Schorndorf

Ein kleiner Piks mit großer Bedeutung

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Etwas mulmig war ihr angesichts der Nadel, doch Nadine Bayer hebt den Daumen und signalisiert: Es geht mir gut! © Edgar Layher

Remshalden. 200 Menschen sind an diesem Donnerstag in die Wilhelm-Enßle-Halle gekommen, um sich einen halben Liter ihres Lebenssaftes abzapfen zu lassen. Der DRK-Blutspendedienst kommt dazu viermal im Jahr nach Remshalden. Zum ersten Mal hat es Nadine Bayer gewagt. Das Fazit der 19-Jährigen: Für den guten Zweck lohnt es sich allemal, für ein paar Minuten eine Nadel im Arm zu haben.

Video: Nadine Bayer spendet zum ersten Mal Blut.

Ein halber Liter ist es, der aus der Vene in Nadine Bayers Armbeuge läuft und in einen Blutbeutel gepumpt wird. Vor dem Piks mit der Nadel hatte die 19-Jährige etwas Respekt. Es war dann allerdings gar nicht schlimm, meint sie und hebt den Daumen: „Alles gut. Der Arm wird ein bisschen taub. Aber es ist nicht unangenehm.“ Für Nadine Bayer ist es das erste Mal. Darüber nachgedacht habe sie zwar schon vorher. „Aber ich habe mich dann doch nie dazu überwunden“, sagt sie.

Jetzt hat sie Stefan Breiter rekrutiert. Der Remshaldener Bürgermeister ist zugleich Vorsitzender des DRK-Ortsvereins. Er hält selbst bei jedem Spendentermin im Ort seinen Arm hin und nimmt seit einiger Zeit immer eine öffentlichkeitswirksame Person aus Remshalden mit. Der erste Begleiter war der ehemalige Bürgermeister Norbert Zeidler. Der katholische Pfarrer Ludwig Mattes und der CDU-Landtagsabgeordnete Claus Paal waren auch schon dabei.

Nadine Bayer, die sich im Gemeindeleben bei den Junioren des Partnerschaftskommitees einbringt, ist jetzt eine Vertreterin der jungen Generation und soll bei dieser eine Werbewirkung fürs Blutspenden entfalten.

Manche kommen zu jedem einzelnen Spendtermin im Jahr

Spender werden kann man ab 18 Jahren. Nadine Bayer war an diesem Nachmittag in der Wilhelm-Enßle-Halle allerdings eine der wenigen unter 30, die sich auf eine der Liegen des DRK gelegt hat. Der durchschnittliche Blutspender in Baden-Württemberg ist 46 Jahre alt und männlich. Die Spender zwischen 42 und 46 Jahren stellen die größte Gruppe. Der Anteil der unter 30-Jährigen schrumpft dagegen. „Das ist bundesweit ein Problem“, sagt Thomas Grüninger, Regionalleiter des DRK-Blutspendedienstes Württemberg. Der Grund sei der demografische Wandel, also dass es immer weniger junge Menschen gibt. Aber auch die gewachsenen Freizeitangebote, die die freie Zeit der jungen Leute in Anspruch nähmen, bekomme der Blutspendedienst zu spüren, so Grüninger.

Einer, der altersmäßig schon etwas über der Durchschnittsgruppe ist, ist Karl Heinz Schneider. Der 59-Jährige sitzt im Foyer der Wilhelm-Enßle-Halle und lässt sich den Lohn für die Blutspende schmecken: Leberkäs mit Kartoffelsalat. Schneider hat sich gerade zum 75. Mal an eine Blutkonserve anschließen lassen. Viermal im Jahr tritt er an und sagt: „Ich will 100 Spenden schaffen.“

Wer in den USA war, darf für 56 Tage kein Blut spenden

Mit Schneider am Tisch sitzen Silke Layer, Gerlinde Lederer und Silvia Küssner. Bei ihnen ist jeder Blutspendetermin in Remshalden fest im Kalender eingetragen. Immer um 14 Uhr treffen sie sich dann, geben ihr Blut ab und trinken danach noch einen Kaffee zusammen. Blutspenden als gesellschaftliches Ereignis: „Wenn man in Remshalden wohnt, trifft man hier viel Leute, die man kennt“, sagt Silke Layer.

