Schorndorf

Elterntaxis auch in Schorndorf ein großes Problem

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Bye-bye Elterntaxi: Auch Grundschüler müssen nicht bis vor die Eingangstür gebracht werden, sie können auch alleine zur Schule laufen. © Monkey Business Images/Fotolia

Schorndorf. Mit der Aktion „Goodbye Elterntaxis“ wollen der Auto-Club Europa und das Verkehrsministerium Baden-Württemberg Eltern dazu bringen, ihren Kindern den Schulweg wieder alleine zuzutrauen – anstatt mit den Autos Gehwege, Bushaltestellen und Brandschutzzonen zuzustellen. Und obwohl an der Schlosswallschule in einer Projektwoche sogar die lauffreudigsten Klassen ausgezeichnet werden, verhallt der Appell oft genug ungehört. An der Künkelinschule kam’s darum jüngst sogar zu einer Handgreiflichkeit.

Jeden Morgen das gleiche Bild vor den Schulen: Eltern, die ihre Kinder bis fast vor die Tür fahren, stellen mit ihren Autos die Gehwege zu, blockieren Bushaltestellen und machen sogar auf Brandschutzzonen halt. Bundesweit, das hat eine Forsa-Umfrage für „Zeit online“ aus dem Jahr 2018 ergeben, wird jedes fünfte Grundschulkind mit dem Auto zur Schule gebracht. Das gefährdet nicht nur die Sicherheit der anderen Kinder, sondern birgt auf lange Sicht auch für die eigenen Kinder Gefahren. Karin Ehlert, Rektorin der Schlosswallschule, argumentiert schon seit Jahren gegen Elterntaxis und beobachtet: Heute gucken viele Kinder an der Straße nicht mehr nach rechts und links, „weil sie immer gefahren werden oder in Begleitung sind“. Und dabei muss sich Verkehrstüchtigkeit nach Ehlerts Überzeugung tagtäglich einspielen.

Jedes Jahr aufs Neue fordert sie in Elternbriefen auf, die Kinder in Laufgruppen zur Schule zu schicken. Bei den Erstklässlern anfangs noch in Begleitung eines Erwachsenen, doch Schritt für Schritt alleine. Dass das sinnvoll ist, davon sind auch viele Eltern überzeugt: Vor einigen Jahren haben Mütter und Väter an parkende Eltern rund um die Schlosswallschule ein Schoklädle verteilt – mit dem freundlichen Hinweis: „Wir bedanken uns, wenn Sie Ihr Kind morgen zu Fuß zur Schule lassen.“ So nett auch Karin Ehlert die Idee fand, wirklich gebracht hat sie nichts.

Karin Ehlert: „Es ist ein Gefühl der Bedrohung bei den Eltern“

Und mittlerweile hat die Rektorin auch kapiert, warum: „Das ist ein Gefühl der Bedrohung bei den Eltern.“ Nicht zu wissen, wo das Kind ist, können viele Mütter und Väter heute kaum mehr aushalten. Und dabei, sagt Ehlert auch in Elterngesprächen, sei etwa in den 1980er-Jahren das Aufwachsen für Kinder viel gefährlicher gewesen – ohne Tempo-30-Zonen und andere Schutzräume. Und auch das Argument, die Ranzen der Kinder seien viel zu schwer, lässt Ehlert nicht gelten: Die meisten Hefte und Bücher können in der Schule bleiben und die Ganztagsschüler, das sind mehr als die Hälfte in der Schlosswallschule, „müssen sowieso nichts mitnehmen“. Damit die Schülerinnen und Schüler auch keine schweren Trinkflaschen mehr schleppen müssen, hat der Freundeskreis der Schule sogar extra einen Wasserspender angeschafft.

"Zu Fuß zur Schule"-Projektwochen an der Schlosswallschule

Und noch etwas gibt es an der Schlosswallschule: Seit ein paar Jahren beginnen jedes Jahr vier Wochen nach Schuljahresbeginn die Projektwochen „Zu Fuß zur Schule“: Dann werden zehn Wochen lang in den Klassen nicht nur die Laufkinder gezählt, sondern – begleitet von einem extra gedichteten Zu-Fuß-zur-Schule-Rap – mit einem Goldpokal auch Wochensieger gekürt. Mit dem Effekt: An der Schlosswallschule gibt es Laufgruppen, die über die ganze Grundschulzeit zusammenbleiben – aber eben auch viele Eltern, die sich partout nicht überzeugen lassen. Und das nicht nur von den Kindern, die vom äußersten Rand des Schulbezirks, von der Gmünder und der Göppinger Straße, morgens um 7 Uhr allein zur Schlosswallschule laufen müssten. Aber um halb acht findet jedes Kind eine Laufgruppe, ist Ehlert überzeugt und sieht „die eigentlichen Gefahren“ ganz woanders: Übers Smartphone werden Kinder heute mit Dingen konfrontiert, die mit ihrer Lebenswirklichkeit nichts zu tun haben. Und so werden Kinder, die in Alltagsdingen zunehmend unterfordert sind, weil ihnen ihre Eltern alle Steine aus dem Weg räumen und sich sogar über hochstehende Wurzeln auf dem Schulhof beschweren, permanent von den Sozialen Medien überfordert.

Handgreiflichkeit: Uneinsichtiger Vater an der Künkelinschule

Und bleibt’s in den meisten Fällen bei einem Kopfschütteln als Reaktion, manchmal vielleicht auch bei einem mehr oder weniger direkten Hinweis, gab es an der Künkelinschule, wo die Gehwege an der Schlichtener Straße und an der Urbanstraße, die Bushaltestelle, ja oft auch die Brandschutzzone an der Burgstraße von Eltern zugeparkt werden, jüngst sogar eine tätliche Auseinandersetzung: Passanten haben beobachtet, wie ein Vater, angesprochen auf das widerrechtliche Parken auf dem Gehweg, handgreiflich geworden ist. Und auch wenn Schulleiter Harald Schurr den Vorfall nicht zu hoch hängen möchte, „Elterntaxis sind ein Thema“. Darum bekommt zur Einschulung jede Familie eine Broschüre in die Hand gedrückt, in der sich ein Kapitel auch dem Schulweg widmet und auf die fehlenden Parkmöglichkeiten hingewiesen wird. Im Grunde ist der Schulleiter aber zufrieden, „wie viele Kinder zu Fuß kommen“.


Eine Idee

Da nicht alle Schulen eine Strategie gegen Elterntaxis haben, ist Silvia Bay vom Fachbereich Schulen und Vereine gerade dabei, ein Konzept für Schorndorf zu entwickeln. Die Idee: Von einer ein paar Hundert Meter entfernten Extra-Haltestelle, an der die Schülerinnen und Schüler sicher rausgelassen werden, könnten sie den Rest des Schulweges zu Fuß zurücklegen. Der Druck, weiß Bay nach einer Schulung, muss von der Rückbank kommen – verbunden mit der Forderung: „Mama, ich schaff’ den Weg auch alleine.“