Schorndorf

Die Welt ist nicht flach, warum sollen es Bücher sein?

8277bba1-e508-41a3-95fa-a09f11df3b39.jpg_0
Christel Fezer, die Vorsitzende des Buocher Heimatvereins in der Sonderausstellung „Pop-up – Entfaltete Bücher“. © ZVW

Remshalden-Buoch. „Die Welt ist nicht flach, warum sollen es Bücher sein?“ Die Frage stammt von Ron van der Meer, einem Papieringenieur, der zusammen mit verschiedenen Autoren viele Pop-up-Bücher gestaltet hat. Einige davon sind jetzt zusammen mit weiteren zauberhaften dreidimensionalen Exemplaren im Buocher Heimatmuseum zu sehen.

Pop-up-Bücher, das hat weder was mit Pin-ups noch mit Pop-Musik zu tun. Eingedeutscht könnte man sie Aufpoppbücher nennen oder ganz einfach Aufklapp-Bilderbücher. Bücher sind es, aus denen einem beim Aufschlagen die Bilder entgegenkommen und sich entfalten in drei Dimensionen. Zur Demonstration klappt Christel Fezer, die Vorsitzende des Buocher Heimatvereins „Zauberklang-Geschichten – Peter Pan“ auf. Aus der Mitte der ersten Doppelseite erhebt sich schräg aufragend der Big Ben, und Peter Pan und Wendy fliegen im Schwung darum herum. Außerdem ertönt das Schlagen der Uhr des Londoner Wahrzeichens und eine Melodie erklingt.

Dieses Buch ist ein besonderes Exemplar, das die Geschichten auf seinen Seiten auch noch mit Geräuschen und Klängen unterlegt, eine Weiterentwicklung des ursprünglichen Konzepts der Pop-up-Bücher. Deren ganze Bandbreite hat Christel Fezer jetzt für die Sonderausstellung im Museum im Hirsch zusammengetragen. Angefangen bei einem sehr alten Vertreter seiner Gattung von 1864: „Kasperl’s Leben und Wirken in kurzweiligen Auf- und Abzügen für die liebe Jugend“. Es ist eher ein Ziehbilderbuch als eines mit Pop-ups: Seine beweglichen Bilder kann der Leser über Laschen lebendig werden lassen. Sie sind noch handkoloriert. Die damalige Technik gab einen maschinellen Farbdruck noch nicht her.

Aus zwei Buchdeckeln faltet sich ein metergroßes Modell heraus

Das Konzept von aufklapp- oder herausziehbaren Elementen in Büchern gab es sogar schon vor der Erfindung des Buchdrucks, hat Christel Fezer recherchiert. Doch vor allem in den vergangenen rund 150 Jahren trieben Autoren und Papieringenieure es zu erstaunlichen Höhenflügen. An der Wand hängt im Heimatmuseum ein gut ein Meter langes Modell eines Spaceshuttles, in dem sich Details aus dem Inneren der Raumfähre begutachten lassen, alles aus zwei Buchdeckeln herausgeklappt.

Die Pop-up-Technik hat nicht nur Kinderbücher hervorgebracht. Auch Künstler, darunter der Surrealist René Magritte, haben sich an dreidimensionalen Klapp-Werken versucht. Es gibt auch ein Buch über Mathematik in der Ausstellung, aus dem sich Formeln und geometrische Körper entfalten. Christel Fezer ist durch einen Werbeflyer für Chanel No. 5 auf das Thema aufmerksam geworden, den sie vor vielen Jahren in die Hand bekam. Sie kaufte Pop-up-Bücher für ihre Tochter, und heute sind auch ihre Enkel davon begeistert.

Viele der Ausstellungsstücke stammen aus Christel Fezers eigener Sammlung. Andere kommen von Leihgebern wie aus dem Archiv des Esslinger Schreiber Verlags. Dieser hat zwischen den 30er und 50er Jahren viele Pop-up-Bücher herausgebracht. Im Eingangsbereich des Heimatmuseums sind einige davon zu sehen, wie eine Version des Klassikers „Die Häschenschule“ und – Produkte des Dritten Reichs: „Die Autobahn“ und „Infanterie-Angriff“.

In den Vitrinen liegen Märchenbücher und Klassiker wie Moby Dick, mit ganzen Schiffen, die sich daraus auffächern. Sie sprechen Fantasie und Entdeckungslust auf eine ganz andere Weise an als gewöhnliche Bilderwerke. Christel Fezer ist von ihnen fasziniert. Den Ausspruch von Ron van der Meer – „Die Welt ist nicht flach, warum sollen es Bücher sein?“ – findet sie treffend. Und damit ist sie nicht allein. Die Verlage bringen die Bücher verstärkt wieder auf den Markt, stellt Fezer fest. Und das in einer Zeit, in der es Geräte wie Smartphones gibt, die viel beeindruckendere Effekte hervorbringen als gefaltete Konstruktionen aus Papier und Pappe. Doch die fantastischen Faltenwerfer bieten eine andere Form der Sinnlichkeit. Ein Bild auf irgendeinem Bildschirm, und sei es noch so trickreich in 3D animiert, kann man eben – noch nicht – anfassen.

Das Museum

  • Das vom Heimatverein Buoch betriebene Museum im Hirsch befindet sich in der Eduard-Hiller-Straße 6 (nach dem Buocher Ortseingang von Grunbach kommend, die erste Möglichkeit links).
  • Die Öffnungszeiten: Samstag 14 bis 16 Uhr, Sonn- und Feiertag 10 bis 12 Uhr und 14 bis 16 Uhr. Gruppen ab zehn Personen können sich unter ) 0 71 51/7 17 84 anmelden.
  • An den Sonntagen 24. Juli und 14. August zeigt von 10 bis 12 Uhr und von 14 bis 16 Uhr im Museum Dr. Greiner, wie eine Pop-Up-Karte entsteht, und führt vor, wie man Karton schneiden muss, um ein dreidimensionales Bild entstehen zu lassen.