Schorndorf

Ein Leben mit leichtem Gepäck

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Joachim Klöckner hat sich für den Ausstieg aus der Mehrheitsgesellschaft entschieden. © Büttner / ZVW

Schorndorf. Viel zu viele Menschen haben von Natur oder von Haus aus wenig oder gar nichts. Und dann gibt es Menschen wie Joachim Klöckner, die freiwillig auf ganz viel verzichten und mit so wenig auskommen, dass es im Flugzeug als Handgepäck durchgeht. Der 67-jährige Minimalist hat jetzt zum Auftakt der gemeinsam von Kulturforum und Stadtbücherei organisierten Reihe „anders leben“ erzählt, wie er lebt und wie es ihm dabei geht.

„Wenn ich überlege, wie viel Kleidungsstücke ich allein heute Abend am Körper trage“, sinniert ein Zuhörer vor Beginn der Veranstaltung in der Q Galerie mit Bezug auf Klöckner, der nach der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl angefangen hat, sein Leben zu hinterfragen, und es dann nach und nach so stark umgekrempelt hat, dass er heute mit etwa 50 Dingen auskommt. Wobei diese 50 Dinge auch mal jahreszeitlich wechseln oder verändert werden können – so ist er jetzt gerade auf einteilige Oberbekleidung in Form eines weißen Overalls umgestiegen – und diese Zahl, so Klöckner, schon deshalb dehnbar sei, weil sich natürlich trefflich darüber streiten lasse, ob etwa ein paar Socken einfach oder doppelt zählen.

Erinnerungen hat er im Kopf, dafür braucht er keine Gegenstände

Der wichtigste Gegenstand von den Dingen, die der 67-jährige ehemalige Energieberater, der in seinem ersten Leben auch schon mal Rallye-Fahrer und verheiratet war, immer bei sich hat – außer seinem Essbesteck, seinem Schüsselchen, in dem er sein Müsli („mein Lieblingsessen“) anrührt, und einer eng zusammenfaltbaren Hängematte – ist sein iPad, in dem er alles drin hat, wofür andere ganze Regale und Schränke brauchen: seine Bücher, seine Musik, seine persönlichen Dokumente und Unterlagen, die natürlich auch einer braucht, der eigenem Bekunden zufolge von rund 450 Euro Rente lebt und es schafft, davon noch jeden Monat etwas zu sparen. Obwohl er, wie er versicherte, durchaus gerne mal essen geht – egal ob in Berlin-Kreuzberg, wo er die meiste Zeit lebt, oder in Malaga, wo er sich zuletzt aufgehalten hat. Und was ist mit Wohnen, was ist mit Erinnerungsstücken, will Moderator Rüdiger Utikal, Lehrer für Deutsch und Geschichte am Max-Planck-Gymnasium, wissen. In Kreuzberg habe er seine Hängematte in einem ausgeräumten Atelier eines befreundeten Künstlers aufgespannt gehabt, und Erinnerungen habe er im Kopf, dafür brauche er keine Gegenstände, sagt der auch als Minimalismuscoach apostrophierte Klöckner, der sich im Verlauf der nachfolgenden Diskussion unter anderem mit dem Vorhalt konfrontiert sieht, dass so ein Leben, wie er es führe, doch nur innerhalb einer bestehenden – vor allem auch sozialen – Infrastruktur funktionieren könne.

Junge Menschen sollten ihr Leben frühzeitig eigenständig gestalten

Ob unser gesellschaftliches Leben überhaupt noch funktionieren würde, wenn alle Menschen Minimalisten wären, will eine Zuhörerin wissen. „Das Leben würde menschlicher sein“, meint Joachim Klöckner, der den in dieser Frage implizierten Wachstumsbegriff am liebsten auf Bildung und Lernen, auf Innovation und Kreativität und auf Empathie und Menschlichkeit reduziert sähe. „Minimalismus kann einfach bedeuten, keine Energie mehr für Gegenstände aufzuwenden, sondern sich Raum für andere Qualitäten zu schaffen“, sagt Joachim Klöckner, der sein zweites Leben kurz auf folgenden Nenner bringt: „Wenige tote Gegenstände erlauben ganz viel Zeit für Lebendiges.“ Und dazu gehöre nicht zuletzt die Beschäftigung mit sich selbst, weil ein starkes Ich die Voraussetzung dafür sei, offen für andere und in Verbindung mit anderen zu sein. Minimalismus – auch wenn er dieses Wort, wie alle -ismen, eigentlich nicht möge – habe etwas mit Lebensgestaltung zu tun. Wobei er aus seiner Sicht viel zu spät damit angefangen hat, ein neues, vom Konsum losgelöstes glücklich machendes Leben zu führen, weshalb es ein besonderes Anliegen ist, junge Menschen dazu zu bringen, ihr Leben frühzeitig eigenständig zu gestalten. Dass das nicht zwingend zu Minimalismus führen muss, erlebt Klöckner an seinem eigenen Sohn, der zu denen gehört, die ganz viel haben.

„So wie ich lebe, tut das mir und meiner Mitwelt gut“

Joachim Klöckner sehnt sich nach so einem Leben nicht zurück. „Irgendwann habe ich gemerkt, dass es mir und meiner Mitwelt guttut, so zu leben, wie ich lebe“, sagt er und muss auf die Frage, ob er das Gefühl von Verzicht und Verlust kenne, erst einmal überlegen. Aber dann fällt ihm doch was ein. Nachdem er sich von seiner Bohrmaschine getrennt hatte, hätte er die dringend brauchen können, als er mit seinem Sohn etwas bauen wollte. Also habe er sich wieder eine gekauft. Aber wahrscheinlich gehört sie heute nicht mehr zu den 50 Dingen, die er normalerweise in seinem Rucksack mit sich herumträgt.

Parallelität

„Einen so schönen Raum hatte ich noch nie“, freute sich Joachim Klöckner in der Q Galerie, in der aktuell Werke von EBBA Kaynak und G. Angelika Wetzel ausgestellt sind.

Die Parallelität von Minimalismus in der von ihm gelebten Form und Kunst sieht der 67-Jährige darin, dass beides etwas mit Lebensgestaltung zu tun hat.