Schorndorf

Die Tücken mit dem neuen Pflegegesetz

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Manja Messig von der Awo-Sozialstation betreut die Familie Bootz in Schorndorf. Durch das Pflegestärkungsgesetz II, das seit Januar in Kraft ist, steht vordergründig mehr Geld für die Pflege zur Verfügung. Doch muss nach wie vor scharf gerechnet werden, welche Unterstützung sich das Ehepaar bei der Pflege und im Haushalt leisten kann. © Schneider / ZVW

Schorndorf/Waiblingen. Vanessa Hosang weiß, dass die Briefe der Pflegekassen oftmals mehr Verwirrung stifteten, als die Pflegebedürftigen und ihre Angehörigen aufzuklären, was mit dem Pflegestärkungsgesetz II auf sie zukommt. Seit Januar wird die Hilfebedürftigkeit in fünf Pflegegraden statt drei -stufen bemessen. Für Vanessa Hosang, Leiterin des Awo-Pflegedienstes in Schorndorf, bedeutet die Umstellung eine Menge Arbeit.

Auf den ersten Blick haben die meisten pflegebedürftigen Menschen seit Januar mehr Geld zur Verfügung. Ihre bisherigen Pflegestufen wurden automatisch auf Pflegegrade umgestellt. „Aber nicht in dem Ausmaß, wie es auf den ersten Blick ausschaut“, weiß nun Sabine S. (Name geändert), die sich um ihre beiden pflegebedürftigen Schwiegereltern kümmert und zusammen mit der Awo-Sozialstation die Betreuung neu geregelt hat.

Im Garten des Lebens wächst die Blume des Trostes. (Rumänisches Sprichwort)*

Zunächst sei die Freude groß, dass die Pflegekassen mehr Geld ausbezahlen, sagt Vanessa Hosang. Wer in der Pflegestufe 1 mit Demenz 316 Euro Pflegegeld erhalten hat, kann seit Januar im Pflegegrad 3 mit 545 Euro im Monat rechnen. Die erste Reaktion der Betroffenen sei natürlich: „Wir können uns etwas mehr leisten!“ Doch werden im Zuge des Pflegestärkungsgesetzes auch die Preise erhöht und die Pflegemodule geändert. „Wir fangen ganz von vorne an“, hat Hosang in ihren Beratungen festgestellt.

Mit Sabine S. hat Vanessa Hosang für die Schwiegereltern, 74 und 82 Jahre alt, ein neues Angebot zusammengepuzzelt. Um für den Schwiegervater einen dritten Termin in der Tagespflege herauszuschlagen, musste jedoch bei den Hilfen im Haushalt gestrichen und zweimal auf eine „Große Körperpflege“ verzichtet werden.

„Notfalls springe ich ein“, sagt Sabine S., die sich als typische „Sandwich-Frau“ bezeichnet. Als Mutter sorgt sie für ihre schulpflichtigen Kinder und kümmert sich als Schwiegertochter um pflegebedürftige Angehörige.

Bei den individuellen Versorgungsplänen, wie Hosang sagt, gelte es, die verschiedenen Töpfe auszuschöpfen und zu schauen, dass möglichst viel Pflegegeld übrig bleibt für Ausgaben, die nicht abgedeckt werden wie eben die Tagespflege oder Arzneimittel. Auch das neue Pflegestärkungsgesetz macht die Pflegekasse nicht zu einer Vollkaskoversicherung, betont Elke Mück, Leiterin der vier Awo-Sozialstationen im Rems-Murr-Kreis.

Es ist besser, etwas gehabt und wieder verloren zu haben, als es nie gehabt zu haben. (Walisisches Sprichwort)*

Dass der 74-Jährige dreimal in der Woche aus den eigenen vier Wänden kommt, sei für ihn selbst, aber auch für die Schwiegermutter ausgesprochen wichtig. „Sie machen sich keine Vorstellung, was es bedeutet, 24 Stunden lang aufeinanderzusitzen“, sagt Vanessa Hosang über den Stress, den Pflegebedürftigkeit bedeutet.

Der Demenznachmittag in den Räumen der Awo-Sozialstation Schorndorf ermögliche dem 74-Jährigen dringend notwendige soziale Kontakte, sagt Sabine S. Währenddessen kann ihre Schwiegermutter mit Hilfe einer Awo-Mitarbeiterin einkaufen gehen oder einfach mal für sich in der Wohnung sein. Bei aller Mühseligkeit des Selbstkochens: Es gibt eine Struktur im Alltag und werde von den meisten Senioren so lange aufrechterhalten, so lange es geht.

