Schorndorf

Ein kleines Eis-Idyll inmitten der Stadt

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Ein lange nicht gesehener Anblick: Schlittschuhlaufende Kinder auf dem Feuersee. Der Kinderspielplatzverein hat das möglich gemacht. © Habermann / ZVW
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Mit dem Schlitten fuhren Kinder einst bis in die Stadt hinein. Diese Aufnahme vom Anfang des 20. Jahrhunderts, zeigt die heutige Schlichtener Straße und stammt aus dem Bildband „Schorndorf“ von Edith Holzer-Böhm, Sutton-Verlag 2009. © Edith Holzer-Böhm
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An den Rauhwiesen in Oberberken wurde bis in die 70er Jahre hinein Ski gelaufen. © Doring
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Auf dem Feuersee wurde in den 50er Jahren noch häufig Schlittschuh gefahren, wie dieses Foto aus dem Bildband „Schorndorf“ von Edith Holzer-Böhm belegt. © Edith Holzer-Böhm
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Schlitten
Hier wird beim Wanderparkplatz in Schlichten Bob gefahren. © Büttner / ZVW

Schorndorf. Eine gefühlt sibirische Kälte hat Schorndorf seit mehr als einer Woche im Griff. Und bis zum Wochenende ist vorerst keine Änderung in Sicht. Tiefwinterliche Beobachtungen zwischen Eis, Schnee, Ski und Schlitten in einer Stadt, die einst härtere Winter gewohnt war.

Video: Der Feuersee in Schorndorf ist freigegeben fürs Eislaufen, Peter Hutzel, Vorsitzender des Kinderspielplatzvereins, erklärt warum.

Man muss die von Schnee und Eis weitgehend geräumte Innenstadt nur ein klein wenig südwärts verlassen und schon sind die Spuren des Winters wieder allgegenwärtig: Der Feuersee ist seit Tagen zugefroren, der Aichenbach ebenso. Richtung Grauhalde wird es dann herb. Ein paar wenige Hartgesottene joggen in Thermo-Funktionskleidung durch die Stadt. Und die wenigen noch radfahrenden Schüler haben sich ihre Schals fest um Mund und Nase gebunden.

Der Schnee bleibt auf den Nordhängen und Höhenlagen der Stadt beharrlich lange in fast unveränderter Qualität liegen und ermöglicht damit Wintersport in der Stadt. Als der Schnee häufiger fiel, Winter wie diese noch die Normalität und nur wenige Autos auf den Straßen zu sehen waren, sind die Kinder noch bis in die Stadt hinein gerodelt – manchmal sogar bis zur Stadtkirche. „Das war schon toll“, sagt Edith Holzer-Böhm, ehemalige Stadtarchivarin, die bei ihren Recherchen für einen Bildband über die Stadt auf solche Fotos stieß.

Kindheitserinnerungen an den Feuersee werden wieder wach

Auch schlittschuhlaufende Menschen auf dem Feuersee sind dort zu sehen. In diesem Winter ist das zum ersten Mal seit Jahrzehnten wieder möglich. Seit Dienstag ist die Eisfläche zeitweise zum Schlittschuhlaufen freigegeben. Die Stadt hat eine Eisdicke von 17 und 22 Zentimeter gemessen – und die Fläche bis Freitag jeweils von 14 bis 17 Uhr freigegeben. Auf eigene Gefahr wohlgemerkt: Die Stadt übernimmt keinerlei Haftung. Nur weil der Kinderspielplatzverein sich als Veranstalter und Betreuer anbot, so Herbert Schuck, Technischer Werkleiter der Zentralen Dienste, habe die Stadt der Genehmigung zugestimmt.

Mindestens 25 Jahre ist es her, dass Peter Hutzel, Vorsitzender des Kinderspielplatzvereins, selbst auf dem See stand. „Das waren die eindrücklichsten Kindheitserinnerungen im Winter für mich“. Schon lange hatte er vor, diese „Idylle mitten in der Stadt“ wieder möglich zu machen und in den letzten Jahren oft geschaut, ob das Eis dick genug ist. Doch in den letzten Jahren war es nie wirklich lange kalt. Dass es nun endlich geklappt hat, freut Hutzel außerordentlich. Der Konrektor der Künkelinschule hat manch wichtigen Termin extra verschoben, um zumindest für diese Woche ein Stück der Idylle zurückzuholen.

In der Nachkriegszeit war der Feuersee eine Attraktion

Bis in die 60er Jahre sei das Schlittschuhlaufen auf der Fläche noch gang und gäbe gewesen, berichtet Stadtrat Konrad Hofer. Abends habe die Stadt den Feuersee sogar extra beleuchtet, „das war unsere Attraktion in der Nachkriegszeit, wie ein Volksfest“, halb Schorndorf sei damals dabei gewesen. Auch seinen Schlitten habe er bis Ende der 50er Jahre noch ausgiebig gefahren. Von Oberberken über die Alte Steige am Aichenbach entlang sei er als Junge bis an den Feuersee gefahren. Gleich drei Schlitten hätten sie damals aneinandergebunden, um dann mit bis zu acht Leuten den Berg fünf Kilometer hinunterzubrausen. Alles andere als sicher, aber ein „Heidenspaß“ sei das gewesen, wie Hofer sich freudig erinnert.

Und nicht nur das: Auch mit Skiern habe er den Berg einst bezwungen. Auf Brettern wohlgemerkt, die weder Stahlkanten noch eine richtige Bindung hatten, mit Gummistiefeln und Knickerbockern bekleidet. Vor 40 Jahren habe er zum letzten Mal die Abfahrt gewagt. Die Skier und der Hörnerschlitten stehen heute noch zu Hause.

