Schorndorf

Ein Paketfahrer als Exhibitionist

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Symbolbild. © Ramona Adolf

Schorndorf. Obwohl ihn zwei zwölf- und dreizehneinhalb Jahre junge Mädchen im Gerichtssaal nicht oder nur mit Vorbehalt identifizieren konnten, ist ein 28-jähriger Paketfahrer von Richterin Doris Greiner wegen sexuellen Missbrauchs von Kindern zu einer sechsmonatigen Bewährungsstrafe verurteilt worden. Der Angeklagte hatte die beiden Mädchen in Schornbach in exhibitionistischer Form belästigt.

Es war an einem Augustnachmittag des vergangenen Jahres, als den beiden damals gerade zwölf und 13 Jahre alten Mädchen noch innerhalb des Schorndorfer Stadtteils ein Paketfahrer auffiel, der aus seinem Fahrzeug heraus Kontakt zu ihnen aufzunehmen versuchte, indem er sie anlächelte und ihnen zuwinkte. Als die Mädchen dann den Ort verließen und ihren Spaziergang in Richtung eines Reiterhofs und eines dahinterliegenden Waldstücks fortsetzten, ist ihnen der Paketfahrer zunächst bis zu einem Feldweg gefolgt, an dem er nicht weiterfahren konnte. Er ist dann abgebogen und hat einen anderen Weg gewählt, und als die beiden Mädchen dann Richtung Wald gingen, stand da wieder das Fahrzeug, das ihnen zuvor schon mehrmals aufgefallen war. Daneben stand der Fahrer, Hose und Unterhose heruntergelassen, aber noch dem Wald zugewandt, so dass die Kinder zunächst glaubten, er habe nur austreten müssen. Dann freilich drehte sich der Mann um, kam halbnackt auf die beiden Mädchen zu und fragte sie, ob sie „etwas sehen“ wollten. Als sich die beiden Mädchen umdrehten und wegrannten, versuchte der Mann, ihnen noch zu folgen, zog es dann aber, als die Mädchen drohten, sie gingen zur Polizei, vor, sich in sein Fahrzeug zu setzen und schleunigst die Flucht zu ergreifen.

„Vom Gefühl her“ auf den richtigen Angeklagten getippt

In der Verhandlung machte der Angeklagte im Beisein seiner Frau und seiner kleinen Tochter von seinem Recht Gebrauch, in der Sache die Aussage zu verweigern. Sein Verteidiger allerdings legte Wert darauf, dass sein Mandant nicht auf Anhieb als Angeklagter erkennbar ist und dass er sich, bevor die als Zeuginnen geladenen Mädchen in den Saal gerufen werden, gemeinsam neben seinem Bruder und seinem Schwager in die erste Zuschauerreihe setzen darf. Die Zielrichtung dieses Wunsches war: Den Mädchen sollte die Identifizierung des Angeklagten erschwert werden. Richterin Doris Greiner gab dem Wunsch des Verteidigers zwar statt, lehnte es „aus psychologischen Gründen“ aber ab, dass der Angeklagte und seine Verwandtschaft im Rücken der Zeuginnen sitzen. Sie ordnete eine bunte Reihe aus Angeklagtem, Verteidiger, Dolmetscher – weil es sich bei dem Angeklagten um einen rumänischen Staatsbürger handelt –, Bruder und Schwager an und befragte dann nacheinander die beiden Zeuginnen. Auf die Frage, ob sie den, der sie und ihre Freundin damals sexuell belästigt habe, erkenne, sagte die Ältere, sie könne sich nicht erinnern. Die Jüngere dagegen ging nach dem Ausschlussverfahren vor: Den Verteidiger und den Dolmetscher sonderte sie gleich aus, ebenso einen der beiden Verwandten. Blieben zwei übrig, unter denen tippte sie „vom Gefühl her“ auf den Angeklagten, fügte aber auch gleich hinzu, dass sie sich keineswegs sicher sei. Was der Verteidiger als zusätzliches Indiz dafür wertete, dass die Mädchen damals im August einen anderen als seinen Mandanten gesehen haben müssen. Zusätzliches Indiz deshalb, weil in den polizeilichen Aussagen der beiden Mädchen immer wieder die Rede davon gewesen war, dass der Betreffende eine Glatze gehabt habe. Was, so der Verteidiger, auf seinen Mandanten erst einige Monate nach der Tat zugetroffen habe, weil er sich da nach rumänischem Brauch die Haare abrasiert habe - aus Solidarität mit seiner Tochter, der als Baby ebenfalls die Haare abrasiert worden seien, damit sie anschließend umso besser wüchsen.

