Schorndorf

Erboste Eltern in Schorndorf: Keine 50-Stunden-Betreuung mehr in den Kitas

Kindergarten
Wegen des Fachkräftemangels hat die Stadt immer mehr Probleme, Eltern verlässliche Kinderbetreuungszeiten anzubieten. © Alexandra Palmizi

Der Ärger bei den betroffenen Eltern, die mit ihren kleinen Kindern extra in die Gemeinderatssitzung gekommen waren, ist groß: Erst kurz vor Weihnachten haben sie erfahren, dass die Stadt Schorndorf die 50-Stunden-Betreuung in den Kitas auslaufen lassen und vom kommenden Jahr an nur noch Betreuungszeiten zwischen 7.30 und 15.30 Uhr anbieten will. Wie sich so Familie und Beruf vereinbaren lassen, ist für die betroffenen Mütter und Väter fraglich.

Reduziertes Betreuungsangebot: Für viele Eltern ist das Dilemma groß

„Da kommt wirklich Weihnachtsfreude auf, wenn man sich Gedanken machen muss, wie man ab 1. Januar 2023 Beruf, Familie, Kita, Einkommen noch meistern soll“, beklagte Thomas Fischer als betroffener Vater in der Bürgerfragestunde – und machte seinem Unmut im Laufe der Gemeinderatsdebatte noch einige Male Luft, was wiederum im Gremium für einige Aufregung und bei Oberbürgermeister Bernd Hornikel für Unmut sorgte: Dass Fischer die Betreuungssituation „so mies macht“ und „von Machenschaften unserer Stadtoberhäupter“ spricht, „das stört mich“. Geholfen hat der Protest von gut zwei Dutzend Eltern nichts: Am Ende hat im Gemeinderat eine deutliche Mehrheit für die von der Stadtverwaltung vorgeschlagene Verschlechterung der Betreuungssituation gestimmt.

Doch das Dilemma ist groß: Für die Eltern, deren Kinder etwa in der Kita „Hinter dem Zaun“ in Weiler an fünf Tagen die Woche von 7 bis 17 Uhr betreut wurden, bedeutet das Herunterfahren des Betreuungsangebots, dass sie entweder ihre Arbeitszeiten künftig reduzieren oder einen Teil der Kinderbetreuung privat organisieren müssen. Wer auch noch zur Arbeit pendelt, ist dabei im Nachteil: „Die wenigsten Eltern“, das wurde in der Bürgerfragestunde beklagt, „arbeiten direkt neben der Kita, und unter Berücksichtigung der Wegezeit und Pausen wird es schwer, acht Stunden Nettoarbeitszeit am Tag zu erbringen.“

Eltern helfen in der Kita aus: „Unzulässig“

Die Stadt wiederum steht vor dem Problem, dass in allen Einrichtungen Erzieher/-innen fehlen: Aktuell, gab Erster Bürgermeister Thorsten Englert zu bedenken, „gibt es fast 20 unbesetzte Stellen in den Schorndorfer Kitas“. In der Kita Stöhrerweg ist seit der Eröffnung im Mai 2021 schon die Hälfte des Teams gegangen. Und für die angespannte Gesamtsituation hilft es auch nicht wirklich, dass es der Stadt kurz vor Weihnachten gelungen ist, zum 1. Februar doch noch eine Fachkraft für die Weilermer Kita einzustellen. Genauso wenig die Idee der Eltern, dass Mütter und Väter bei Bedarf in den Kitas aushelfen könnten – „das ist nicht zulässig“, stellte Englert klar.

Der Fachkräftemangel und eine mittlerweile auf 20 Prozent angestiegene Ausfallquote wegen Krankheit, das gab auch Markus Weiß, Fachbereichsleiter Kindertagesstätten, in der Sitzung zu bedenken, stellt die Kinderbetreuung im bisherigen Umfang infrage. Um der großen Mehrzahl der Eltern, denen maximal 40 Betreuungsstunden in der Woche ausreichen, Verlässlichkeit und bessere Arbeitsbedingungen für die Erzieherinnen bieten zu können, verabschiedet sich Schorndorf von der 50-Stunden-Betreuung. Und auch wenn Bestandsverträge davon nicht betroffen sind: Tatsächlich, das beklagten die anwesenden Eltern in der Sitzung, wird auch ihnen schon jetzt mit der Begründung Fachkräftemangel nicht mehr die volle Stundenzahl angeboten.