Auch Siegbert Doring, Ortsvorsteher von Oberberken, kann sich noch gut an die Zeit erinnern, als in dem Dorf Ski gefahren wurde. Vor allem die Rauhwiesen zwischen Ober- und Unterberken seien ein viel genutztes Skigebiet gewesen, nicht nur für Berkener. Mit Bussen seien die Schorndorfer dazu auf den Schurwald gefahren. Als krönenden Abschluss habe es dann eine Talfahrt über die Kaisereiche Richtung Aichenbach gegeben. Auch Doring selbst hat an dem Hügel in den 60er Jahren Skifahren gelernt.

Seit Mitte der 70er Jahre werde auf der Strecke aber nicht mehr Ski gefahren. „Die Menschen wollten den Komfort der Skilifte nutzen“, vermutet Doring. Außerdem habe es schlichtweg nicht mehr genug Schnee gegeben. Auch gerodelt werde dort heute kaum mehr. Wer mit dem Schlitten fahren will, wird mit einer geschlossenen Schneedecke am Wiesenrain zwischen Schurwaldhalle und Wald, am Kaisersträßle Richtung Nassachtal, direkt vor dem Wald, belohnt.

Wo lässt es sich in Schorndorf heute sonst noch gut rodeln? Wir versuchen es mit einer nicht repräsentativen Umfrage am Schulzentrum Grauhalde, dessen Mensavorplatz von einer dicken Schicht Eis und Schnee bedeckt ist. Eine Gruppe Jungs lässt sich davon nicht beirren und spielt während der Mittagspause Fußball. Fürs Schlittenfahren sind sie laut eigenem Bekunden zu alt. Da solle man doch bitte Jüngere fragen. Im Aichenbachtal, das wissen sie, könne man aber für gewöhnlich gut rodeln.

Vom „Sieben-Schanzen-Hügel“ bis zum Alten Friedhof in Schlichten

Zwei Sechstklässler der Gottlieb-Daimler-Realschule können das, obgleich auch sie nicht mehr rodeln, bestätigen. Hinter dem Minigolfplatz gebe es einen Hügel, der von vielen Schülern genutzt werde. Drei Fünftklässler bekunden, da sogar schon mit ihrer Klasse gewesen zu sein. Doch allzu viel Schnee sei auf dem „Sieben-Schanzen-Hügel“, wie sie ihn nennen, nicht mehr übrig. „Es müsste halt mal wieder schneien.“

Viel bessere Bedingungen herrschten da in Schlichten. Beim Alten Friedhof und am Waldparkplatz gebe es noch Schnee. Das kann auch Ortsvorsteher Felix Auwärter bestätigen. Rund zehn Zentimeter dick ist die Decke im Moment. Allerdings würden die Strecken nur wenig genutzt, selbst am Wochenende hätten die Rodler ausgiebig Platz gehabt. Auwärter bedauert das, kann es sich aber erklären: Die letzten vier, fünf Winter seien so schneearm gewesen, dass viele Kinder gar nicht mehr die Freuden des Schlittenfahrens kennen würden. Dann gäbe es heute viel mehr Freizeitbeschäftigungen – „wir hatten ja früher weder Fernseher noch Smartphone“. Und schließlich würden sich die ganzen Rodler eher am Winterbacher Goldboden ballen, „da ist der Teufel los.“ Da seien die Schlichtener Strecken wohl etwas in Vergessenheit geraten. Früher aber, da hätte es noch weit mehr davon gegeben, doch viele der Hänge sind heute bebaut – oder wie die Verbindungsstrecke nach Winterbach an der heutigen Vogelsangstraße einfach zu stark befahren.

Die Schüler warten darauf, dass es mal wieder richtig schneit

Zwei Fünftklässler haben noch einen weiteren Tipp: An der Verlängerung der Johannesstraße beim Grüß-Gott-Weg, da sei ein Abhang neben den Feldern, auf dem sich gut Schlitten fahren lässt. Im Moment zieht es die Realschüler aber nicht mehr auf den Schlitten. „Wir warten darauf, dass es mal wieder schneit.“

Etwas irritiert von der Frage sind dann die vier Jungs an der Bushaltestelle, drei Iraker und ein Syrer. Schnee, klar, den kennen sie auch aus ihrer nahöstlichen Heimat. Und in der Wiesenstraße, wo sie gerade wohnten, gebe es auch noch etwas davon. Da sei zwar kein Hügel und auch nicht viel Schnee. Aber mit einen Schlitten ließe sich auch dort die Zeit ganz gut vertreiben.

Und wo sonst?

In Miedelsbach gibt es zwei Hügel, auf denen traditionell gerodelt wurde: Die Heile im Osten und der Hornwald im Westen des Teilorts. Laut Ortsvorsteher Thomas Rösch werden beide allerdings kaum mehr genutzt – in den letzten Jahren sei dort ohnehin zu wenig Schnee gelegen.

In Haubersbronn geht es laut Ortsvorsteher Erich Bühler am besten im Wachhalder Richtung Urbach oder Klammen, da ist eine etwa 300 Meter lange Bahn auf der Straße und auf den Feldern.

Auch in Schornbach wird laut Hermann Beutel traditionell gerodelt: am Holzbergwerg auf der Hochebene oberhalb des Söhrenbergs etwa oder (vor allem die Kleinen) hinter den Tennisplätzen Richtung Birkenweißbuch.