Schorndorf

Ein musikalischer Wolkenbruch

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The Notwist in der ausverkauften Manufaktur in Schorndorf. © Habermann / ZVW

Schorndorf. Das von vielen ersehnte Gewitter blieb an diesem schwül-heißen Tag aus, aber die Manufaktur bekam einen musikalischen Wolkenbruch ab. Es tosten vor restlos ausverkauftem Saal die Musiker von Notwist, einer Band, die sich aufs Soundwolkenmachen versteht.

Ein über 15-minütiges bombastisches Soundgewitter braut sich über den Köpfen und hochgehaltenen Smartphones zusammen. Ein Grummeln ist zu hören. Es dröhnt, murmelt, poltert, klackert, tuckert, vibriert, raschelt in der dicht gedrängten Menschenmenge. Schmatzende Elektrobeats rasseln, jazzige Versatzstücke klimpern vorbei, eine Gitarre ächzt. Der Sound der Sauna, in der wir gerade stecken.

Zweistündiges kollektives Dahinschmelzen

Der Konzertsaal heiß, aufgeladen und schwitzig, als sich der erste Klangregen über das nass geschwitzte Publikum ergießt, der wie ein Aufguss alles noch dunstiger macht. Ein treibender Bass, fließende Elektronik-Klangteppiche, Klangschalen, Vibrafon und Effektgeräte schwirren umher wie toll gewordene Mückenschwärme in der schwülen Sommernacht - der Instrumentalsoundtrack zum zweistündigen kollektiven Dahinschmelzen.

Genau das Gegenteil von Musik aus oder für die Konserve

Die Stimme von Sänger Markus Acher ist erst nach rund einer halben Stunde zum ersten Mal zu hören, zunächst nebulös wie unter Trance, ein zarter Kontrapunkt zum ihn umwabernden Punk-Techno-Rauschen. Als die Soundapparate leiser werden, schwebt der Gesang zupackend, wehmütig und federnd durch die schwüle Luft. Vom narkotisierenden Groove dämmrig gewummert und angenehm durchgeschüttelt stehen die Fans wie Sardinen in der Büchse vor dieser Band, die ja nun genau das Gegenteil von Musik aus oder für die Konserve liefert. Schwer bis gar nicht einzuordnen, aber schlichtweg grandios ist der Sound der sechs Musiker rund um die Gründungsmitglieder Michael und Markus Acher. Live sind sie ein Sextett mit dem Schlagzeuger Andreas Haberl, dem Gitarristen Max Punktezahl, dem Elektronik- und Keyboard-Klangzauberer Christoph „Cico“ Beck und dem Jazzmusiker Karl Ivar Refseth, der Vibrafon spielt.

"Weilheim"-Sound wirkte bis Amerika und Asien

Begonnen haben The Notwist punkig und schrammelnd in den Neunzigern. Nach Veröffentlichung des 2002er-Albums „Neon Golden“ sorgten die Indieband und das oberbayrische Nest Weilheim, aus der die Musiker stammen, als angesagte Subkultur-Kapelle für Aufsehen. Der von ihnen geprägte „Weilheim“-Sound wirkte magnetisch bis Amerika und Asien, wo sie auf Tournee gingen. Der ihnen zugeschriebene Musikgattungsbegriff „Indietronic“ prägt ihren Stil bis heute. Sie sind sich treu geblieben, ihrer elektronisch-punkigen Klangmixtur aus harten Gitarren, Techno-Klangstaccato und sympathischem Rumpelsound. Die Fans in der Manufaktur sind beseelt, bewegen sich wippend auf der Stelle, als gegen Konzertende die bekanntesten Stücke aus den Soundwolken fallen: „Pick up the phone“, „Chemicals“ und als Dreingabe die hymnische, über fünf Minuten sich in etlichen Klangverzierungen ausdehnende Ballade „Consequence“. Die Schwitzenden lauschen hypnotisiert der passenden Songzeile „Leave me hypnotized“. Jeder Song, jedes Gekratze aus dem Elektronik-Off zieht hinein in die Zuhör-Hypnose.

Kein Glamour, kein Showgebaren

Dem Auge wird nicht viel geboten, auch das zeichnet die Band aus: Die Bühne in farbiges Licht und bunten Nebel getaucht, kein Glamour, kein Showgebaren, nicht mal mit Begrüßungsfloskeln halten sie sich auf. Sie kommunizieren über ihre sinfonischen Soundbasteleien aus Gitarren, Bass, Perkussion und einem Fender Rhodes-Stagepiano. Das Ohr vernimmt ein atmosphärisches Instrumentalgebrabbel, für Sekundenbruchteile eingestreute Glöckchen, Anklänge einer Spieluhr, quietschende Bremsgeräusche. Eine langanhaltende Hör-Extase, so ausdauernd und gnadenlos gut und betörend wie der Sommer dieses Jahr.


Abschlussfeuerwerk

„Das Abschlussfeuerwerk am Ende unserer 50-Jahre-Jubiläums-Saison“, nennt die Schorndorfer ihre Sommerkonzerte. Die nächsten Konzerte sind:

Donnerstag, 9. August, 20.30 Uhr: Eilen Jewell & Her Band (USA).

Samstag, 11. August, 20.30 Uhr: Tocotronic (D) – Die Unendlichkeit Live 2018.

Dienstag, 14. August, 20.30 Uhr: Courtney Marie Andrews & Band (USA); Support: Buck Meek solo (of Big Thief).