Schorndorf

Eltern auf Zeit: Familie bietet Zuflucht für Kinder ohne Zuhause

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Eine Remstäler Familie gibt, was sie kann, um Kindern in Krisensituationen den bestmöglichen Start ins Leben zu ermöglichen. © ZVW/Gaby Schneider

Schorndorf.
Ein kleines Bündel liegt in ihrem Arm. Nina H. (Name von der Redaktion geändert) hält den winzigen Jungen warm. Der schneckelt und grunzt auf diese niedliche Weise, wie es nur ganz kleine Babys können. Fünf Monate ist er alt, aber nur, weil er viel zu früh geboren wurde. Hätte er sich an seinen Geburtstermin gehalten, wäre er erst drei Monate alt. So klein er auch ist, er hat ein ordentliches Päckchen zu tragen. Die Lunge hinkt in ihrer Entwicklung hinterher, Leisten- und Nabelbruch hat er auch schon durch. Aber da ist noch mehr. Denn Nina H. ist nicht seine Mutter, auch wenn sie sich so kümmert, als wäre sie es doch.

Seine Eltern, sie sind wohnungslos, sind Tag für Tag auf der Straße, um Geld zu verdienen. Bald müssen sie zurück nach Rumänien, da warten auch die großen Geschwister des Kleinen, da sind die Freunde und Verwandten. Längst hätten sie dort sein wollen mit ihrem kleinen Sohn. Aber die letzte, notwendige OP wurde zuletzt wegen eines Infektes verschoben. Ob die nächste, die nun ansteht, wie geplant stattfindet, entscheidet womöglich ein Virus namens Sars-CoV-2. In diesen Zeiten ist so vieles ungewiss. Und währenddessen kann der Kleine nicht bei seinen Eltern sein, weil sie nicht über die Wohnverhältnisse verfügen, die man braucht, um ein Frühchen mit zahlreichen gesundheitlichen Baustellen, sicher über die ersten Lebensmonate zu bringen.

60 Minuten, dreimal pro Woche: Besuch der leiblichen Eltern

„Die Eltern lieben ihr Kind“, dessen ist sich Christian H. (Name geändert) sicher. „Sie wollen ihn so viel wie möglich sehen.“ Das haben Mutter und Vater deutlich gemacht. Deshalb wurde auch die maximal mögliche Anzahl von Besuchskontakten angesetzt. Dreimal pro Woche jeweils eine Stunde. „In der Zeit wird der Kleine von oben bis unten durchgekuschelt“, berichtet Nina H. Die Eltern weinten jedes Mal, wenn sie ihren Sohn wieder nach 60 Minuten abgeben müssen. Das ist hart, auch für die Bereitschaftseltern.

Aber alle Beteiligten wissen, dass es für den kleinen Jungen so das Beste ist. Familie H. hat ausreichend Platz zu Hause, genug Zeit für all die Termine, zu denen auch etliche Arzt-und Krankenhausbesuche zählen. Richtig leicht sei die Vorstellung nicht, den kleinen Jungen in ein paar Wochen wieder abgeben zu müssen. Dennoch hat sich die Familie darauf eingelassen. Ihnen hilft dabei ein Bild: „Wir stellen uns das so vor: Jedes Kind, das in die Bereitschaftspflege kommt, bringt einen leeren Rucksack mit. Wir füllen ihn mit so viel Liebe, wie es geht, um ihm einen guten Start zu ermöglichen“, erklärt Christian H.

Währenddessen sollen die Pflegeeltern eine professionelle Distanz zum Kind halten, habe es in den Vorbereitungskursen immer wieder geheißen. „Aber wenn Sie so ein kleines Baby im Arm halten, dann war’s das mit der professionellen Distanz.“ Und so hat die Familie, zu der außer den Eltern noch drei Jungs in der 1., 3. und 5. Klasse gehören, den Bruder auf Zeit so richtig ins Herz geschlossen.