Man lebt zweimal: Das erste Mal in der Wirklichkeit, das zweite Mal in der Erinnerung. (Honoré de Balzac; 1799-1850)*

Das Pflegestärkungsgesetz II, das nun in Kraft ist, berücksichtigt nicht mehr nur die körperlichen Einschränkungen, denen pflegebedürftige Senioren unterliegen (siehe Zusatztext: „Eine neue Systematik ...“). Zugrunde liegt ein neuer Pflegebedürftigkeitsbegriff, der insbesondere Demenzkranken entgegenkommt. Als pflegebedürftig gilt, dessen Selbstständigkeit bedingt beeinträchtigt ist und der auf Hilfe Dritter angewiesen ist. Ursachen können körperliche, kognitive oder psychische sein. Bei der Einschätzung des Pflegegrades werden nicht mehr wie früher die Minuten gezählt, die für die Pflege notwendig sein. Stattdessen zählt der Grad der Selbstständigkeit, das Leben noch selbst in die Hand nehmen zu können.

Das PSG II sieht darüber hinaus vor, dass die Sozialstationen auch pflegerische Betreuungs- und Entlastungsleistungen abrechnen können, sagt Vanessa Hosang. Ihr Kollege von der Diakoniestation Waiblingen, Christian Müller, spricht in diesem Zusammenhang von „Eh da“-Leistungen. „Wenn Sie schon hier sind, könnten Sie nicht ...“ Also Gefälligkeiten, die von seinen Mitarbeitern erwartet werden, wie den Rollladen hochziehen oder den Müllsack hinuntertragen, die aber nicht bezahlt werden. Zudem stehen den Angehörigen dank PSG II nun auch Entlastungsleistungen von 125 Euro im Monat zu, die zweckgebunden für Tages- oder Nachtpflege eingesetzt werden können. Oder wenn pflegende Angehörige ausfallen, kann eine Kurzzeitpflege in Anspruch genommen werden.

Der Landkreis Rems-Murr geht davon aus, dass das PSG zu einer stärkeren Nachfrage vor allem bei ambulanten Pflegediensten und Tagespflege führt, heißt es im Kreispflegeplan. Ausschlaggebend dafür sei der neue Pflegebedürftigkeitsbegriff, der auch geistige Beeinträchtigungen wie Demenz erfasst.

* Die Zitate stammen aus einer Broschüre der Awo zum Thema „Abschied“.

Eine neue Systematik für die Pflege

Seit dem 1. Januar orientiert sich die Pflegebedürftigkeit nicht mehr an einem in Minuten gemessenen Hilfebedarf, sondern ausschließlich daran, wie stark die Selbstständigkeit beziehungsweise die Fähigkeiten des Menschen bei der Bewältigung seines Alltags beeinträchtigt sind, schreibt die AOK Ludwigsburg-Rems-Murr über die Neuerungen in der Pflege.

Ein Kurz-Überblick der neuen Ausrichtung und der Leistungen:

  • Demenzkranke werden Menschen mit körperlichen Beeinträchtigungen gleichgestellt. Ab 2017 haben sie Anspruch auf dieselben Leistungen.
  • Statt der bisherigen drei Pflegestufen wird es fünf Pflegegrade geben.
  • Wechsel zu einer neuen Systematik mit neuem Pflegebedürftigkeitsbegriff: Bewertet wird künftig, wie selbstständig jemand seinen Alltag noch gestalten kann, und nicht mehr, wie viel Zeit es braucht, um jemanden zu pflegen.
  • Die Pflegebedürftigkeit kann künftig feingliedriger, individueller und so gerechter bestimmt werden.
  • Personen mit geringeren Beeinträchtigungen haben den Vorteil, dass sie künftig schon früher Pflegegrad eins erhalten.
  • Die Umstellung einer bereits feststehenden Pflegestufe in den neuen Pflegegrad erfolgte automatisch. Niemand wurde finanziell schlechtergestellt.
  • Fast alle Geldleistungen der Pflegekasse werden um vier Prozent angehoben.
  • Grundsätzlich können Pflegeangebote oft noch individueller ausgewählt und kombiniert werden. Der Beratungsbedarf erhöhte sich deutlich.
  • Die soziale Absicherung pflegender Angehöriger wird erhöht. Die Pflegekasse übernimmt ab 2017 schon bei geringerem Pflegeaufwand als bisher Beiträge zur Rentenversicherung und neuerdings unter bestimmten Voraussetzungen auch zur Arbeitslosenversicherung.