Schorndorf

Eine vielstimmige Liebeserklärung ans Fahrrad

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Margarete und Otto Schneider fahren schon immer gerne Fahrrad, seit ein paar Jahren mit dem E-Bike. © Habermann / ZVW
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Fahrrad hoch drei: Ulf Sonnenkalb auf seinem Cruiser mit Anhängsel. © Habermann / ZVW
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Überzeugte Allwetterradler: Michael Maier mit dem fünfjährigen Kai. © Habermann / ZVW
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Ein treuer Begleiter: Das City-Rad von Gunhild Veil-Panni. © Habermann / ZVW
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Dietmar Alsleben auf seinem Sieben-Kilo-Carbonrad. © Habermann / ZVW

Schorndorf. Praktisches Stadtrad, kommunikatives Tandem, cooler Cruiser, Mountainbike, Rennrad und das motorisierte E-Bike – seit der Erfindung vor 200 Jahren ist das Fahrrad enorm vorangekommen. Die Auswahl für passionierte Radler ist groß, die Gründe, immer wieder aufs Rad zu steigen, ebenfalls: „Mein Fahrrad“ – eine vielstimmige Liebeserklärung ans Zweirad.Im Video: Zum Extra " Mein Fahrrad" stellen Schorndorfer sich und ihr Rad vor

Für ein Auto hat Ulf Sonnenkalb in der Garage keinen Platz. Auf dem Stellplatz parken ein Stadtrad, zwei Cruiser, ein dickbereiftes Fatbike sowie ein gefedertes und ein ungefedertes Mountainbike. „Und das achte Rad ist bestellt“, sagt der 33-jährige Fahrrad-Fan, der nur auf ein Rennrad verzichtet: „Das würde sich mit meinem Fahrstil nicht vertragen.“ Und diesen beschreibt er – nicht ohne Schmunzeln – als „proaktiv, vorausschauend und bremsschonend“.

Für Einkäufe hat er einen Fahrradanhänger – und für die Critical Mass an jedem letzten Freitagabend im Monat fährt er sogar mit einem Musikanhänger im Pulk, um auf Radler und ihre Rechte im Straßenverkehr aufmerksam zu machen.

Fahrradverrückt

Radfahren ist für den 33-Jährigen Leidenschaft. Zwischen 5000 und 8000 Kilometer fährt er im Jahr auf zwei Rädern – und manchmal auch auf drei: An den Cruiser, dessen Rahmen aus einer Kleinserie stammt, hat er die dritte Achse selbst geschweißt. Außerdem hat er das tiefergelegte Fahrrad – Länge: 3,24 Meter – mit einer Felgen- und einer Unterrahmenbeleuchtung aufgepeppt. Ein bisschen verrückt, aber ziemlich sportlich: Von Mai bis September radelt Sonnenkalb nach der Arbeit von Sindelfingen zurück nach Schorndorf.

Praktisch

Gunhild Veil-Panni ist die Praktikerin auf zwei Rädern. Ihr City-Bike ist für sie mit seinen 24 Gängen vor alles das: „Funktional“. Wie viel Kilometer sie im Jahr radelt – „keine Ahnung“. Als ihre Kinder noch klein waren, hat sie mit dem Radeln angefangen, vorne einen Kindersitz und hinten einen. Seitdem fährt sie täglich Kurzstrecken, für die Einkäufe hat sie Radtaschen. Radeln „ist geschickt“, sagt die 63-Jährige und genießt die Bewegung an der frischen Luft. Sie ist gerne aktiv – für sich und die Umwelt und ärgert sich, dass sie im löchrigen Schorndorfer Radwegenetz immer wieder an Grenzen stößt und absteigen muss. „Da ist noch viel im Argen“, beklagt die passionierte Radlerin und bemängelt die fehlende Gesamtplanung in Schorndorf: „Da fehlt der politische Wille, Fördergelder wären da.“

Lobbyismus

Michael Maier ist Fahrrad-Lobbyist – und zitiert als solcher gerne Adam Opel: „Bei keiner anderen Erfindung ist das Nützliche mit dem Angenehmen so innig verbunden wie beim Fahrrad.“ Ein toller Satz von einem Autopionier, findet Maier, der als Sprecher des ADFC im Schorndorfer Verkehrsbeirat sitzt – und täglich auf einem seiner Fahrräder. Für den Alltag nutzt der 45-Jährige ein Trekkingrad. Ist er beruflich unterwegs, nimmt er schon mal sein Faltrad mit in die Bahn.

