Schorndorf

Diskussion um neue Tempo-30-Gebiete

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Ortsdurchfahrt Miedelsbach tempo 30 lärmbelästigung
Auch die Ortsdurchfahrt in Miedelsbach ist während der Diskussionsrunde angesprochen worden. Dort besteht durchgängig eine Geschwindigkeitsbegrenzung auf 30 Stundenkilometer. Nicht alle der Teilnehmer des „Fairen Vespers“ waren mit dieser Lösung zufrieden. © Joachim Mogck
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Hat schon öfters mit der Lokalen Agenda zusammengearbeitet: Christoph Link. © ALEXANDRA PALMIZI

Schorndorf. Es ist ein Thema, das die Gemüter bewegt: Beim Fairen-Agenda-Vesper entfachte nach einer Präsentation zum Thema Tempo 30 eine angeregte Diskussion. Im Fokus war dabei die Sinnhaftigkeit der neuen Geschwindigkeitsbegrenzungen in der Stadt. Besonders beschäftigt hat die Anwesenden die Frage, ob die Verringerung auf Tempo 30 wirklich zu einer geringeren Lärmbelastung führt.

Es gab Zeiten, da existierten in Deutschland überhaupt keine Tempolimits für den Verkehr in Ortschaften, erzählt Verkehrsplaner Christoph Link beim Fairen Vesper der Lokalen Agenda, bei dem alle Anwesenden sich an einer fair gehandelten Brotzeit bedienen können. In den 30er Jahren zum Beispiel, und dann wieder in den 50ern. Im Hinblick auf die Vielzahl an neuen Geschwindigkeitsbegrenzungen in der Stadt könnte sich diese Zeit für den einen oder anderen Autofahrer, der in letzter Zeit Schorndorf durchquert hat, wie ein Paradies vergangener Tage anhören, der glorreiche Wilde Westen des innerörtlichen Verkehrs. Allerdings: Damals stieg auch die Anzahl der Verkehrstoten rasant an.

Link: „Die Leistungsfähigkeit ist bei Tempo 30 relativ hoch“

Zumindest die Beschränkung auf Tempo 50 in Ortschaften sollte also größtenteils unstrittig sein. Bei einer weiteren Begrenzung auf 30 Stundenkilometer teilen sich die Meinungen dann aber schon häufiger. Das stellt sich auch beim gut besuchten Agenda-Vesper zum Thema heraus. „Die Leistungsfähigkeit ist bei einer Geschwindigkeitsbegrenzung von 30 Stundenkilometern relativ hoch. Es kommt eher mehr als weniger Verkehr durch, aber eben langsamer und gleichmäßiger“, sagt Christoph Link.

Für die Umsetzung der Geschwindigkeitsbegrenzung gibt es mehrere Möglichkeiten: Tempo-30-Zonen sollen in Wohngebieten und Bereichen mit einem hohen Fußgängeraufkommen zum Schutz der schwächsten Verkehrsteilnehmer dienen. „Außerhalb von Hauptstraßen ist das heutzutage eigentlich das Übliche“, so Link.

Zusätzlich zu dieser Zonenregelung, bei der das Tempolimit für ein größeres Gebiet besteht, können auch kürzere Tempo-30-Abschnitte auf Straßen mit einem höheren Verkehrsaufkommen gerechtfertigt sein – solche, wie sie jetzt auch in Schorndorf vermehrt umgesetzt wurden. Dafür muss es einen konkreten Grund geben, wie zum Beispiel die Nähe von Schulen und Kindergärten. „Die Hauptargumente hierfür sind natürlich Argumente der Sicherheit“, sagt Link. Ein gutes Beispiel dafür ist die Burgstraße, wirft jemand aus dem Publikum ein.

Begründung der Tempolimits mit Lärmbelastung ist umstritten

Die Begründung der Einführung solcher Tempo-30-Abschnitte auf Hauptstraßen mit dem Faktor Lärmschutz ist nicht ganz so eindeutig und auch bei den Anwesenden umstritten. „Bei der Verringerung von Tempo 50 auf Tempo 30 ist die Lärmbelastung grundsätzlich um 2,8 dB(A) geringer“, sagt Link. Bei den Verkehrslärmgutachten werde der Wert allerdings nicht gemessen, sondern berechnet.

