Schorndorf

„Die USA sind komplett gespalten“: Das sagt eine Ex-Schorndorferin, die in Minneapolis lebt, zur Präsidentschaftswahl

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Manuela Ferguson stammt aus Schorndorf und wohnt heute in Minneapolis im US-Bundesstaat Minnesota. Im Hintergrund zu sehen: Die Minneapolis Bridge. © Pixabay/Montage: Mogck

Vor fünf Jahren verließ Manuela Ferguson der Liebe wegen Schorndorf. Seitdem lebt die 43-Jährige bei Minneapolis im Bundesstaat Minnesota und berichtet uns, wie sie den Präsidentschafts-Wahlkampf und die USA unter Donald Trump erlebt hat.

Wie haben Sie den Wahlkampf erlebt?

Als eine reine Geldschlacht. Die Summen, die für Werbespots und Postwurfsendungen für Kandidaten ausgegeben werden, sind geradezu obszön und wären anderswo besser investiert. Außerdem stört mich, dass in keinem der Spots im TV ein Wort über das Programm des Kandidaten verloren wird und darüber, was er zu tun gedenkt. Es geht ausschließlich darum, wie schlecht der Gegner ist und darum, den Gegner notfalls mit Halbwahrheiten und Panikmache möglichst schlecht darzustellen. Das finde ich anstrengend und enttäuschend.

Die USA scheinen, das zeigt das Wahlergebnis, komplett gespalten zu sein - wie ist da Ihre Wahrnehmung? Wie erleben Sie die USA im Moment?

Die USA sind komplett gespalten. Freundschaften und Familien zerbrechen an dem Thema. Viele Demokraten brechen den Kontakt zu Trump wählenden Freunden und Familienmitgliedern ab – auch viele meiner Bekannten. Allerdings hat das laut ihrer eigenen Aussage für sie nichts mehr mit Politik zu tun. „Politik ist die Frage: Geben wir mehr Geld für Straßenbau aus oder für Schulen? Nicht die Frage, ob Schwule, Transsexuelle und Immigranten Menschenrechte verdient haben“, sagen sie gerne. Sie sehen, wie sehr Trump Minderheiten schaden will. Sie sind der Ansicht, dass er das absolute Minimum an menschlichem Anstand und Mitgefühl vermissen lässt, und können es seinen Anhängern nicht verzeihen, dass sie das unterstützen.

Trump will gegen die Auszählung klagen. Was erwarten Sie, sollte er sich durchsetzen, von einer weiteren Präsidentschaft?

Eine weitere Isolierung von der internationalen Gemeinschaft, weitere Lockerungen von Umweltschutzgesetzen, Einschränkungen der Rechte und des Schutzes von Minderheiten, deregulierten Kapitalismus und eine halbe Million Corona-Tote bis zum Frühjahr.

In Deutschland blickt die Mehrheit sehr negativ auf Trump. Haben Sie eine Erklärung, weshalb so viele US-Amerikaner ihn trotz allem unterstützen?

Ich kann nur vermuten, dass es für eher konservative Amerikaner schwer zu verdauen ist, dass Schwule, Lesben, Transsexuelle, ethnische und religiöse Minderheiten plötzlich Gleichberechtigung wollen. Und zwar nicht nur in der Theorie, sondern in der Praxis. Seit ein paar Jahren ist es nicht mehr okay, wenn man Witze auf Kosten von Minderheiten reißt und Schimpfworte für diese Minderheiten verwendet. Seit einigen Jahren ist es nicht mehr okay, rassistische, sexistische und homophobe Sprüche abzulassen oder einem schwulen Paar die Hochzeitstorte zu verweigern, weil einem deren Lebensstil nicht passt. Plötzlich sind da Leute, die dagegen aufbegehren und sie für ihr Verhalten zur Verantwortung ziehen. Das macht diesen Leuten Angst. Und Trump verspricht ihnen, dass es wieder so wird wie früher, wo sie „sagen konnten, was sie wollen“, ohne dass gleich die „Wortpolizei“ kommt. Sie schätzen es, dass Trump sagt, was er denkt – auch wenn er damit die Gefühle anderer verletzt. Und finanziell schlechter gestellte Weiße in traditionell republikanischen Gebieten bekommen von Trump mit seiner Rhetorik natürlich für alles, was mit Amerika „nicht in Ordnung ist“ den perfekten Sündenbock hingehalten: eben diese Minderheiten, die Leute die „anders“ sind als sie selbst.

Haben Sie eine Erklärung dafür, weshalb so viele Frauen und Latinos den Präsidenten weiterhin unterstützen?

„Single Issue Voters“ nennt man das: Menschen, die ihre Wahlentscheidung an einem einzigen Thema festmachen. Für konservative Frauen und Latinos (die traditionell großteils katholisch sind) ist es das Thema Abtreibung. Sie wählen dann den Kandidaten, der ihnen verspricht, Abtreibung illegal zu machen – unter zwar unter allen Umständen.

Hätte eine Wiederwahl von Donald Trump Auswirkungen auf Ihre Entscheidung, in den USA zu leben?

Ja. Ich weiß nicht, ob ich mich noch mal vier Jahre sicher fühlen würde.

Hat sich in den letzten vier Jahren etwas spürbar in Ihrem Alltag verändert?

Ich habe leider festgestellt, dass ich inzwischen ungern in der Öffentlichkeit mit meinem Sohn Deutsch spreche, weil ich zu oft von Fällen gehört habe, in denen Spanisch sprechende Familien von wildfremden Menschen angegangen wurden, weil sie Spanisch sprachen. „Das hier ist Amerika und hier sprechen wir Englisch“ oder „Wenn du Spanisch sprechen willst, geh zurück nach Mexiko“, heißt es dann.

Angenommen Biden gewinnt, Trump akzeptiert das Ergebnis und es gibt keine Unruhen: Was müsste der neue Präsident tun, um das Land auf den richtigen Weg zu bringen?

Die Nation zu einen wird ihm nicht gelingen. Trumps Anhänger werden ihm aus reinem Trotz Steine in den Weg legen, wo sie nur können. Alleine deswegen, weil er nicht Trump ist. Das hat schon Züge einer gefährlichen Sekte. Was Biden tun kann, ist zu versuchen, das Ansehen der USA wiederherzustellen in der internationalen Gemeinschaft, nachdem Trump die USA zu einer Lachnummer gemacht hat. Er kann versuchen, Covid mit wissenschaftlich fundierten Maßnahmen in den Griff zu bekommen, statt so zu tun, als sei das alles gar nicht echt. Und er kann versuchen, so viele von Trumps Entscheidungen wie möglich rückgängig zu machen – und versuchen die USA wieder da hinzubringen, wo sie 2016 nach acht Jahren Obama standen.

Vor fünf Jahren verließ Manuela Ferguson der Liebe wegen Schorndorf. Seitdem lebt die 43-Jährige bei Minneapolis im Bundesstaat Minnesota und berichtet uns, wie sie den Präsidentschafts-Wahlkampf und die USA unter Donald Trump erlebt hat.

Wie haben Sie den Wahlkampf erlebt?

Als eine reine Geldschlacht. Die Summen, die für Werbespots und Postwurfsendungen für Kandidaten ausgegeben werden, sind geradezu obszön und wären anderswo besser

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