Die Familie besitzt ein Tandem sowie ein Stufentandem, auf dem schon Babys festgeschnallt werden können. „Da hat man den Vordermann voll im Blick“, nennt Maier den Vorteil der kommunikativen Familienkutsche. Bis zu 3000 Kilometer radelt Maier im Jahr. Für den ADFC veranstaltet er in der Saison Feierabendtouren. Als er und seine Frau noch zu zweit waren, gehörten exzessive Fahrradurlaube zur Freizeitgestaltung. Doch zum Schönwetterradler ist der 45-Jährige nicht geworden: Auch wenn es ihn Überwindung kostet, an regenkalten Tagen in die Pedale zu treten, er tut’s aus Überzeugung – und für die Umwelt.

Würde er von seinem Zuhause in Weiler nach Schorndorf in die Arbeit mit dem Auto fahren, er würde sich nicht wohlfühlen: Jede Autofahrt hinterfragt er kritisch – und wünscht sich, „dass das viel mehr Leute machen“. Er jedenfalls kann nur Werbung fürs Radfahren machen, das ihm ein Freiheitsgefühl vermittelt und zum Stressabbau gehört. „Ich komme entspannter in die Arbeit und nach Hause“, sagt der 45-Jährige, der auf dem Heimweg schon mal eine Extrarunde übers Ostlandkreuz dreht, um sich noch ein bisschen auszupowern.

Sportskanone

Drei- bis viermal die Woche mit dem Rennrad von Weiler über Beutelsbach, Schnait, Baach, Hohengehren, den Schurwald-Highway nach Esslingen und wieder zurück. Dietmar Alsleben ist die Sportskanone in der Schorndorfer Radler-Auswahl. Zwischen 50 und 60 Kilometer strampelt er, um von zu Hause in die Arbeit und wieder zurück zu kommen Er überwindet 700 Höhenmeter.

Pro Jahr, überschlägt der 53-Jährige, fährt er zwischen 10 000 und 12 000 Kilometer mit dem Fahrrad. Und das seit 1999: „Da hab ich mit dem Rauchen aufgehört.“ Seitdem radelt er und hat sich kontinuierlich gesteigert – auch damit er und seine Frau sich das zweite Auto sparen können. Das Training hat aber noch einen weiteren Sinn: Fix und fertig könnte der Kinderkrankenpfleger gar nicht zu seinem Dienst im Klinikum Esslingen erscheinen.

Doch der Arbeitsweg ist nicht alles: Dietmar Alsleben steigt auch in seiner Freizeit oft und gern aufs Rad: Für die Straße hat er ein Sieben-Kilo-Carbonrad, für den Wald ein Mountainbike. Außerdem besitzt er ein Winterrad, mit dem er ohne Bedenken auch auf gestreuten Straßen radeln kann.

Er fährt grundsätzlich in Funktionskleidung, mit Brille und Klickpedalen, immer mit Helm – und nie ohne Handschuhe, weil ja fast jeder Sturz mit den Händen abgefangen wird: „Das sind die Sicherheitsgurte eines Fahrradfahrers“, sagt Alsleben und wünscht sich für Schorndorf ein Radwegenetz wie in Esslingen: Seitdem die Stadt mit dem neuen Radwegekonzept die Radler konsequent auf die Straße geholt hat, hat sich deren Situation deutlich verbessert.

Mit Elektromotor

Margarete und Otto Schneider könnten dafür ohne ihre E-Bikes nicht mehr radeln: Beide 81 Jahre alt, er mit Knieprothese und Schrauben im Kreuz, brauchen sie Unterstützung beim Strampeln. Begeisterte Freizeitradler sind sie aber schon ihr Leben lang: An Elbe, Weser, Ems, Mosel, Lahn, Salzach und Kocher sind sie entlanggeradelt.

Otto Schneider war neunmal bei der Tour de Ländle dabei und ist vor 15 Jahren noch mit seiner Feuerbacher Radlergruppe in einer Woche bis nach Paris geradelt. Jetzt haben beide schon das zweite Fahrrad mit Elektromotor und radeln, nachdem sich ihre Schornbacher Radgruppe aus Altersgründen aufgelöst hat, mittwochnachmittags bei der Cappuccino-Tour des ADFC mit.

