Schorndorf

Ende einer Institution: Warum der Waschsalon in Schorndorf schließen musste

Waschsalon
Kinobank und Waschmaschinen: Der mittlerweile geschlossene Waschsalon in der Johann-Philipp-Palm-Straße. © privat

Sechs schwere Profiwaschmaschinen, drei wuchtige Wäschetrockner, leuchtend blaue Schließfächer und eine schwarze Kinobank: Das war der Waschsalon in der Johann-Philipp-Palm-Straße. Zehn Jahre lang konnten die Kunden auf der Kinobank sitzend versonnen dem meditativ-entspannenden Drehen ihrer Wäsche in den Wäschetrommeln zusehen. Es sei denn, sie lasen lieber in aller Ruhe ein Buch oder unterhielten sich mit ihrem Nachbarn. Studenten, Monteure, Touristen und manch älterer Herr ohne eigene Waschmaschine hat den Waschsalon von Andreas Viebig gerne genutzt - der einzige übrigens im weiten Umkreis um Stuttgart. Doch im November war Schluss mit der aushäusigen Wäsche: Viebig schloss für immer seinen Waschsalon, nachdem der Umsatz coronabedingt eingebrochen war und der Mietvertrag auslief.

Zehn Jahre lang drehten sich die Trommeln

Wo werden sie jetzt wohl waschen, die vielen Kunden, die Andreas Viebig in seinem Waschsalon jahrelang die Treue gehalten haben? Der Schorndorfer Textilreiniger, der in der Konstanzer-Hof-Gasse und in Stuttgart-Gablenberg noch zwei Reinigungen unterhält, bedauert das Aus seines Waschsalons jedenfalls sehr. Im Januar 2012 hatte er den Waschsalon eröffnet, nachdem ihn ein Freund aus Stuttgart auf die Idee gebracht hatte. Schließlich war das Geschäft mit den öffentlich zugänglichen Waschmaschinen eine echte Marktlücke: „Es gab keinen“, sagt er. „Auch nicht in Fellbach, in Waiblingen oder Winnenden.“

Dass man nicht mehr bei Verwandten waschen musste, musste erst in die Köpfe

Wer waschen musste und keine eigene Waschmaschine hatte, musste zu den Eltern, zu Onkel oder Tante. „Damals musste es erst in die Köpfe rein, dass man nicht mehr bei der Verwandtschaft waschen muss“, sagt Andreas Viebig. Geöffnet war von sechs bis 21 Uhr. Ältere  Herrschaften, meist Männer, seien zum Waschen gekommen, wobei es in Schorndorf aber eher selten sei, zu Hause keine eigene Waschmaschine zu haben. Normale Hausfrauen, die mit voluminösen Teilen wie Bettdecken kamen, hätten die großen Maschinen genutzt. Außerdem gehörten Monteure zu den Kunden, die unter der Woche in Schorndorf ein Zimmer hatten und natürlich Touristen. Viebig erinnert sich an Reisende aus Kanada, Südafrika und England, die in Schorndorf Halt gemacht hatten und gern seinen Waschsalon nutzten. „Wir haben jeden Tag geputzt, da kamen wir mit den Leuten ins Gespräch“, erzählt er.

Mit Corona kam der Einbruch

Mit der Corona-Pandemie und dem Lockdown kam der Einbruch. Die Firmen machten dicht, die Monteure blieben zu Hause, der Tourismus brach weg. Anfang 2021 verbesserte sich die Situation nur leicht, der Umsatz war immer noch halbiert, doch die Miete so hoch wie in guten Tagen. Als dann der Mietvertrag Ende 2021 auslief, hat ihn Andreas Viebig nicht verlängert. Glück im Unglück hatte er beim Verkauf der Geräte. Seine Waschmaschinen und Trockner konnte er komplett an einen Indoor-Campingplatz in Triberg verkaufen. „Die waren technisch einwandfrei“, versichert er. „Sie wären noch lange weitergelaufen.“ Traurig war er, als er die Tür zum Waschsalon zum letzten Mal abgeschlossen hat. „Meine Idee war ja, den Waschsalon aufzubauen und ihn auch mal in meiner Rente als zusätzliche Einnahmequelle weiterzuführen. Saubermachen, das Flusensieb reinigen, das hätte ich auch noch mit 70 geschafft.“

Daraus ist nun nichts geworden. Wie sich seine Kunden weiterbehelfen, die nun ohne seine Waschmaschinen auskommen müssen, weiß er nicht. „Keiner hat gesagt, wo er jetzt waschen geht.“ Nur, dass sie jetzt ohne auskommen müssen. Denn einen anderen Waschsalon, sagt er, gibt es im weiten Umkreis nicht.

Sechs schwere Profiwaschmaschinen, drei wuchtige Wäschetrockner, leuchtend blaue Schließfächer und eine schwarze Kinobank: Das war der Waschsalon in der Johann-Philipp-Palm-Straße. Zehn Jahre lang konnten die Kunden auf der Kinobank sitzend versonnen dem meditativ-entspannenden Drehen ihrer Wäsche in den Wäschetrommeln zusehen. Es sei denn, sie lasen lieber in aller Ruhe ein Buch oder unterhielten sich mit ihrem Nachbarn. Studenten, Monteure, Touristen und manch älterer Herr ohne eigene

Alle Abos jederzeit kündbar:
ZVW+ MONATLICH
Erster Monat gratis, danach 5,99 €/mtl.
ZVW+ JÄHRLICH
Statt 71,88 € (Zwei Monate gratis)
ZVW+ JÄHRLICH mit ePaper
mit täglichem Zugriff zum ePaper