Schorndorf

Ein Pfarrer zum Knuddeln

PfarrerMattes
Die Madonna steht noch hinter ihm: Pfarrer Ludwig Mattes in seinem Wohnzimmer im Grunbacher Pfarrhaus vor einer schon für den Umzug ziemlich leer geräumten Schrankwand. © Schneider / ZVW

Remshalden/Weinstadt. Ludwig Mattes ist als Mensch und als Pfarrer ein absolutes Original. Mit seiner Art zu reden und aufzutreten, fällt der 53-Jährige aus dem Rahmen. Er hört gerne harte Musik von Metallica und bewundert den Gangsta-Rapper Sido für seine Reime. Wie das mit der christlichen Botschaft vereinbar ist? Nun, sagt Mattes: „Jesus war auch kein Softie.“

Video: Der katholische Pfarrer Ludwig Mattes reimt sehr gern, ist Sido-Fan und wechselt die Pfarrstelle.

Die Schrankwand im Wohnzimmer ist so gut wie leer geräumt, Bücher und viele andere Habseligkeiten sind schon am neuen Wohn- und Wirkungsort in Sommerrain (siehe „Zwei Abschiede“). Pfarrer Ludwig Mattes ist auf dem Sprung. Zeit, seine letzten Tage als Pfarrer im Remstal in Ruhe ausklingen zu lassen, hat er nicht. Bis kurz vor Schluss, bis zum Umzug am 6. Dezember, hat er Beerdigungen zu halten und Kinder zu taufen. Auch das Gespräch für den Abschiedsartikel mit der Zeitung ist eng terminiert: Zum Mittagessen ist er mit dem Bürgermeister verabredet. „Der schuldet mir noch einen Döner“, erzählt Mattes. Eine gewonnene Wette: Mattes sagte richtig voraus, dass die Bürgermeisterwahl in Weinstadt im ersten Wahlgang entschieden wird.

Ein Pfarrer ist eben nah dran am Wahlvolk. „Die Nähe zu den Menschen ist am wichtigsten“, sagt Ludwig Mattes und meint das auch im körperlichen Sinn: „In manchen Situationen muss man die Leute auch mal in den Arm nehmen.“ Das könne bei einer Beerdigung sein oder bei einer Taufe oder Hochzeit, wenn die Menschen gerührt sind. Um Gottes Liebe zu vermitteln, so seine Ansicht, reichen nicht nur Worte, dazu muss man Zeichen setzen. Mit dieser Einstellung sei er gewissermaßen ein „Pfarrer zum Knuddeln“.

„Die junge Generation lebt das Christsein heute anders“

Auf jeden Fall ist es schon ein sehr besonderer Mann Gottes, der da vor 22 Jahren ins Remstal kam. Studiert hat er in Tübingen und Freiburg. Danach war er Diakon in Stuttgart und Vikar in Wasseralfingen und in Bad-Mergentheim. In Remshalden erlebte er die Zusammenlegung der Gemeinde mit Kernen und Weinstadt zu einer Seelsorgeeinheit. Auch sonst hat sich in 22 Jahren viel verändert. „Als ich kam, waren die Heimatvertriebenen prägend in der Kirchengemeinde“, erinnert sich Mattes. Sehr traditionsverbundene Katholiken seien das, für die der sonntägliche Kirchenbesuch dazugehöre. Heute seien viele Katholiken da, die aus beruflichen Gründen ins Remstal kamen. „Die gehen nicht mehr so selbstverständlich in die Kirche“, sagt er. Viele würden sich aber engagieren, indem sie in der Katholischen Arbeitnehmerbewegung oder anderen Gruppen aktiv sind. „Die junge Generation lebt das Christsein anders.“

Und er selbst, hat er sich auch verändert? Darauf hat er einen typischen saloppen Mattes-Spruch parat, in dem Fall aus der Bibel entlehnt. „Wer ausharrt bis zum Ende, wird endlich selig sein“, sagt er, indem er das „a“ in „ausharrt“ langzieht und sich über seine Glatze streicht: „Ich habe Haare verloren und Liebe, Freunde und Erfahrung gewonnen.“ Ach ja, und ein paar Kilo habe er auch weniger, weil er viel mit dem Rad unterwegs sei.

