Schorndorf

Easy Living: Wie die Schorndorferin Dagmar Heilsberg die  Coronakrise in Florida erlebt

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Trotz Coronakrise und Social Distancing: Dagmar Heilsberg genießt das Leben in Florida. Foto: Privat © privat

Normalerweise kehrt Dagmar Heilsberg immer Anfang Mai nach Schorndorf zurück, nachdem sie die Wintermonate im klimatisch angenehmeren Florida verbracht hat. Dieses Jahr ist alles anders. Sie hatte zwar ihren Flug für 5. Mai gebucht und erfahren: „Die Fluggesellschaft schickt mich dann irgendwie nach Stuttgart. Die belegen die Flugzeuge so, wie sie gerade können. Viele Flüge fallen ja aus. Ich mache mich (Maske tragend!!) auf alle möglichen Umwege gefasst. Und natürlich darauf, 14 Tage anschließend in Quarantäne zu gehen. Aber das ist ja auch nicht so schwierig, denn man kann telefonieren, im Internet surfen, fernsehen, sich Lebensmittel vor die Tür stellen lassen. Und aus dem Fenster schauen und von dort aus sein Schwätzchen halten.“

Die Kirschblüte und die Spargelzeit verpasst

Dann aber stellte Dagmar Heilsberg fest, dass sie mindestens an vier Flughäfen hätte umsteigen müssen, „und dann noch im Zug von Frankfurt nach Schorndorf“, worauf sie keine Lust hatte. Also verschob sie ihren Rückflug auf Juni. Zwar bedauert sie, dadurch „die wunderschöne Kirschblüte und die Spargelzeit zu verpassen“, doch das sind momentan kleine Kümmernisse.

Kaum Diskussionen: „Die Leute finden die Regeln in Ordnung“

„Es gibt kaum Diskussionen in der floridianischen Öffentlichkeit über Sinn und Zweck der Regeln“, erklärt Dagmar Heilsberg die Situation in Florida. „Die Leute, die ich kenne, finden die Regeln in Ordnung und halten sich selbst daran. Ist natürlich auch leichter hier, denn fast jeden Tag scheint die Sonne, die Leute, die ein Boot haben, fahren aufs Meer oder den See zum Fischen, genießen die freie Zeit, wenn sie arbeitslos sind (und Arbeitslosenunterstützung bekommen) und warten auf das, was kommt. Easy Living sozusagen.“

Die Betriebsrente in ein Häuschen in Palm Harbor investiert

Leute wie Dagmar Heilsberg, die in Florida überwintern, werden dort als „Snowbird“ bezeichnet. Schon jahrzehntelang waren die USA jeden Sommer ihr Reiseziel. Daher investierte sie vor zehn Jahren ihre Betriebsrente in ein Häuschen in Palm Harbor. Sie wollte es krisensicher in einer Immobilie anlegen, wie sie sagt, und in Florida reichte der Betrag für ein ganzes Häuschen. Zudem erklärt sie: „Florida ist halt schön im Winter, mit den Stränden, der Sonne, der guten Infrastruktur, der Freizeitkultur und den lockeren Leuten.“

Nun erlebt sie die Coronakrise dort. Im März herrschten bereits Tagestemperaturen von 30 Grad, und das Meer lud zum Schwimmen ein. Dann wurden die öffentlichen Strände geschlossen, was besonders die jungen „Springbreaker“ hart ankam, die den Frühling traditionell mit Partys am Strand begrüßen, ein bisschen vergleichbar mit dem 1. Mai bei uns.

„Es liegt der Verdacht nahe, dass die öffentlichen Strände auch aus diesem Grund geschlossen wurden“, meint Dagmar Heilsberg. „Normalerweise ist der Spuk nach einer Woche vorbei, das heißt, dann sind die Springbreaker wieder verschwunden. Eigentlich gehört dieses Ritual so traditionell zur jährlichen Event-Abfolge dazu, dass keiner das mehr bewusst wahrnimmt. Die Jungen haben da ziemliche Narrenfreiheit bei der Gestaltung, aber dieses Jahr ging es natürlich um mehr.“

Die Strände sind für den Publikumsverkehr gesperrt

So wurden im gesamten Pinellas County die Strände für den Publikumsverkehr gesperrt, „aber es gibt noch ein paar gemütliche Plätzchen an den nicht öffentlichen Stränden und in den vielen Parks, wo man sich mit Abstand zu den Mitmenschen aufhalten kann“, berichtet sie, „und natürlich haben hier auch viele Menschen ein Boot und genießen das Wetter auf dem Wasser“.