„95 Prozent der Eltern“ profitieren von Verlässlichkeit und Qualität

Mit Einsparungen in Höhe von 330.000 Euro im Jahr rechnet die Stadt am Ende. Ums Sparen, das klang in der Diskussion wiederholt an, gehe es bei der Reduzierung des Betreuungsangebots aber gar nicht, sondern, wie es CDU-Rat Thorsten Leiter formulierte, „um Verlässlichkeit und Qualität“. Und davon profitieren nach seiner Einschätzung auch „95 Prozent der Eltern“.

Ins gleiche Horn stieß Erster Bürgermeister Thorsten Englert: „Wir können die 50 Stunden beschließen, aber dann haben wir in jeder Sitzung enttäuschte Eltern, die die mangelnde Verlässlichkeit anprangern.“ Von den 1751 Kita-Plätzen, die Schorndorf derzeit anbietet, gibt es bei den unter Dreijährigen 105 Ganztagsplätze und im Ü-3-Bereich 215 Ganztagsplätze. Betroffen von der Streichung des 50-Stunden-Angebots sind nach Rechnung des Fachbereichs 189 Familien.

Dass in der Gesamtstadt zwei Ü-3-Gruppen für 40 Kinder und für insgesamt 20 Kinder zwei U-3-Gruppen für die 50-Stunden-Betreuung vorgehalten werden – auch dieser von den Grünen unterstützte Antrag der SPD-Fraktion fiel nach einer von der CDU beantragten Sitzungsunterbrechung letztendlich durch. Zu schwierig, hatte Fachbereichsleiter Markus Weiß zuvor erklärt, sei die praktische Umsetzung bei der Platzvergabe.

Dass die Situation unbefriedigend ist, das konstatierte auch CDU-Fraktionsvorsitzender Hermann Beutel – und schlug vor, das früher übliche Modell zu reaktivieren, dass Tagesmütter die Randzeiten in der Kinderbetreuung abdecken könnten. Pragmatisch sieht FDP/FW-Rat Gerald Junginger die Kinderbetreuungssituation: „Ich hätte es auch gerne anders, aber wenn ich keine Mitarbeiter habe, kann ich keine Betreuung anbieten.“ Der von Grünen-Rätin Simone Höfer vorgebrachten Idee, in einer Umfrage unter den Eltern herauszufinden, wie viele unbedingt die 50-Stunden-Betreuung brauchen, erteilte Englert indes eine klare Absage: „Dann beantrage ich eine Stelle, die das alles koordiniert.“

Gründe für den Fachkräftemangel im Sozial- und Erziehungsbereich

Dass es seit dem Jahr 2017 einen Fachkräftemangel im Sozial- und Erziehungsbereich gibt, liegt aus Sicht des Fachbereichs Kindertagesstätten am zusätzlichen Personalbedarf, der mit dem Bau weiterer Einrichtungen (auch in Schorndorf) einherging, an steigenden Personalmindestanforderungen und am höheren Personalbedarf für Sprachförderung und Integrationsförderung. Was für Fachbereichsleiter Markus Weiß erschwerend dazukommt: Seit Beginn der Corona-Pandemie beschreiben die Mitarbeiter/-innen „eine höhere individuelle Arbeitsbelastung“.

Der Ärger bei den betroffenen Eltern, die mit ihren kleinen Kindern extra in die Gemeinderatssitzung gekommen waren, ist groß: Erst kurz vor Weihnachten haben sie erfahren, dass die Stadt Schorndorf die 50-Stunden-Betreuung in den Kitas auslaufen lassen und vom kommenden Jahr an nur noch Betreuungszeiten zwischen 7.30 und 15.30 Uhr anbieten will. Wie sich so Familie und Beruf vereinbaren lassen, ist für die betroffenen Mütter und Väter fraglich.

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