Schorndorf

Ein emotionaler Abschied von ihrer Schule

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Gemeinsam schauen sich die Besucher die alten Räume der EHR an, um danach auf dem Schulhof zu reden. © Büttner / ZVW
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EHR-Hock
Die Schüler konnten sich an Wänden verewigen. © Büttner / ZVW
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Die ersten Besucher sind am frühen Samstagabend schon in der Jahnhalle. © Alexandra Christian

Remshalden. Wo vor wenigen Monaten noch Tornister, Bücher, Plakate, Lärm, Lachen und Lernärger die Szenerie prägten, herrscht nun Tristesse. Die Räume des alten Gebäudes der Ernst-Heinkel-Realschule sind leer – seelenlos, trostlos. Einzig die gemalten Hände und Sprüche der Schüler, die am letzten Schultag ihre Räume bemalen konnten, sorgen für etwas Leben. Und doch ist die Stimmung am Samstag bei der Abbruchparty besonders, als Hunderte Ehemalige Abschied nehmen. Ein tolles Fest.

Es gibt zwei Bewegungen, die diesen Nachmittag kennzeichnen: Umarmungen und ein suchender Zeigefinger. Denn Lehrer Hartmut Trümner und Schüler haben viele alte Aufnahmen aus dem umfangreichen Schularchiv herausgesucht, sie teils auf Plakate geklebt und in Schuhkartons zur Verfügung gestellt.

Freunde, Kollegen, Lehrer

An den Wänden stehen viele Menschen, suchen sich selbst auf den Fotos, teilweise noch in schwarz-weiß, Freunde, Kollegen, Lehrer. Die Finger wandern auf den Fotos entlang, verharren auf Köpfen und beginnen zu kreisen, wenn die Leute überlegen, wie denn diese Mitschülerin und der Lehrer doch gleich heißen – oder hießen.

Die Schüler haben eine kleine Chronik vorbereitet. „Einmal im Monat fand eine Beatparty im Musiksaal/Gymnastiksaal statt“, steht neben einem Foto. Es sind die Gesichter, die Klamotten, die Aktionen wie Bundesjugendspiele, die dankbar als Gesprächsanregungen angenommen werden. Und dann die vielen Umarmungen.

„Bei dem haben wir Musik gehabt"

Zwei Männer laufen sich auf dem Flur über den Weg. „Nein!“, sagt der eine ungläubig und strahlt, „sag mal! Das freut mich riesig, dass ich dich hier treffe!“ Die Männer umarmen sich, klopfen sich auf die Schultern. „Das Problem ist, dass man die Leute gar nicht mehr erkennt“, sagt der andere und lacht. Die beiden haben sich erkannt. „Man man man. Komm! Wir gehen mal eine Runde!“ Die beiden ziehen los. Diese herzlichen Begrüßungen sieht man überall auf dem Schulgelände.

Zwei Paare stehen vor der Fotowand. Auf alten Klassenfotos stehen die Jungs in den hinteren Reihen. Vorne sitzen die Mädchen, alle tragen Rock. „Früher waren die alle so brav“, sagt eine. „Wieso? Waren wir nicht brav?“, entgegnet ihre Freundin. „Nicht so brav“, sagt die andere. Ein Mann tippt auf ein Gesicht. „Bei dem haben wir Musik gehabt. Der hat auch Mathe unterrichtet.“ Er denkt nach. „Wie hat der geheißen? Dembek!“, sagt er irgendwann, „Dembek!“

„Die Remshaldener haben Stolz auf ihre Schule entwickelt“

Eine alte Rechnung für einen Schulausflug hängt an einem Plakat. Alles ist aufgelistet, unter anderem zehn Mark Trinkgeld für den Busfahrer. Lehrer Hartmut Trümner weist auf ein besonderes Schmankerl hin. „Wegen Unfugs vorgeführter Schüler“ steht auf einem Zettel.

Die Liste hat der Rektor 1973/74 geführt. „FKK in den Buäckern“ steht dort. Der Name wurde natürlich unkenntlich gemacht. Missetat zwei: „Verursachung einer Überschwemmung im Mädchenklo. Strafe: Ultimatum“. Dazu noch der Klassiker: „Schüler X verweigert die Arbeit“. Harald Trümner würdigt das Schularchiv. Schon immer hätten die Lehrer viel Zeit auf ein umfangreiches Archiv verwendet. „Die Remshaldener haben Stolz auf ihre Schule entwickelt“, ist er sich sicher. Vieles wurde abgeheftet.

Rund 2000 Menschen schauten bei der Abbruchparty vorbei

Einer fragt ihn, ob er sich die Fotos in den Schuhkartons angucken kann. Nur zu. Der Mann hat eine Kamera dabei, fotografiert einige Aufnahmen ab. Viele machen das am Samstagnachmittag – und schwelgen in Erinnerungen.