Mit lauter Musik mit dem Auto durchs Dorf

Wenn er mit dem Auto durchs Dorf fährt, fällt Ludwig Mattes auf. „Die Leute hören mich oft, bevor sie mich sehen“, sagt er. „Ich mag die harte Musik.“ Metallica, Iron Maiden, Rammstein, das hört der Pfarrer gerne laut. Und: Sido, den Rapper aus Berlin. „Tolle Reime!“ findet er und nennt zum Beispiel das Lied „Mein Testament“: „Das ist eine neue Art, über den Glauben zu reden.“ Wie bitte? Ein katholischer Pfarrer, der einen Rapper gut findet, der in einem Song erklärt, dass er aus dem Himmel auf die Menschen runterpinkeln will, die ihm Böses getan haben. „Ich glaube, im Himmel wird er dann andere Ideen haben“, sagt Mattes darauf trocken. Aber: Es sei nichts Schlechtes, wenn man die Aggression, die man im Bauch habe, rauslasse und in eine kunstvolle Form bringe, um sie vor Gott zu stellen, das könne eine reinigende Wirkung haben. Nichts anderes geschehe in vielen Psalmen, die teilweise ziemlich mit Gewaltfantasien durchsetzt sind. Und: „Jesus war auch manchmal super-aggro, der war auch mal sauer.“ Zum Beispiel, als er die Pharisäer beschimpfte: „Jesus war auch kein Softie.“

Ein Pfarrer muss eine Autorität sein

So cool und locker Ludwig Mattes rüberkommt, so viel Witz er versprüht – er kann auch ernsthaft. Ein Pfarrer, sagt er, muss eine Autorität sein. Das sei mehr denn je gefragt. Nicht in dem Sinne, dass da einer diktatorisch den Leuten Lebensvorschriften macht, sondern als Orientierung, als Säule, wenn alles andere zusammenbricht, und als Gewissen, das die Menschen daran erinnert: „Dass es sinnvoll ist, sich für eine bessere Welt zu engagieren und sich dafür die Finger schmutzig zu machen.“

Nur noch ein Pfarrer in der Seelsorgeeinheit

Für seine Gemeinden, die er zurücklässt, brechen jetzt auch etwas ungewisse Zeiten an. Neben Mattes verlässt auch Pfarrer Michael Friedl die Seelsorgeeinheit Kernen-Remshalden-Weinstadt. Die beiden sind Studienfreunde und vor 22 Jahren zusammengekommen, Mattes nach Remshalden, Friedel nach Kernen. In Zukunft wird es wohl in der Seelsorgeeinheit nur noch einen Pfarrer geben. Die Stelle ist ausgeschrieben, Bewerber sind aber noch nicht aufgetaucht.

Wenn’s nach ihm gegangen wäre, sagt Ludwig Mattes, wäre er 40 Jahre dageblieben. Aber die Diözese will nach gewissen Zeiten einen Wechsel auf den Pfarrstellen. Man habe ihn „mit Engelszungen“ überredet. Dabei ist aber seine Botschaft für die hiesigen Katholiken: „Es gibt eine Kontinuität.“ Es gebe drei Diakone und mit Frank Schien einen Gemeindereferenten, die die Menschen auch sehr gut seelsorgerisch begleiten könnten.

Keine Vergleiche mit dem Nachfolger

Ob sie und auch sein Nachfolger auch so schön reimen können wie der Sido-Fan Mattes, ist allerdings fraglich (eine Kostprobe sehen Sie oben im Video). Einen Satz habe er seinen Gemeinden allerdings ausdrücklich verboten: „Beim Pfarrer Mattes war es so und so ...“ Sein Nachfolger brauche seine Chance, ohne verglichen zu werden. Denn: „Wir sind alle Unikate beim lieben Gott.“

Zwei Abschiede

An diesem Sonntag verabschiedet sich Pfarrer Ludwig Mattes von der Gemeinde im Gottesdienst um 10 Uhr in der Kirche St. Anna in Beutelsbach.

Am kommenden Sonntag, 27. November, am 1. Advent hält er um 10 Uhr seinen Abschiedsgottesdienst in St. Michael in Grunbach.

Weit weg geht er nicht: Mattes’ neuer Wirkungsort ist die Seelsorgeeinheit „Stuttgarter Madonna“ mit den Gemeinden in den Stuttgarter Stadtteilen Sommerrain, Steinhaldenfeld, Neugereuth, Hofen und Mönchfeld. Am 15. Januar ist seine Investitur. Über die Advents- und Weihnachtszeit wird er sich in seiner alten Heimat Villingendorf im Schwarzwald aufhalten.