Großer Mangel an Bereitschaftspflegeeltern

Zwei Wochen habe es durchaus geruckelt im Familiengefüge, dann aber hätten sich die großen Jungs gut eingefunden. Immerhin – die Entscheidung eine Bereitschaftspflegefamilie zu werden – haben die Remstäler, deren Vater in Schorndorf arbeitet, miteinander getroffen. Freunde im Bekanntenkreis hatten schon vor längerem den gleichen Schritt gewagt. Was sie dabei beobachteten, machte ihnen nicht nur Mut. Es machte ihnen auch klar, dass es eine große Not gibt, einen großen Mangel an Bereitschaftspflegeeltern. Gerade für Säuglinge sei es aber besonders wertvoll, nicht in einem Heim, sondern in einer Familie ihren ersten Anker werfen zu dürfen. Da wollten sie helfen. In ihrem Haus und ihren Herzen war noch Platz.

Kinder brauchen Stabilität

Also schloss Nina H. zunächst ein Kapitel ab, nämlich das der Tagesmutter. In acht Jahren hat sie nach der Geburt des zweiten Kindes 35 Kinder betreut. Nun war die Zeit gekommen, etwas Neues anzupacken, eine wichtigere Aufgabe zu erfüllen. Sie und ihr Mann besuchten etliche Schulungen, ließen sich durchs Jugendamt prüfen, absolvierten etliche Gespräche. Ein gutes halbes Jahr dauerte das ganze Prozedere. Das übrigens fanden sie keinesfalls lästig. Vielmehr habe sie das sorgfältige Vorgehen des Jugendamtes beruhigt. „Es ist so wichtig, dass die Kinder in geeignete Familien kommen“; weiß Christian H.. Immerhin gibt’s auch Kinder, die nach der Erfahrung von seelischer oder körperlicher Misshandlung oder gar nach einem Drogenentzug in eine Pflegefamilie kommen, da braucht’s schon eine gewisse Stabilität. Und die haben die Erzieherin und der Pädagoge in jedem Fall. Zusätzliche Kraft und auch Motivation schöpfen sie aus ihrem christlichen Glauben. „Wir fühlen uns sehr gesegnet und möchten etwas von dem Segen weitergeben“; erklärt Christian H.. Nächstenliebe ist für sie mehr als nur eine Geisteshaltung, es ist ihr Auftrag.

Also lieben sie. Und geben. Und umsorgen. Und tragen. Und halten. Und halten aus. 24 Stunden, sieben Tage die Woche. Tags und nachts. Alle drei Stunden hat das kleine Menschlein Hunger. Es braucht Zuwendung, Geduld und Gelassenheit. Sie geben es. Vollumfänglich. Liebe, so viel es geht. Und in ein paar Wochen packen sie für den kleinen Jungen eine Tasche. Da hinein stecken sie ein Fotobuch mit wertvollen Erinnerungen, einige Dinge für den Neuanfang mit den leiblichen Eltern und all die Liebe, das sichere Wissen, dass da jemand ist, der ihn hält. Der ihn hört, wenn er weint, der da ist, wenn er ruft. Ganz tief in ihm drinnen ist dieses Wissen, diese Erfahrung. Dort, wo seine Erinnerung niemals hinreichen wird. Dort, wo er nur hinfühlen kann. Urvertrauen nennt man das. Das ist das größte Geschenk, das die Familie dem kleinen Jungen macht. Und das sie noch vielen weiteren Kinder mitgeben wird auf ihrer Reise ins Leben.


Info

Bereitschaftspflegeeltern werden überall händeringend gesucht. Wer sich für die Aufgabe interessiert, findet weitere Informationen dazu beim zuständigen Landratsamt. Es gibt eine Vergütung für die Aufgabe. Allerdings soll diese nur die Auslagen fürs Kind abdecken. Wer ein Kind aufnehmen möchte, sollte das nicht aus finanziellem Interesse tun.