Schorndorf

Erinnerungen an die Glanzzeiten des Löwenkellers

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Ein Blick auf und in den „Löwenkeller“ zu dessen Glanzzeiten. Links im Bild Helmut Merz, Sohn des ehemaligen Pächterehepaars Merz, rechts die „Hurricans“ bei einem ihrer Auftritte. Die Fotos sind dem Buch „Wir brauchten jeden Apfelschnitz“ entnommen und stammen aus den Privatarchiven von Helmut Merz und Hans Benseler, damals Band-Mitglied der „Hurricans“, auf dem Bildausschnitt aber nicht zu sehen. © ZVW/Gaby Schneider

Schorndorf. Im Mitte der 1990er Jahre von Renate Völker herausgegebenen Buch „Wir brauchten jeden Apfelschnitz – Alltag zwischen Kriegsende und Währungsreform“ findet sich auch ein von ihr selbst stammender Beitrag über die glanzvolle Vergangenheit des „Löwenkellers“, der vor wenigen Tagen in einer allerdings längst nicht mehr so glanzvollen Verfassung, bei einem Großbrand zerstört worden ist. Aus diesem aktuellen Anlass veröffentlichen wir diesen Beitrag.

„Isch that’s endgültig?“: Diese Frage stellte ein bis zuletzt an den Endsieg glaubender Nazi einem amerikanischen GI vor dem Löwenkeller. Dort spielte bereits drei Tage nach dem Einmarsch der Amerikaner eine Big Band den berühmten Glenn-Miller-Sound – Musik, die unter der Naziherrschaft verpönt war. Und einige 150-prozentige BDM-Mädels, so berichtet ein Zeitzeuge, seien begeistert auf die Tanzfläche geströmt. Jener Fragesteller, der später als „dr that’s-endgültig“ in die Schorndorfer Insidergeschichte einging, konnte offensichtlich diese schnelle Wende nicht fassen und trabte damals kopfschüttelnd von dannen.

Der Löwenkeller war jedenfalls bald wieder der kulturelle Mittelpunkt in der Daimlerstadt. Hier befand sich der einzige große Festsaal mit immerhin 1000 Plätzen und ein kleiner Saal, in dem sich 300 Menschen vergnügen konnten.

Die Brauereigaststätte hatte nach Kriegsende der Schorndorfer Metzgermeister Fritz Schiek wiedereröffnet. Drei Jahre später, 1948, übernahmen Wilhelm und Bertha Merz als Pächter den Betrieb, der im Besitz der Brauereifamilie Beißwanger war und ist. Ab diesem Zeitpunkt begann die große Zeit der Festivitäten, Bälle, Theaterveranstaltungen und auch der Sportereignisse. Tanzstunden wurden dort absolviert und die runden Geburtstage vieler Jahrgänge gefeiert. Nach Jahren der Entbehrungen frönte man den erfreulicheren Dingen des Lebens. „Und die Frauen hatten endlich wieder schöne Kleider an,“ fällt Kurt Klotzbücher ein Bild der Nachkriegszeit ein, in der tristes Grau bunteren Tönen wich.

Viele Stars waren da: Billy Mo, Lale Andersen, Rudi Schurike ...

Helmut Merz, der Sohn des Pächter-Ehepaars, war ein junger Spund, als er damals von seinen Eltern zur Mithilfe verpflichtet wurde. „Ich mußte immer die Bühne richten und die Scheinwerfer einstellen.“ Er weiß noch von den Auftritten der einst populären Stars. Da sang Rudi Schurike sein „Wenn auf Capri die rote Sonne im Meer versinkt“ und Lale Andersen betörte das Publikum mit ihrem tiefen Timbre in „Blaue Nacht, oh blaue Nacht am Hafen“. Das betagte Gästebuch bezeugt die lange Liste der weiteren im Löwenkeller aufgetretenen Künstlern: zum Beispiel Billy Mo, der Schwarze mit dem Tirolerhut, Willy Hagara, Maria Andergast – oder die schwäbischen Rundfunkstars wie Werner Veith, Max Strecker und Oscar Heiler sowie die damals populären „Herren Fröhlich und Schön“. Das Rundfunkfritzle war da, und auch die Württembergische Landesbühne gastierte mehrfach.

Bälle für „lauter Großkopfete, da hot koi G’wöhnlichs reidürfe“

Große Orchester wie Erwin Lehn spielten zum Tanze auf. Und natürlich zeigten auch die „Lokal-Größen“ ihr Können. Bäcker, Metzger und Wirte organisierten die sogenannten BMW-Bälle. Bei den Modeschauen durften die Damen einen Blick auf den neuesten Pariser Chic werfen. Derart wurde das Spektakel jedenfalls angekündigt. Helmut Merz hat jene Jahre noch vor Augen: „Es war fast immer proppenvoll“. Mit besonders attraktiven Dekorationen und entsprechend guten Kapellen und Künstlern wartete der Heimatverein bei seinen Bällen auf. Vorbereitet wurde das Ballereignis vom damaligen Vorsitzenden I. C. Rösler. „Der schickte immer einen Plan über die gewünschte Saalordnung mit genauen Anweisungen für die Bestuhlung“, erzählt Helmut Merz. Zu diesem Ereignis sei nur die Hautevolee von Schorndorf gekommen. „Lauter Großkopfete, da hot koi G’wöhnlichs reidürfe,“ entsinnt er sich.

