Schorndorf

Ein Tritt gegens Knie und keiner hat’s gemerkt

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Das Amtsgericht in Waiblingen. © Ramona Adolf

Schorndorf/Urbach. Hat er ihr gegen das Knie getreten oder hat er nicht? Richterin Petra Freier ist überzeugt, dass der 51-jährige Angeklagte seiner ehemaligen Bekannten in der Urbacher Kneipe „Zom Täle“ eins mitgegeben hat, obwohl Staatsanwalt und Verteidiger das bezweifelten und für Freispruch plädierten. Und darum hat die Richterin den Angeklagten auch wegen Körperverletzung zu einer Geldstrafe von 400 Euro verurteilt

Seine Arbeitskollegen beschreiben ihn als „ganz ehrlichen, ruhigen Menschen“ und als „den Letzten“, dem sie so etwas zutrauen würden. Und für ihn selbst, versicherte der 51-jährige Plüderhäuser im Schlusswort der Verhandlung, mache – bei der ganzen Aggression auf der Welt – Streit und Gewalt gar keinen Sinn.

Richterin glaubt der Geschädigten 

Selbst der Staatsanwalt traute dem Angeklagten nicht zu, dass er seiner ehemaligen Bekannten bei einem Konzertabend im „Täle“ tatsächlich von hinten ins Knie getreten und sie anschließend noch von der Seite angerempelt hat. Trotzdem wurde der Angeklagte jetzt wegen Körperverletzung verurteilt. Anders als Staatsanwalt und Verteidiger fand Richterin Petra Freier nicht ihn, sondern die 38-jährige Geschädigte glaubwürdig, die in der Verhandlung als Zeugin aussagte. In der Urteilsbegründung betonte Petra Freier: „Ich habe keinen Zweifel, dass sich die Tat so abgespielt hat.“

Zum Streit sei es nicht gekommen

Kennengelernt haben sich die beiden im Frühjahr 2016 im Zentrum für Psychiatrie (ZfP) in Winnenden. Er wollte nach einer schwierigen Phase, in der seine Mutter gestorben war und gleich zweimal in seine Wohnung eingebrochen wurde, im Krankenhaus zur Ruhe kommen. Überlastet sei er gewesen, „mit Tendenz zur Depression“. Der 38-Jährigen, die ebenfalls wegen psychischer Probleme in stationärer Behandlung war und damals ein leichtes Antidepressivum nahm, half er nach der Entlassung beim Umzug nach Welzheim, schenkte ihr ein altes Bettgestell und traf sich immer mal wieder mit ihr auf einen Kaffee – auch wenn die beiden kein Paar gewesen sind. Das Motiv seiner Hilfsbereitschaft waren eigene positive Erfahrungen: Als es ihm schlecht gegangen sei, haben ihm seine Feuerwehrkameraden sehr geholfen – „so was ist unbezahlbar“. Doch kaum war die Wohnung eingerichtet, erzählte er, habe sie den Kontakt abgebrochen und ihn aufgefordert, sein Bett wieder abzuholen. Zum Streit, versicherte er, sei es zwischen den beiden aber nicht gekommen.

Er hat den Abend positiv in Erinnerung

An den Abend im „Täle“ kann er sich noch gut erinnern: Von einem Arbeitskollegen eingeladen, der mit seiner Band in der Kneipe auftrat, stand er mit einem weiteren Kollegen an der Theke, keine zwei Meter von der Bühne entfernt. Über den Abend hatte er zwei Bacardi-Cola bestellt, betrunken sei er aber nicht gewesen. Irgendwann habe er seine ehemalige Bekannte in der vollen Kneipe entdeckt. Er grüßte sie, als sie wortlos an ihm vorbeilief, verkniff sich aber die Frage, die ihm auf den Lippen lag: „Kennst Du mich nicht mehr?“ Getreten und angerempelt, wie ihm jetzt vorgeworfen wird, habe er sie nicht. Im Gegenteil: Der Abend, sagte der 51-Jährige in der Verhandlung, sei positiv gewesen – bis ihn Wochen später die Anzeige wegen Körperverletzung erreichte: „Ich bin aus allen Wolken gefallen.“

„Das war fürs Bett“

Ganz so positiv hat die 38-Jährige den Abend im „Täle“ nicht in Erinnerung: Als sie den 51-Jährigen entdeckte, mit dem sie nichts mehr zu tun haben wollte, weil ihr „manche seiner Verhaltensweisen nicht mehr so gut getan haben“, war der Abend für sie gelaufen. Irgendwann sagte sie der Freundin, mit der sie sich in der Kneipe getroffen hatte, dass sie nach Hause wolle. Der war das recht, sie ging voraus – und führte die Freundin auf dem Weg nach draußen direkt an dem Mann vorbei, dem die ja eigentlich nicht begegnen wollte. Als die 38-Jährige an ihm vorüber war, spürte sie einen massiven Tritt in der Kniekehle und einen Ellenbogen in der rechten Brustseite. Und obwohl sie nicht darauf reagiert und sich auch gar nicht nach ihm umgedreht hatte, hörte sie noch die Worte: „Das war fürs Bett.“ Vor der Kneipe sei sie dann innerlich zusammengeklappt und habe der Freundin – unter Tränen – versucht zu erklären, was gerade passiert war. Und das Attest eines Arztes bestätigt: „massive Hämatome“ und Prellungen am Knie, das bereits durch einen Meniskus-Riss vorgeschädigt war. Wochenlang hatte sie noch Schmerzen.

Niemand soll etwas gemerkt haben

Doch die Freundin, die ebenfalls als Zeugin in der Verhandlung aussagte, hat nichts mitgekriegt. Wie überhaupt niemand etwas von dem Angriff in der vollen Kneipe gemerkt zu haben scheint, nicht der Arbeitskollege, der direkt neben dem 51-Jährigen an der Theke stand, und auch nicht der Musiker auf der Bühne. Dass die 38-Jährige die Zähne zusammengebissen haben soll, nicht geschrien und nicht einmal gestolpert war, das konnte der Verteidiger nicht glauben. Sie scheint „mir nicht hundertprozentig glaubwürdig“, sagte auch der Staatsanwalt und plädierte darum – „im Zweifel für den Angeklagten“ – für Freispruch.

Geldstrafe für den 51-Jährigen

Warum sie den 51-Jährigen dennoch zu einer Geldstrafe von 400 Euro verurteilte, erklärte Richterin Petra Freier in der Urteilsbegründung: „Ich habe keine Veranlassung, an den Angaben der Zeugin zu zweifeln.“ Schließlich befänden sich beide Beteiligten in psychiatrischer Behandlung, und nur, weil die Zeugin auch bei ihrer Aussage psychisch angeschlagen wirkte, heiße das nicht, dass sie nicht glaubhaft sei. Immerhin bestätige ein ärztliches Attest die Verletzung des Knies, das bereits vorgeschädigt war und deshalb durchaus zwei Wochen schmerzen könne. Außerdem sei es in der Kneipe voll und eng gewesen – für Freier eine Erklärung, warum andere nichts von dem Tritt mitbekommen haben. Vor der Kneipe sei die 38-Jährige ja dann sehr aufgebracht gewesen, das habe ihre Freundin bestätigt. Dass sich der Angeklagte unter Druck gefühlt habe, weil er das Bett Knall auf Fall abholen sollte – für Richterin Petra Freier eine Erklärung für den Tritt ins Knie und der Rempler in die Seite. Zweifel, dass sich die Tat im „Täle“ so abgespielt hat, hegt sie nicht – „sonst hätte ich ihn freisprechen müssen“.