Aus Sicherheitsgründen mit Rückspiegel, natürlich mit Helm – und das seit mehr als 20 Jahren. Von der technischen Entwicklung sind sie begeistert – abgesehen vom Gewicht ihrer Gefährte: „Die sind schwer“, sagt Otto Schneider. In die S-Bahn schaffen sie die Räder nur zu zweit. Und zum Einkaufen nach Schorndorf zu radeln, das sparen sich die Schneiders ebenfalls. Sie nehmen lieber das Auto oder den Bus, „weil es hier keinen gescheiten Abstellplatz für Fahrräder gibt“, sagt Marianne Schneider, die ihr teures Rad nicht nur mit Schloss sichern möchte, sondern eine Möglichkeit zum Einschließen sucht.


Eine Helmpflicht für Fahrradfahrer gibt es in Deutschland nicht, „weder im Allgemeinen noch für bestimmte Altersgruppen, in bestimmten Regionen oder bei Gruppenfahrten“, informiert der Allgemeine Deutsche Fahrrad-Club (ADFC) auf seiner Internetseite. Und da es keine Helmpflicht gibt, gilt nach gängiger Rechtsprechung bei Alltagsradlern das Fehlen eines Fahrradhelmes bei einem Unfall auch nicht als Mitverschulden.

Weder durchzusetz- noch zu kontrollierbar

Und tatsächlich weist der ADFC Forderungen nach einer Helmpflicht auch als untauglich zurück: „Es ist seit langem übereinstimmende Meinung aller Experten und der Bundesregierung, dass eine Helmpflicht weder durchzusetzen noch zu kontrollieren sei. Sie würde aber die Fahrradnutzung drastisch senken und damit den Autoverkehr zunehmen lassen.

Dies ist weder umwelt- noch gesundheitspolitisch zu verantworten.“ Selbstverständlich spricht für den Verein, der sich als Interessenvertretung aller Radfahrer versteht, nichts dagegen, wenn sich Radfahrer mit einem Helm schützen. Der ADFC vertritt allerdings die Auffassung, dass eine radfahrerfreundliche Verkehrsplanung mehr bringen würde. Eine Durchsetzung niedrigerer Autogeschwindigkeiten in bewohnten Gebieten kann nach Ansicht des ADFC die Schwere von Unfallfolgen deutlich verringern.

Und auch die Schorndorfer Radler sind sich nicht einig: Gunhild Veil-Panni trägt bei Fahrten in der Stadt zwar keinen Helm, auf längeren Touren aber schon. Auch Ulf Sonnenkalb verzichtet in der Stadt auf den Helm, im Gelände trägt er aber einen. Michael Maier ist vernünftig: Er fährt immer mit Helm. Dietmar Alsleben zieht zum Helm sogar immer auch Handschuhe an. Und auch Margarete und Otto Schneider fahren auf ihren E-Bikes nur mit Kopfschutz: Sicher ist sicher.

Rauf aufs Rad

Während der Fahrradsaison von April bis September gibt es ein breites Angebot an geführten Fahrradtouren: Der ADFC bietet mittwochs mit der Cappuccino-Tour eine Radtour für jedermann. 20 Kilometer lang, ohne große Steigungen und immer mit Einkehr. Abfahrt ist um 16 Uhr am Marktplatz.

Außerdem: die zweistündige Feierabendtour am Donnerstag. Abfahrt ist um 18 Uhr am Marktplatz. Die Radler der Naturfreunde Schorndorf treffen sich sonntagvormittags um 10 Uhr vor Bikes’n Boards an der Rosenstraße zu einer etwa zweistündigen, sportlichen Mountainbike-Ausfahrt rund um Schorndorf.

Mit den Mountainbikes unterwegs sind auch die Sektion Schorndorf des Deutschen Alpenvereins und Freeride Mountain, und zwar samstags von 14.15 bis 17.15 Uhr. Auf den Zwei- bis Drei-Stunden-Touren werden zwischen 500 und 700 Höhenmeter überwunden. Abfahrt ist bei Freeride Mountain, Konrad-Haußmann-Weg 34. Außerdem bieten das DAV/Freeride-Mountain-Team während der Sommerzeit donnerstags ein MTB-Afterworkbiken an. Treffpunkt ist um 18 Uhr ebenfalls bei Freeride Mountain.