Schorndorf

Drei Wunderkerzen glühen einsam in der Höllgass’: An Silvester auf Streifzug durch ein gespenstisches Schorndorf

Silvesterlockdown
Zeigten die ganze Silvesternacht klare Präsenz in Schorndorfs Innenstadt: Polizei und Sicherheitsdienst in der Johann-Philipp-Palm-Straße. © Gaby Schneider

Erwartet wurden, geben wir’s nur zu, bedröhnte Party-Partisanen, die pöbelnd durch die Gassen streifen und pyromane Feuerwerks-Vandalen, die aus öffentlichen Parks den nächtlichen Himmel beschießen. Aber: Da war nichts.

Was also schreiben?

Nun, diesmal war tatsächlich alles anders. Diese denkwürdige Silvesternacht 2020 in Schorndorf. Wenn sonst mit zunehmend vorgerückter Stunde immer mehr Böller und Raketen aus kindlicher Freude am Krachen schon mal vorgetestet wurden, war diesmal wenig zu hören. Mal das heisere Knattern übrig gebliebener Knaller. Das hörte sich eher wie ein trotziges Protest-Meckern an. Dann und wann, eher selten, das zerstäubende Corona-Leuchten eines einsamen Feuerwerkskörpers. Alles weit außerhalb des Altstadtkerns.

Ohne Altjahressingen waren Leere und Stille noch sicht- und hörbarer

Dort strömten sonst all die Jahre eine Stunde vor Mitternacht Hunderte von Menschen aus der Stadtkirche. Beglückte Hörer des eben zu Ende gegangenen, traditionellen Orgel-Silvesterkonzertes von Hannelore Hinderer. Viele zog es dann von der Kirche noch unter die Weihnachtstanne am Oberen Marktplatz zum Altjahressingen mit dem Posaunenchor und der Dekanin.

Dort bekam man neben dem Text der Lieder dann auch ein Kärtchen mit der mal tröstlichen, mal mahnenden Jahreslosung fürs folgende Jahr in die Hand gedrückt. Wiederkehrende, gemeinsame Rituale waren das, irgendwie Halt gebend, die jetzt, wo sie fehlten, die Leere und Stille auf dem Oberen Marktplatz nur noch sichtbarer und noch hörbarer machten.

Polizei machte Ankündigung starker Präsenz und Kontrollen wahr

Ausgangssperre also. Und nur wenige Minuten nach deren Beginn fuhr dann ab 20 Uhr in kürzeren Abständen immer wieder ein Streifenwagen langsam über den Marktplatz und durch die Gassen der Altstadt. Die Polizei machte ihre Ankündigung von verstärkter Präsenz und Kontrollen wahr und blieb deutlich sichtbar.

Am Bahnhof kontrollierten drei Beamte der Bundespolizei die Einhaltung der Ausgangssperre. Und bis um zwei Uhr morgens waren auch zwei Beamte vom Ordnungsdienst der Ortspolizeibehörde Schorndorf zusammen mit zwei Mitarbeitern des Sicherheitsdienstes SOW aus Benningen in der Altstadt unterwegs. Wir begleiteten sie auf ihrer Streife die Stunde um den Jahreswechsel herum. Und fanden am Wegrand dann doch ein paar wunderliche Geschichten. Geschichten über sehr Menschliches.

Ordnungshüter zeigen sich überrascht

Eine halbe Stunde vor Mitternacht also, die Ordnungshüter sind entspannt und erklären mit bester Laune: „Wir sind auch alle überrascht, dass es so extrem ruhig ist in der Stadt! Wir freuen uns natürlich darüber, dass so viele die Maßnahmen einsehen.“ Es gab gerade mal einen Verstoß gegen die Ausgangssperre. „Da wollte einer seinen Freund besuchen. Das war das Highlight!“ Dann ein paar Leute, die mit ihrem Hund Gassi waren. Ist ja erlaubt. Ansonsten: „Keine Alkoholverbotsverstöße. Nichts!“ Auch draußen, in der Umgebung: „Nichts los“.

Das tut den Ordnungshütern, wie sie beim Gang durch die ausgestorbene Stadt erzählen, mal ganz gut. „Wir hatten in den letzten Wochen viel mit Quarantäne-Überprüfungen wegen Corona zu tun. Deshalb ist es schön, wenn es mal ruhig ist.“

Beeindruckende Freundlichkeit und Souveränität der Ordnungshüter

Na ja, nicht ganz. Im Vorraum einer Bankfiliale in der Palm-Straße entdecken die Sicherheitsleute einen neben einer Flasche Wein schlafenden älteren Mann. Sie wecken ihn sanft. Fragen nach seiner Adresse. „Eigentlich wohne ich bei einem Bekannten, aber ...“ Mit beeindruckender Freundlichkeit und Souveränität wahren die Beamten hier die Würde des Obdachlosen und lassen ihn dann einfach - in Ruhe! 

In der Höllgasse kurz nach Mitternacht eine ganz reizende Ordnungswidrigkeit. Drei Frauen stehen im Freien vor ihrem Haus und haben drei Wunderkerzen angezündet, die sie freudig dicht aneinanderhalten. Ein Mini-Mini-Feuerwerk, das hoffentlich die bösen Geister von 2020 vertreiben hilft. Die Sicherheitsleute laufen mit erhobenen Daumen grüßend vorbei. Auch hier: was für ein bewundernswert großes Fingerspitzengefühl bei den Beamten!

Barmherzigkeit als Gegenstück zu Häme und Hass

Es bleibt noch die Jahreslosung für 2021, die wir hier nachtragen wollen: „Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist!“ (Lukas 6,36). Barmherzigkeit als das andere zu Häme und Hass in den Netzwerken; und Barmherzigkeit als Mitgefühl in Zeiten der Pandemie. Wie der Ratsvorsitzende der EKD, Bischof Bedford-Strohm, die Losung verstanden haben möchte.

Erwartet wurden, geben wir’s nur zu, bedröhnte Party-Partisanen, die pöbelnd durch die Gassen streifen und pyromane Feuerwerks-Vandalen, die aus öffentlichen Parks den nächtlichen Himmel beschießen. Aber: Da war nichts.

Was also schreiben?

Nun, diesmal war tatsächlich alles anders. Diese denkwürdige Silvesternacht 2020 in Schorndorf. Wenn sonst mit zunehmend vorgerückter Stunde immer mehr Böller und Raketen aus kindlicher Freude am Krachen schon mal vorgetestet wurden, war

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