Schorndorf

Erste Fridays-for-Future-Demo in der Daimlerstadt

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Unter den widrigen Witterungsverhältnissen zu leiden hatte die erste Fridays-for-Future-Demo in Schorndorf. © Joachim Mogck
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Beim Klimaschutz gute Miene zum bösen Spiel zu machen, ist nicht einfach – und bei widrigen Witterungsverhältnissen erst recht nicht.
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Zumindest standen die Schüler beim Demonstrationszug in der ersten Reihe – und müssen deshalb nicht gleich mit Sanktionen von Seiten ihrer jeweiligen Schulleitung rechnen. © Gaby Schneider

Schorndorf.
Bei schönem Wetter das Klima retten, ist schon schwer genug. Aber ganz schwer – das hat die Fridays-for-Future-Demonstration am Freitag gezeigt – wird’s bei Kälte und strömendem Regen. Und demzufolge waren’s statt den von den Organisatoren erhofften mindestens 500 Teilnehmern nach Polizeiangaben auch nur knapp 300, die sich zum Zug durch die Innenstadt formiert haben.


  • Auch in Stuttgart gab es am Freitag eine große Demo und eine Kundgebung vor dem Hauptbahnhof. Bilder, Videos und ein Interview mit Landtagspräsidentin Muhterem Aras finden Sie hier in unserem Liveblog zum Nachlesen.

Darunter viele demo-gestählte ältere Herrschaften, die aus Erfahrung wissen, dass, wer politische Ziele langfristig und hartnäckig verfolgen will, kein Weichei sein und sich nicht gleich die Laune verderben lassen darf – so wie das bei einigen Grüppchen von Jugendlichen der Fall war, die offensichtlich eher aus Neugierde denn aus Überzeugung gekommen waren und den Unteren Marktplatz schon wieder verließen, als sich der Demonstrationszug auf den Weg durch die Innenstadt machte. Im Gegensatz zum Beispiel zu einer Schulklasse von der Freien Waldorfschule Engelberg, die das Dilemma zwischen Schulpflicht und Demonstrationsfreiheit so gelöst hatte, dass sie gemeinsam mit ihrem Lehrer einen Ausflug nach Schorndorf unternommen hat, wo an diesem Tag „zufällig“ eine Fridays-for-Future-Veranstaltung stattfand.

Letztlich doch mehr Demonstranten als Ordnungskräfte

„Mit dem Klima ist’s wie beim Bier – warm schmeckt’s nicht“, lautete die Aufschrift auf dem Anorak eines Jugendlichen. Seriöser die Botschaft auf dem Transparent des ehemaligen Gymnasiallehrers Manfred Rank, der mit der S-Bahn extra von Endersbach zur Demo nach Schorndorf gekommen war: „Das Klima ändert sich, warum nicht auf wir?!“, lautete seine plakative Ansage, während sich der Schorndorfer Polizeichef Markus Jatzko und der Erste Bürgermeister Edgar Hemmerich noch scherzhaft sorgten, dass die Zahl der Sicherheitskräfte die der Demonstranten womöglich übersteigen könnte. Denn so wie’s zu diesem Zeitpunkt von oben nur tröpfelte, so tröpfelten auch weitere Kundgebungs-Teilnehmer ein.

Schön wär’s gewesen, wenn die auch geströmt wären, als es just zum Beginn der Veranstaltung in Strömen zu regnen begann. Aber eine klare Überzahl gegenüber den Ordnungskräften haben die Demonstranten dann doch noch geschafft. Und für das jugendliche Organisationsteam der neu gegründeten Schorndorfer Fridays-for-Future-Gruppe gab’s ein ausdrückliches Lob des Ersten Bürgermeisters Edgar Hemmerich. Schließlich hatten sich auch alle Teilnehmer an die Vorgaben von Organisatorin Nina Lemke gehalten, die da lauteten: keine Gewalt, den Anordnungen der Sicherheitskräfte Folge leisten, kein Müll auf Straßen und Plätzen.

„Wir brauchen konsequenten Klimaschutz, und zwar jetzt“, stimmte Nina Lemke dann Jung und Alt auf Sinn und Zweck der Veranstaltung und des globalen Klima-Streiktages ein – wenige Tage vor der Weltklimakonferenz in Madrid, bei der die Politiker wieder einmal gefordert seien, endlich ihrer Verantwortung für die Rettung des Klimas gerecht zu werden. Das von der Bundesregierung auf den Weg gebrachte Klimakonzept nannte Nina Lemke „erbärmlich“ vor dem Hintergrund von brennenden Wäldern, Massenüberflutungen und Bauernsterben. Die plakative Einstimmung und das emotionale Vorglühen auf den dann startenden Umzug übernahm der zehnjährige Linas: „Hoch mit dem Klimaschutz, runter mit der Kohle“ und „Was ich gerne hätte, sind autofreie Städte“ waren zwei der Parolen für den knapp einstündigen Zug durch die Stadt.