Schulleiterin Monika Behrend schätzt, dass sicherlich rund 2000 Menschen bei der Abbruchparty vorbeigeschaut haben. Es herrscht ein Kommen und Gehen – wobei viele lange bleiben. Einige Klassentreffen fanden in dieser Woche ebenfalls statt.

Räume prägen die Stimmung an einer Schule

„Für Schüler, Lehrer, Ehemalige ist das sehr emotional“, sagt die Schulleiterin. „Wir haben sehr viel erlebt hier. Es war unsere Schule“. Und die neuen Räume? Sehr hell, sehr modern. Gut organisiert.

„Aber wir müssen uns erst mal einrichten. Emotional einrichten“, präzisiert sie. Auch kleinere handwerkliche Arbeiten stünden noch an. „Erst wenn etwas an der Wand hängt, wird alles heimeliger.“

Werden sie etwas vermissen? Der alte Musikraum ist wunderschön, sagt Behrend. Diese einladende Atmosphäre und die Größe des Raums. Besonders dieser Bau werde ihnen fehlen. Harald Trümner ergänzt: Die neuen Zimmer seien heller, da sei alles etwas fröhlicher. Man könne die neuen Räumlichkeiten genießen. Die Lehrer könnten ihre Arbeit jetzt besser organisieren. Die Räume prägen die Stimmung an einer Schule, meint er.

Abbruch: „Wenn es uns egal wäre, kämen wir nicht hierher“

Der einstige „Neubau“ ist zugänglich. Hier tummeln sich Schüler, junge Ehemalige und ergraute Ex-Schüler. Ein junges Paar mit Kleinkind betritt einen Klassenraum. Einziges Zugeständnis an frühere Tage ist die grüne Tafel.

So etwas Antiquiertes werde der Nachwuchs wohl gar nicht mehr kennenlernen, meint der Vater auf die Digitalisierung verweisend. „Never forget you EHR“, steht an der Wand. „Byebye EHR“ steht im Flur, umrahmt von Hunderten Herzen. Ein herrenloser Fernsehrollwagen steht verloren im nächsten Raum. „War ne schöne Zeit“, hat jemand an die Wand gepinselt.

Eltern zeigen ihren Kindern, wo ihr Klassenzimmer war. Überall sieht man lachende Gesichter. Viele machen Fotos, manche auch Videos. Eine Männerrunde trifft sich auf dem Flur. „Ich bin mit dem Fahrrad gekommen“, sagt einer – „wie früher!“

Ein emotionaler Abschied

Ist es schade, dass die Schule abgerissen wird? Das sei schon schade, aber der Lauf der Zeit. Je älter man wird, desto schöner werden ja die Erinnerungen, sagt einer, 1987 fertig mit der Schule. „Und die Lehrer waren ja schon damals alt!“ Lachen. „Wenn es uns egal wäre, kämen wir nicht hierher“, sagt einer. „Man sucht die Erinnerung.“ Nebenan stehen zwei Frauen.

„Hier haben wir Englisch gehabt. Bei Frau Hübsch. Die heißt heute anders“. Manche Ehemalige verewigen sich an der Tafel. Hinter jeder geöffneten Tür erhaschen sie einen Blick in die Vergangenheit. Wie sich das Leben, die Menschen und die Schule verändert haben.

Manch einer entdeckt wieder das innere Kind in sich. „Manni ist doof“, hat jemand an die Tafel geschrieben. „Mia ist nett und schön!“, steht dort auch. „I love Mia“. Ein emotionaler Abschied bei einer tollen Abbruchparty.


Beatparty

  • Neun Ehemalige hatten im Anschluss eine „Beatparty“ in der Jahnhalle organisiert. Um 20 Uhr ging es los – und dauerte bis knapp 5 Uhr, berichtet Sven Hanke vom Orga-Team.
  • Unter den 1300 Besuchern waren Schüler und auch Ehemalige, die es auf 66 Jahre brachten. Dazu unzählige Mitglieder der verschiedenen Jahrgänge.
  • Zwei DJs sorgten für Stimmung, für jeden Geschmack war etwas dabei. Sogar aus Australien kamen die Gäste. „Unsere Erwartungen wurden übertroffen“, sagt der begeisterte Sven Hanke. Mit dem bekannten Geruch der alten Schulräume in der Nase wurde gefeiert. So viele Menschen hätten sich teilweise nach 20 Jahren wieder getroffen – „ein überragendes Gefühl“, sagt Hanke.
  • Alle hätten ein Ziel gehabt: Spaß haben! Es war eine große Herzlichkeit zu spüren. Daraus werde sich im Nachgang sicherlich etwas entwickeln, ist sich Hanke sicher. Vielleicht gibt es ja in Zukunft wieder so eine Feier, dann für einen guten Zweck.