagt Tia, fehlt ihr noch ein bisschen das Selbstvertrauen, der Perfektionismus stehe ihr manchmal im Weg: „Ich bin nie ganz zufrieden mit meinen Zeichnungen – obwohl dann Freunde und Bekannte sagen: Mensch, das ist doch toll.“

Ihren eigenen Stil hat sie längst gefunden: Old-School-Tattoos und Pin-Ups. Es sind Figuren, die fast an den Manga-Style erinnern oder an Comics. Heutzutage sind Old-School-Tattoos ein echtes Statement, in den 20er Jahren waren sie noch absoluter Tattoo-Standard und vor allem unter Seeleuten und Soldaten beliebt. „Es sind farbintensive und auffällige Motive“, sagt Tia, die beispielsweise Meerjungfrauen oder Frauenporträts mag. Auch einen Indianer habe sie schon auf die Haut gezeichnet. „Ich denke, ich könnte auch Helene Fischer tätowieren – aber eben in meinem Stil.“

Auf den ersten Blick ist die junge Frau selbst ein Kunstwerk: türkis-schwarz gefärbte Haare, geschminkte ausdrucksstarke Augen, gepierct und tätowiert: Tia Mercedes Radanovic ist 21 Jahre jung und hat ihre Lehre abgeschlossen – allerdings konnte sie die Tätigkeit einer Tätowiererin noch nicht ausführen. Die Pandemie machte ihr einen Strich durch die Rechnung: „Ich war gerade fertig und hätte loslegen können – dann kam Corona und der Lockdown“, erinnert sich die junge Frau, die die

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