Bei der abschließenden Kundgebung auf dem Unteren Marktplatz – immer noch bei herbstlichem Schmuddelwetter – war die Zahl der teilweise völlig durchnässten Teilnehmerinnen und Teilnehmer auf knapp 100 gesunken. Bei denen bedankte sich Eva-Maria Hartmann von der Lokalen Agenda dafür, dass sie sich vom miesen Wetter ihre Stimmung nicht hatten vermiesen lassen. Außerdem sei’s toll, dass es nun auch in Schorndorf eine Fridays-for-Future-Gruppe gebe, sagte sie und mahnte seitens der Politik schnelles Handeln an. „Die Veränderungen im persönlichen Einflussbereich reichen nicht, die Politik muss endlich die Klimaziele umsetzen – global und lokal“, sagte Eva-Maria Hartmann und forderte, auch vor Ort müssten alle Entscheidungen des Gemeinderats auf ihre Klimaverträglichkeit überprüft werden. So sei zum Beispiel nicht nachvollziehbar, warum der Anbau an die neue Stadtbücherei in klimaschädlichem Beton und nicht in Holz geplant sei.

Zwischen Klimaschutz und Frieden gibt’s einen engen Zusammenhang

Doris Kommerell von der Friedensinitiative Schorndorf hatte sich mit ihrem „Pace“-Umhang nicht etwa auf die falsche Demo verirrt. Vielmehr hingen die beiden großen Themen Klimaschutz und Frieden ganz eng zusammen und ganz stark voneinander ab, und das sollte auch bei den Fridays-for-Future-Demos viel stärker zum Ausdruck kommen, meinte Doris Kommerell und machte deutlich: „Aufrüstung und Krieg tragen ganz entscheidend zum Klimawandel bei und der Klimawandel begünstigt Aufrüstung und Krieg.“ Unter anderem mit der Konsequenz, dass Geld, das unnötigerweise in Rüstung und Krieg gesteckt werde, für einen effektiven Klimaschutz fehle. Erschüttert, verzweifelt, ratlos und resigniert zu sein, sei eine mögliche Reaktion, sagte die Sprecherin der Friedensinitiative Schorndorf. Eine andere und die bessere sei’s, in Schorndorf und weltweit auf die Straße zu gehen und dabei auch deutlich zu machen, dass Kriege eine absolute Katastrophe für die Menschen, die Umwelt und das Klima seien.Die moralisch-ethische Verantwortung für den Klimawandel dürfe nicht in erster Linie den Jungen aufgebürdet werden, die damit überfordert wären, gab Frank Ulmer von der Initiative „Scientists for Future“ zu bedenken. Wichtig für den gesellschaftlichen (Bewusstseins)wandel sind aus Sicht von Ulmer drei Dinge: regelmäßige Demonstrationen wie die in Schorndorf, die persönliche Vorbildfunktion etwa beim Verzicht aufs Auto und aufs Fliegen und die politische Ebene. „Wir dürfen nicht vergessen, dass Politik immer nur das tut, was sie tun muss, um wiedergewählt zu werden“, sagte Frank Ulmer mit Verweis darauf, dass mindestens die Hälfte der Bevölkerung kein wirkliches Interesse an Veränderungen habe.

Deshalb komme es darauf an, entsprechende Mehrheiten zu organisieren, und deshalb, so die Empfehlung des Gastredners, sei es wichtig, in demokratische Parteien einzutreten und dort Druck zu machen – und zwar auch in der Richtung, dass das Wahlrecht auf 16 Jahre abgesenkt wird. Demonstrieren mit 16 ist freilich auch jetzt schon erlaubt – und zwar nicht nur bei schönem Wetter. Aber was diesmal noch nicht war, kann ja beim nächsten Mal schon besser werden.

Keine Sanktionen für demonstrierende Schüler

An den Schorndorfer Schulleitungen kann’s nicht gelegen haben, dass so wenig Schüler den Weg zur Fridays-for-Future-Demo gefunden haben. Denn wenn sie die Teilnahme auch nicht ausdrücklich befürworten (dürfen), so müssen Schülerinnen und Schüler, die dem Unterricht fernbleiben, um für den Klimaschutz zu demonstrieren, auch nicht gleich mit Sanktionen rechnen. Es sei denn, sie würden deswegen bewusst eine Klassenarbeit versäumen. Dann, so Schulleiter Markus Wasserfall vom Max-Planck-Gymnasium, bliebe dem jeweiligen Lehrer nichts anderes übrig, als ein „Ungenügend“ zu vermerken. In diesem Fall müsse sich ein Schüler schon genau überlegen, ob es ihm das wert sei.