Ob die Lärmbelastung tatsächlich geringer ausfällt, bezweifeln manche der Zuhörer. Ein Mann meldet sich zur aktuellen Lage in Miedelsbach, wo die gesamte Ortsdurchfahrt nur noch mit 30 Stundenkilometern möglich ist, zu Wort: Einige Anwohner wollen keinen Unterschied zu vorher bemerkt haben, andere behaupten sogar, es sei leiser gewesen, als die Autos noch bei Tempo 50 im vierten Gang vorbeifuhren, als jetzt bei Tempo 30 im zweiten. „Klar“, sagt Link. „Es kommt auch auf die Art des Fahrzeuges und andere Faktoren an. Aber über alles gerechnet sind es eben diese 2,8 dB(A) Unterschied.“

Stausituation in Miedelsbach ist Thema

Miedelsbach ist aber nicht nur wegen des Lärms im Gespräch. Ob sich durch die Geschwindigkeitsbegrenzung denn die Stausituation dort verändert habe, möchte eine Teilnehmerin wissen. Überhaupt nicht, sind sich mehrere der Anwesenden einig. Sie ist genauso schlimm wie vorher.

„Früher wollte man Schilder abbauen, heute grassiert der Schilderwald wie ein Geschwür“, findet ein Diskussionsteilnehmer. Es komme ihm vor, als wären die 30er-Zonen innerorts geradezu zum Trend geworden. Der Schilderwald hänge in Schorndorf mit dem Lärmaktionsplan zusammen, erklärt ein anderer. Der Gemeinderat wollte die Geschwindigkeitsbeschränkungen nur da umsetzen, wo es tatsächlich nötig ist. Als Hintergrund: Der Lärmaktionsplan wurde im März beschlossen und hatte als Maßnahme zur Lärmreduzierung unter anderem die Geschwindigkeitsreduzierungen auf Tempo 30 in besonders lärmbelasteten Straßen zur Folge. Die Kritik des Diskussionsteilnehmers: Gäbe es statt der aktuellen Lösung größerflächige 30er-Zonen, hätte das vielleicht den Vorteil, dass mehr Fahrer in einen höheren Gang schalten würden, weil sie wüssten, dass sie sowieso nicht so schnell wieder beschleunigen könnten.

Kritik an der Umsetzung des Lärmaktionsplans

Die neuen Tempolimits stoßen insgesamt auf Kritik: „Warum Tempo 30 am Park oder am Feuersee entlang?“, stellt ein Mann infrage. „Und dann, sobald wieder mehr Gebäude am Straßenrand zu sehen sind, ist die Beschränkung wieder aufgehoben.“ Das halte er nicht für sinnvoll. „Seit die Begrenzung in der Feuerseestraße herrscht, rasen die Fahrer durch die Uhlandstraße wie Geistesgestörte“, will ein Anwohner beobachtet haben. Die jetzige Regelung führe dazu, dass sich die Kraftfahrer Straßen aussuchen, auf denen sie schnell fahren können. Eine Anwohnerin aus der Nähe der Burgstraße sieht das Ganze positiver: Sie beobachtet, dass die vorbeifahrenden Motorräder sich bei der geringeren Geschwindigkeit tatsächlich leiser anhören. Außerdem hat sie das Gefühl, dass die Verkehrsteilnehmer aufmerksamer fahren.

Radwege sollen verbessert werden

Lange diskutiert wird auch die Situation der Radfahrer in Schorndorf. Von „Radwegen, die im Nirwana verschwinden“, ist da die Rede und von der „lebensgefährlichen“ Verkehrsführung in der Werderstraße – „Wer würde da seine Kinder langfahren lassen?“, möchte eine Teilnehmerin wissen. Grünen-Gemeinderat Wilhelm Pesch stellt in Aussicht, dass zwei große Pakete zur Verkehrsentwicklung noch nicht umgesetzt sind, die die Lage weiter verbessern sollen.

Agenda-Sprecherin Eva-Maria Hartmann appelliert an den Gemeinderat: „Wer untergeht, sind Fußgänger und Menschen mit Behinderung.“ Sie fordert dazu auf, vermehrt an die schwächsten Verkehrsteilnehmer zu denken.


Weitere Faktoren

Bei den Themen Emission und Verbrauch ist die Lage ambivalent: Es ist unklar, ob die Geschwindigkeitsverringerung auf Tempo 30 sich hier positiv auswirkt. „Darüber könnte man lange diskutieren“, so Verkehrsplaner Christoph Link.

Der Faktor Zeitbedarf ist eindeutiger: Die Reisezeit innerorts nimmt bei einer Begrenzung von Tempo 50 auf Tempo 30 um etwa ein Viertel zu. „Ein vergleichsweise geringer Zeitbedarf“, findet Link.

Als positiv bewertet er auch den Einfluss der Geschwindigkeitsbegrenzung auf 30 Stundenkilometer, wenn es um das Sichtfeld der Fahrer geht: „Bei Tempo 30 achtet man doch schon mehr auf die Seitenräume.“