Lieferprotokolle sind dem Fahrer und nicht dem Fahrzeug zugeordnet

In seinem späteren Plädoyer freilich musste der Verteidiger einräumen, dass er bei seiner Verteidigungsstrategie möglicherweise zu stark auf die Karte „Glatze“ und die – verständlicherweise – vage Wahrnehmung und Personenbeschreibung der beiden Mädchen gesetzt und zu wenig Augenmerk auf das gelegt hat, was die Polizei in aufwendiger Ermittlungsarbeit anhand der Tourenblätter herausgefunden hat. Demnach war der damals bei einem Servicepartner des eigentlichen Paketauslieferers tätige Angeklagte der Einzige, der an diesem Tag mit einem Firmenfahrzeug, das die beiden Mädchen zweifelsfrei identifizieren und beschreiben hatten können, in Schornbach unterwegs war. Zudem hatte er unmittelbar vor der Tat in zwei im fraglichen Bereich liegenden Straßen zwei Pakete zugestellt. Was sich den Ermittlungen der Polizei zufolge deshalb so eindeutig sagen lässt, als die Nachweise über diese Zustellungen eindeutig dem jeweiligen Fahrer und nicht, wie es der Verteidiger später in Erwägung gezogen haben wollte, dem jeweiligen Fahrzeug zugeordnet sind. Und vollends stand der 28-Jährige für die Polizei als Tatverdächtiger fest, nachdem sie den beiden Mädchen Facebook-Bilder des Angeklagten und seines türkischstämmigen Chefs gezeigt und die Mädchen den Subunternehmer definitiv als Tatverdächtigen ausgeschlossen hatten. Außerdem hatten die Mädchen aus den wenigen Worten ihres Gegenübers einen Dialekt herausgehört, den sie grob als „russisch oder so“ einstuften.

Kinder nicht nachhaltig geschädigt

„Nur er kommt als Täter in Betracht“, stellte in seinem Plädoyer der Staatsanwalt fest, der es nicht überbewerten wollte, dass die beiden Mädchen den Angeklagten vor Gericht nicht eindeutig hatten identifizieren können. Entscheidender seien die von der Polizei ermittelten Fakten, sagte der Staatsanwalt und plädierte auf eine achtmonatige, zur Bewährung ausgesetzte Freiheitsstrafe. Demgegenüber wollte der Verteidiger den Rechtsgrundsatz „in dubio pro reo“ (im Zweifel für den Angeklagten) angewandt wissen. „Selbstverständlich war ich es nicht“, sagte in seinem einzigen deutschen Satz der Angeklagte, nachdem er von seinem Verteidiger eindringlich dazu aufgefordert worden war.

Die Richterin hielt dem Angeklagten in ihrer Urteilsbegründung zugute, dass er zum einen nicht vorbestraft sei und dass zum andern die beiden Mädchen durch die Straftat nicht nachhaltig geschädigt seien – von der unangenehmen Erinnerung einmal abgesehen. Im Übrigen spreche für die beiden Zeuginnen, dass sie vor Gericht nur das ausgesagt hätten, was sie sicher wüssten. Ihre Aussagen bezüglich des Aussehens des Täters seien für das Gericht weniger entscheidend als die den Angeklagten als den einzigen infrage kommenden Paketfahrer belastenden Indizien. „Und die zeichnen ein schlüssiges Bild“, sagte die Richterin.

Bewährungsauflage

Als Bewährungsauflage muss der Angeklagte, wenn das Schorndorfer Urteil rechtskräftig wird, 4000 Euro an Pro Familia in Waiblingen zahlen.

Abstottern kann er diese Summe in Raten zu je 200 Euro.