Schorndorf

Ehemaliger Manu-Kneipenwirt gibt Yoga-Kurse für Männer

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In yogischen Körperhaltungen findet Ex-Manu-Wirt Salim Çil Ruhe und Kraft. © Schneider/ZVW

Schorndorf. Er hat als Geschäftsführer die Manu-Kneipe wieder zum Laufen gebracht und der „Fidels Fritz“-Bar im Waiblinger Kulturhaus Schwanen Leben eingehaucht. Vergangenen Oktober hat Salim Çil überraschend das Handtuch geworfen und einen ganz neuen Weg eingeschlagen: Jetzt gibt er Yoga-Kurse für Männer, unterrichtet Frauen in Selbstverteidigung und steht – nicht als Wirt, sondern als Barista – hinterm Tresen der Zachersmühle.

Höher, schneller, weiter, besser – um diesen Leistungsdruck geht’s im Yoga nicht. Und darum, hat Salim Çil entschieden, soll sich auch in seinem Leben nicht mehr alles drehen. Und mag’s für viele auch überraschend gewesen sein: Vergangenes Jahr hat der 51-Jährige sich genau aus diesem Grund vom „Fidels Fritz“ in Waiblingen verabschiedet, so wie einige Jahre zuvor schon von der Kneipe im Club Manufaktur. Für ihn selbst ist diese Richtungsänderung nur folgerichtig. Obwohl er immer noch mit Leib und Seele Gastro macht, irgendwann hat ihn die Arbeit so ausgebrannt und so viel Kraft gekostet, dass er einen Schlussstrich ziehen musste: „Ich wollte Yoga mehr in meinem Leben integrieren.“

Yoga als Lebenseinstellung: „Ich fühle mich sehr befreit“

Vor 15 Jahren hat er seinen ersten Yoga-Kurs besucht, um einen Ausgleich zum schnellen, dynamischen und auf ein Gegenüber ausgerichteten Kampfsport zu finden: Seit seinem zwölften Lebensjahr macht Çil Taekwondo und hat es mittlerweile zum Großmeister gebracht. Doch als er 2007 das erste Mal bei Christa Densel in Stuttgart Iyengar-Yoga kennengelernt hat, rührte ihn das so, dass ihm fast die Tränen gekommen sind. Ashtanga-Yoga kam dazu. Auf vielen Reisen hat er sich mit fernöstlichen Philosophien beschäftigt, war in Indien, Nepal, auf den Philippinen und immer wieder in New York.

Basis-Kurs in Indien

Mittlerweile sind Yoga und Meditation viel mehr für ihn als ein Ausgleich: „Ich fühle mich sehr befreit.“ Ein Gefühl und eine Lebenseinstellung, die er auch an andere weitergeben möchte. In Rishikesh, einer der Yoga-Hochburgen in Indien, hat er sich im Frühjahr in einem fünfwöchigen Basis-Kurs zum Yoga-Lehrer ausbilden lassen, selbst 14 Stunden am Tag praktiziert und eine Menge über die Yoga-Philosophie erfahren. „Das macht was mit einem“, sagt Çil. Seit Mai bietet er in der Kunstmühle Schornbach freitagabends einen Yoga-Kurs für Männer und – als Gegenpol zum eigentlich männerdominierten Kampfsport – im Anschluss einen Selbstverteidigungskurs für Frauen an.

Ganz bewusst: Weil er in den Yoga-Kursen, die er besucht hat, als Mann – und mit türkischen Wurzeln sowieso – immer der Exot war, wollte er Männern einen Raum bieten, in denen sie sich bei den Körperübungen nicht immer mit den in der Regel beweglicheren Frauen messen müssen. Keine Höchstleistung, kein Wettbewerb, keine Verrenkungen – das kommt bei den fünf Teilnehmern, die seinen Freitagabendkurs besuchen, gut an. Dass auch Männer ein Bedürfnis nach Ruhe haben, „das gestehen sich viele nicht ein“, glaubt Çil und ist überzeugt, dass wir alle mehr Yoga und Meditation brauchen, „damit wir auf andere Gedanken kommen“.

Die Kneipe am Meer – oder Tagescafé mit Yogakursen

Er selbst ist durch die Praxis achtsamer geworden und sucht bewusst die Ruhe: „Meine Lebenseinstellung hat sich verändert.“ Eine Dreiviertelstunde Yoga am Morgen – und es ist ein anderer Tag. Yoga ist für den 51-Jährigen Energiequelle, eine Religion ist es für ihn nicht. Diesem Druck will er sich gar nicht erst aussetzen. Und doch: Obwohl ihm Religion eigentlich nicht wichtig ist, für ihn geht es beim Yoga um nichts weniger als „ums Göttliche“. Das berührt ihn und genügt, „um glücklich zu sein“. Und vielleicht erfüllt sich ja irgendwann auch sein Lebenstraum: Wenn’s nicht die immer ersehnte Kneipe am Meer sein soll, dann vielleicht mal ein Tagescafé, in dem er abends Yoga- und Selbstverteidigungskurse anbieten und fürs Wochenende Veranstaltungen organisieren kann.

Yoga und mehr im Pontelino

Salim Çil beschreibt seine Unterrichtsphilosophie selbst so: „Ich habe sehr viel Spaß daran, meine Fertigkeiten an Interessierte zu vermitteln. Aus meinen Erfahrungen habe ich meinen ganz eigenen Stil entwickelt, bei dem ich die Kraft und Konzentration von Yoga und Meditation mit der Ausdauer und dem Selbstbewusstsein der Kampfkunst zusammenfließen lasse. Dazu lege ich großen Wert auf Achtsamkeit und die Schulung von Körpersprache, Geist und Stimme. So kann es gelingen, durch Bewegung einen mentalen und emotionalen Ausgleich herzustellen.“

Seit 2007 praktiziert Salim Çil Iyengar-, seit 2015 Ashtanga-Yoga. Seit diesem Jahr ist Çil Hatha-Yoga-Lehrer. Seine zweite Leidenschaft ist Taekwondo: Seit 2013 ist er Taekwondo-Großmeister.

Weitere Informationen zu Salim Cils Kursen gibt es im Internet unter www.selbstverteidigung-yoga.de. Der Einstieg ist jederzeit möglich.

Die Kurse finden in den „Pontelino“-Praxisräumen in der Schornbacher Kunstmühle, Friedrich-Glück-Straße 20, statt. Dort bietet Martina Helms-Pöschko Psychomotorikkurse für Kinder und systemische Familienberatung für Jugendliche und Eltern an. In den Räumen finden aber auch Yoga für gemischte Gruppen, Lachyoga und Kunsttherapie-Stunden statt. Am Samstag, 29. September, ist von 14 Uhr an eine Ideenbörse im Pontelino geplant. Weitere Informationen unter www.pontelino.de.