Radfahrenn, Jogging, Walking und Spazierengehen hat zugenommen

Der „Community-Pool“, frisch renoviert, „war auch nur für ein paar jämmerliche Tage offen“, bevor er der Corona-Schließung anheimfiel, ebenso das Fitness-Center, so dass die Leute sich aufs Joggen verlegen: „Man sieht viel mehr Radfahrer auf dem Pinellas Trail, einem etwa 40 Kilometer langen Fahrradweg, und das Jogging, Walking und Spazieren hat zugenommen, denn die Leute vermissen ihre Gym. Die Gyms hier sind immer bombenvoll, und das ist schon ein deutlicher Unterschied zu den deutschen Studios, die ja in der Regel auch teurer sind als hier.“

Der größte Einschnitt ist, dass die Shopping-Malls geschlossen sind

Und sie berichtet: „Ganz interessant: Alle Reisenden, die aus New York, Connecticut oder New Jersey kommen (um dem Virus zu entfliehen, da sie hier auch ein Snowbird-Domizil haben), müssen für 14 Tage in Quarantäne.“ Und in manchen Supermärkten gibt es „nette, meist junge Menschen, die mit Desinfektionsmittel für jeden einzelnen Kunden und jede Kundin die Griffe der Einkaufswagen reinigen“. Den größten Einschnitt im Alltag junger Leute sei, dass die Malls geschlossen sind. Denn „das Shopping dort gehört in der Regel zu den Wochenendvergnügen“. Zudem sehe man „immer mehr Menschen mit Masken in der Öffentlichkeit, und ich habe den Eindruck, dass die Regeln des Social Distancing bei der Mehrheit der Menschen angekommen sind, denn die Städte sind fast menschenleer bis auf Fahrradfahrer“.

Ohne Straßenverkehr sind Frösche, Grillen, Vögel und Kojoten zu hören

Seit der Verkehr so drastisch abgenommen hat und die Schule vis-à-vis der Straße geschlossen ist, hört sie wieder den Wald hinter dem Haus: Frösche, Grillen, Vögel, Eichhörnchen und Kojoten. Sie genießt diese Stelle, genießt, dass der Natur mehr Raum gegeben wird, „aber es wird mir erst durch die aktuelle Erfahrung bewusst, wie sehr das übertüncht wurde durch die vorherigen Alltagsgeräusche“.

Wegen Corona fiel ihre New-York-Reise aus, bei der sie, wie im vergangenen Jahr, eine deutsche Gruppe durch die Stadt führen wollte. Was sie bedauert, denn sie liebt diese Stadt sehr. Was ihr im Alltag fehlt, ist der Sport: „Ich bin sonst viermal wöchentlich in der Gym um die Ecke und schwimme in unserem Community-Schwimmbad. Nun mache ich einiges zu Hause und kämpfe in der Regel mit meiner Disziplinlosigkeit. Zum Schwimmen gehe ich an einen kleinen Strand im Nachbarort. Auch dort ist es wunderbar ruhig, und alle Besucher halten sich an die Social Distance.“

Unfassbar, wie dieser Präsident mit der Krise umgeht

Am meisten macht ihr jedoch „das große Leid in den großen Städten wie New York zu schaffen, und wie dieser Präsident mit der Krise umgeht. Und es macht mich fassungslos, wenn laut Umfragen noch immer eine große Zahl von Amerikanern meint, er mache es richtig. Das Gesundheitssystem ist schon ohne die Krise in den USA eine Katastrophe, und das ist natürlich jetzt doppelt spürbar. Auch Obamacare kann das nicht auffangen“.

Im Gespräch mit anderen Menschen komme die Sprache unweigerlich immer wieder auch auf das deutsche Gesundheitssystem: „Das finden alle toll und würden liebend gern tauschen. Aber die Republikaner mauern in der Mehrheit konstant gegen eine Änderung. Und Bernie Sanders, der mit Vehemenz ein sozialisiertes Gesundheitssystem vertritt, hat seine Präsidentschaftskandidatur zurückgezogen. Ich hoffe, dass sich durch die Krise jetzt im Bewusstsein der Wählerinnen und Wähler, die im November zur Wahl gehen, neue Sichtweisen eingestellt haben. Das wäre – was das Virus anbelangt – eine gute Entwicklung“.

Normalerweise kehrt Dagmar Heilsberg immer Anfang Mai nach Schorndorf zurück, nachdem sie die Wintermonate im klimatisch angenehmeren Florida verbracht hat. Dieses Jahr ist alles anders. Sie hatte zwar ihren Flug für 5. Mai gebucht und erfahren: „Die Fluggesellschaft schickt mich dann irgendwie nach Stuttgart. Die belegen die Flugzeuge so, wie sie gerade können. Viele Flüge fallen ja aus. Ich mache mich (Maske tragend!!) auf alle möglichen Umwege gefasst. Und natürlich darauf, 14 Tage

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