Kaum ein Wochenende ohne Veranstaltung

Zwar war die Künkelinhalle der Hauptaustragungsort für sportliche Attraktionen. Boxkämpfe fanden freilich häufig im Saal des Löwenkellers statt, der in eine Ringarena umfunktioniert wurde. Vor der Eingangstür stand ein Übertragungswagen des Süddeutschen Rundfunks. „Der Sportjournalist Jörg Stockinger war Kommentator“, erinnert sich Helmut Merz. Drangvolle Enge herrschte da genauso wie bei den Ringkämpfen, die zum Ende der 50er Jahre zuweilen auch im Löwenkeller ausgetragen wurden.

Kaum ein Wochenende ohne Veranstaltung - „meine Eltern mußten dafür sorgen, dass es voll war. Schließlich hatten sie eine Pacht von 1000 Mark zu bezahlen. Das war viel Geld.“ Eines der wenigen Fernsehgeräte jener Tage stand übrigens auch im Löwenkeller. Viele kamen, um in die Röhre zu schauen. Und einst gab es auch ein kleines Kino. Meist liefen auf Zelluloid jene Streifen und Schnulzen aus dem Nachkriegsdeutschland. „So was wie ,Grün ist die Heide’“, kommt Helmut Merz in den Sinn.

Stimmungsvolle Sommernachtsbälle

Ganz toll und stimmungsvoll seien die Sommernachtsbälle gewesen. Dort saß man in lauen Nächten unter Lampions im Garten und unter den Kastanien auf dem Gelände des Brauereianwesens. Viel Bier ist da wohl auch geflossen. Schon seit geraumer Zeit wird nun dort nicht mehr gebraut. Der Schorndorfer Gerstensaft, der sich später keiner großen Anhängerschaft erfreuen konnte, gehört mittlerweile zum Relikt. Auch das Geschehen im Löwenkeller der Nachkriegszeit ist längst Geschichte. Nur noch erahnen kann man den unter den tanzwütigen Füßen berstenden Boden, den tosenden Beifall für die Akteure auf der einstigen Bühne, die für manche jene große, kleine Welt bedeuteten.


Die Erinnerungen von Eberhard „Pat“ Schock

Ganz persönliche Erinnerungen an den „Löwenkeller“ hat der 1930 geborene Eberhard „Pat“ Schock, dessen Band „Excelsior“, eine aus lauter CVJMlern zusammengestellte „Gymnasiumsband“, im Löwenkeller viele Auftritte hatte und das Publikum mit ihrer swingenden Tanzmusik begeisterte. Einmal zum Beispiel so sehr, dass der damalige Wirt die Band, die es später auch in Stuttgart zu einer gefragten Tanzkapelle gebracht hat, eines Abends auf ausdrücklichen Wunsch des Publikums auch gleich wieder für den nächsten Abend verpflichtet hat. Versehen mit dem Hinweis an die sieben Band-Mitglieder, die Gage, die sie morgen bekämen, könnten sie auch heute schon versaufen.

So war das zu jener Zeit, als Pat Schock auch noch regelmäßig am Samstagabend und bis in die frühen Sonntagmorgendstunden „bei den Amis“ in Schwäbisch Gmünd und später auch in Göppingen gespielt hat. Und als der Löwenkeller in Schorndorf „eine Institution“ war. Hochzeiten, Betriebsfeiern, Parteiveranstaltungen, Tanzveranstaltungen bis hin zu großen Bällen und Konzerten hätten dort stattgefunden und die Säle gefüllt, schwärmt Eberhard Schock, dessen Band „Excelsior“ auch deshalb ständig an Qualität zugelegt hat, weil Gitarrist Adolf Nagel ein begnadeter Arrangeur war, der die Noten nach Gehör von Schallplatten und vom Radio aufgeschrieben und die Stücke selbst arrangiert hat – zugeschnitten auf das Können und die Eigenarten der einzelnen Musiker. Auch Pat Schock selber hat es – bei aller Bescheidenheit – später, als er als Musiker unter anderem mit dem von Günther Leimstoll geleiteten ersten Rundfunkorchester viel unterwegs war, zu einem geachteten und vielbeschäftigten Arrangeur gebracht.

Im Übrigen wurde im Löwenkeller auch der „Club der jungen Künstler und Musiker“ gegründet“, dessen Image, so sieht es Pat Schock, sich anschließend die neu gegründete Manufaktur einverleibt hat.

„Om die alde Bude isch’s ned schad“, sagt er zum Brand des Löwenkellers, der seinerzeit der Schorndorfer Löwen-Brauerei gehört hat. Wobei der 88-Jährige an das Brauerei-Bier keine besonders guten Erinnerungen hat. In Schorndorf, sagt er, habe das niemand getrunken, aber erstaunlicherweise sei es im Nordwesten der Republik und vor allem in Belgien sehr gut angekommen.