Es gebe, so Wasserfall auf Nachfrage, eine klare Dienstanweisung seitens des Kultusministeriums, in der die Schulen aufgefordert würden, die Schulpflicht aufrechtzuerhalten und sich in der Klimadebatte ganz grundsätzlich neutral zu verhalten. Weshalb es ihm auch nicht möglich gewesen sei, auf die Einladung der Organisatoren zur Freistellung von Schülern für die Demonstration zu reagieren. „Wir dürfen so eine Veranstaltung nicht wahrnehmen“, sagt Markus Wasserfall. Und auch mit seiner persönlichen Meinung muss der Schulleiter hinter dem Berg halten. Er sagt aber immerhin so viel, dass er selber das Thema im Ethik-Unterricht der Klasse 5 unter dem Aspekt, wie wichtig politische Einmischung und Teilhabe sei, diskutiert habe. Wenn Schüler während des Unterrichts zur Demo gingen, werde das als unentschuldigtes Fehlen registriert, aber nicht sanktioniert, sagt Wasserfall, der aber ohnehin das Gefühl hat, dass die Begeisterung für Fridays for Future seit dem Weggang des letzten Abi-Jahrgangs stark nachgelassen hat.

Sein Kollege Jürgen Hohloch vom Burg-Gymnasium geht sogar noch weiter: Er hat den Eindruck, dass sich immer mehr Jugendliche fragten, welchen Sinn es mache, zu den Fridays-for-Future-Demos zu gehen – auch weil sie sich mit den teils doch sehr radikalen Forderungen einer Greta Thunberg nur bedingt identifizieren könnten. Schließlich verdankten sie den angeblich an der ganzen Misere schuldigen Erwachsenen auch ihren Wohlstand und die demokratische Freiheit, eine Meinung frei äußern zu können. Hohloch spricht von einem Balanceakt: Einerseits sei der Einsatz für den Klimaschutz nichts Verwerfliches, andererseits könne unentschuldigtes Fehlen – zumal wenn es immer das gleiche Fach betreffe – nicht auf Dauer ignoriert werden. Im Übrigen biete gerade eine Unesco-Schule, wie das BG eine sei, viele Möglichkeiten, Gutes in Sachen Klimaschutz zu tun und ein entsprechendes Bewusstsein zu schaffen. Denn dass man sich über den Klimaschutz Gedanken mache, sei ja zunächst einmal eine gute Sache, meint der Schulleiter.

Prinzipiell aufgeschlossen hat die Schulleitung der Gottlieb-Daimler-Realschule laut dem stellvertretenden Schulleiter Jens Lehmann im konkreten Fall auf Schülerwünsche, zur Fridays-for-Future-Demo gehen zu dürfen, reagiert. Wobei es sich bei solchen Anfragen um „kein Massenphänomen“ gehandelt habe, sondern lediglich um Einzelfälle. Damit Schüler eine Demonstration wie die am Freitag aber nicht nur als Vorwand nehmen, um dem Unterricht fernbleiben zu können, verlangt die Schule von ihnen einen kurzen schriftlichen Erfahrungsbericht, indem sie darlegen, was sie erlebt und gelernt haben und wie es ihnen damit geht. „Natürlich wär’s uns lieber, wenn eine Demo um 13.30 Uhr beginnen würde“, sagt Jens Lehmann. Formal wird an der Realschule so verfahren, dass unentschuldigtes Fehlen generell ins Klassenbuch eingetragen wird, ohne dass gleich irgendwelche Sanktionen erfolgen, dass aber sehr wohl mit einer Schülerin oder einem Schüler ein ernstes Gespräch geführt würde, sollte das Fernbleiben vom Freitagsunterricht zur Regel werden.

Zumindest standen die Schüler beim Demonstrationszug in der ersten Reihe – und müssen deshalb nicht gleich mit Sanktionen von Seiten ihrer jeweiligen Schulleitung rechnen.

Schorndorf.
Bei schönem Wetter das Klima retten, ist schon schwer genug. Aber ganz schwer – das hat die Fridays-for-Future-Demonstration am Freitag gezeigt – wird’s bei Kälte und strömendem Regen. Und demzufolge waren’s statt den von den Organisatoren erhofften mindestens 500 Teilnehmern nach Polizeiangaben auch nur knapp 300, die sich zum Zug durch die Innenstadt formiert haben.

Auch in Stuttgart gab es am Freitag eine große Demo und
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