Für Bürgermeister Stefan Breiter hätte es bei diesem Termin die achte Blutspende in Remshalden sein sollen. Aber es sollte nicht sein. Bevor er angezapft wird, muss er wie jeder Spender in ein Gespräch mit einem Arzt. Dieser stellt Fragen zu Wohlbefinden und Gesundheitszustand. Und: Waren Sie in letzter Zeit im Ausland? Diese Frage muss Breiter leider mit Ja beantworten. Er war kürzlich in den USA – ein Ausschlusskriterium, denn in den USA ist das West-Nil-Fieber verbreitet. Wer sich in einem gefährdeten Gebiet aufgehalten hat, darf für 56 Tage kein Blut spenden. Gleiches gilt übrigens überraschend auch für Reiseziele wie Griechenland oder Wien. Der Bürgermeister hat sich dann solidarisch mit Nadine Bayer trotzdem piksen lassen, aber ohne dass Blut geflossen ist.

Spendenquote in Remshalden überdurchschnittlich

Die Ärzte schauen vor der Blutspende sehr genau hin. Auch auf den allgemeinen Zustand des Spenders. Derzeit kränkeln viele mit mehr oder minder schweren grippalen Infekten herum. Doch wer einen halben Liter Blut geben soll, der muss fit und gesund sein, außerdem vorher gut gegessen und getrunken haben. Beim Remshaldener Termin in dieser Woche werden aus verschiedenen Gründen insgesamt zwölf willige Spender wieder heimgeschickt. 188 Blutkonserven mit je einem halben Liter Inhalt kommen trotzdem zusammen. Die Remshaldener sind überdurchschnittlich spendenwillig. 2015 gab es bei vier Terminen 903 Spenden. Das entspricht gemessen an der Einwohnerzahl eine Spendenquote von 6,5 Prozent. Kreisweit liegt die Quote bei vier Prozent.

Nadine Bayer will auf jeden Fall wieder kommen. Auch wenn bei ihr nicht alles so glattgeht, wie erhofft. Als die Nadel aus ihrem Arm gezogen wird, befällt sie plötzlich ein starkes Schwindelgefühl. Ganz normal, kann jedoch gleich der herbeigerufene Arzt beruhigen: Der „Vagusreflex“ sei das, der oft vorkomme. Wenn die Nadel gezogen werde, falle der Blutdruck. Nach einigen Schlucken Cola und Ruhezeit mit hochgelegten Beinen, hat sich der Schwindel wieder gelegt, der Blutdruck hat sich normalisiert. Was Nadine Bayer bleibt, ist das gute Gefühl, mit einem kleinen Pieks jemand ein lebenswichtiges Geschenk machen zu können. „Dafür kann man das schon mal aushalten“, sagt sie.

350 Spender für ein gerettetes Leben

Laut DRK werden allein in Baden-Württemberg täglich mehr als 1800 Blutkonserven benötigt. Bei einem halben Liter, der standardmäßig abgezapft wird, sind das 900 Liter Blut.

Während durch moderne Medizintechnik bei vielen Operationen immer weniger Blut fließt, steigt in einem anderen Bereich der Bedarf: Der größte Teil der Blutkonserven wird mittlerweile für Krebspatienten benötigt, für die Forschung, aber zum Beispiel auch direkt für die Behandlung von Leukämie.

Ein Leukämiekranker brauche für eine Behandlung im Schnitt 350 Blutkonserven, sagt Thomas Grüninger Regionalleiter des DRK-Blutspendedienstes. Oder anders ausgedrückt: „Ich brauche 350 Menschen, die Blut spenden, um einen zu retten.“

Wenn ein Blutspendetermin in der Gemeinde ansteht, ist das aus Mitteilungsblatt und Zeitung zu erfahren. Infos gibt es außerdem unter www.drk-blutspende.de oder unter der kostenlosen Hotline 08 00/ 11 19 49 11.