Schorndorf

Erster Unverpacktladen in Schorndorf: Vor 111 Jahren von August Grill eröffnet

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Hier war August Grills Lebensmittelgeschäft bis 1971 zu finden. Aktueller Mieter im Gebäude Marktplatz 9: der Kinderkleiderladen „Liebevoll“. © Gaby Schneider

August Grill war nicht nur ein erfolgreicher Unternehmer in Schorndorf, als Lebensmittelhändler war er ein Pionier, an dem sich die trendigen Unverpacktläden noch mehr als 100 Jahre später ein Beispiel nehmen: Im Jahr 1912 kam der damals 29-Jährige mit Ehefrau Johanna und den beiden Söhnen Helmut und Erich aus Heilbronn in die Daimlerstadt und eröffnete am Oberen Marktplatz 4, wo zuvor die Buchhandlung Rösler zu finden war und mittlerweile die Schorndorfer Nachrichten ihren Sitz haben, das erste Lebensmittelhaus.

Der an Heimatgeschichte interessierte Erhard Schaukal erinnert an Grill und sein Lebensmittelgeschäft, das er vor 111 Jahren eröffnet hat: „Der Mut und der Fleiß des jungen Geschäftsmanns machten sich bald bezahlt“: Die Räumlichkeiten waren schnell zu klein und trotz der harten Weltkriegsjahre konnte Grill im Jahr 1918 das Hotel „Zur Krone“, heute Marktplatz 9, kaufen. Er baute das Gebäude großzügig um. Im vorderen Bereich eröffnete er ein großes Lebensmittelgeschäft mit einer Haushaltswarenabteilung, dahinter war das „Kaffee Krone“ mit Restaurant zu finden. Erster Pächter war – von 1920 bis 1927 – Karl Fischer, Wirt aus Stuttgart.

Bis kurz vor dem Zweiten Weltkrieg: Mit Café und Weinrestaurant

Bald war Grills Geschäft über die Stadtgrenzen hinaus bekannt, konnte man dort doch fast alles kaufen: Grill hatte eine große Auswahl an Lebensmitteln, hauptsächlich Landprodukte von Bauern. Durch einen erneuten Umbau wurde die Gastwirtschaft in den ersten Stock verlegt und umbenannt in „Kaffee-Weinrestaurant Krone“. Von 1927 bis 1939 betrieb Karl Hilt aus Stuttgart das Restaurant mit dem Zusatz „Conditorei und Café Karl Hilt“. Mit Konditormeister Wilhelm Schäfer aus Lorch wechselte ein letztes Mal der Pächter. Kurz vor dem Zweiten Weltkrieg wurde das Café geschlossen und die Schankerlaubnis zurückgegeben.

August Grill war ein typisch schwäbischer Unternehmer, der von morgens bis abends in seinem Geschäft arbeitete. Hier wurde man noch persönlich bedient. Alles wurde von Hand in beschriftete Papiertüten abgefüllt, wie zum Beispiel Mehl, Grieß, Salz, Malzkaffee und Kakao. Auch Gewürze wurden in extra angefertigte Tütchen eingefüllt, die heute immer mal wieder in der Stadt auftauchen. Selbst für Zigarren, Zigaretten und Tabak gab es schön beschriftete Tüten – für Schaukal: „die beste Reklame für das Geschäft“.

Wein aus Fässern, Heringe aus dem Fass und Marmelade aus dem Zehn-Liter-Eimer

Für die damalige Zeit war auch der Weinverkauf bei Grill etwas Besonderes, denn die Weinsorten lagerten in großer Auswahl in 3000-, 800- und 500-Liter-Fässern im Keller und wurden dann in Flaschen abgefüllt, verkorkt und mit eigenen, schönen Etiketten versehen. Im Angebot standen Weine aus dem Remstal, Rheinpfalz, Mosel, Rheinhessen, Südtirol, Italien und Ungarn, ja selbst einen Burgunder aus Chile gab es. Auch verschiedene Brause-Limonaden – mit Himbeer-Zitronengeschmack – wurden von August Grill hergestellt, in Flaschen abgefüllt und mit schönen Etiketten beklebt.

Das Zentrallager war im Haus Marktplatz 9 untergebracht. In Zwei-Zentner-Säcken kam per Bahn Mehl, Grieß und Salz in Schorndorf an. Die Waren wurden am Güterbahnhof auf den Lkw umgeladen und ins Lager gefahren. Weitere Verkaufsware wurde en gros geliefert: wie zum Beispiel Salzheringe im Fass oder Sauerkraut in Steingut-Standen. Der Schweizer Käse wurde in großen Wagenrädern per Expressgut geliefert. Marmelade wurde aus Zehn-Liter-Eimern direkt in die mitgebrachten Gläser der Kundschaft abgefüllt, ebenso wurden Essiggurken aus großen Steinguttöpfen in mitgebrachte Gefäße gegeben.

Die Geschäfte gingen so gut, dass Grill im Umkreis Filialen eröffnen konnte: Sohn Helmut war für Schwäbisch Gmünd, Lorch, Waldhausen und Urbach, Sohn Erich für Plüderhausen, Winterbach, Grunbach und Schnait verantwortlich. In Schorndorf bekannt war auch Willi Häffner, der als 17-Jähriger aus Saulgau zu August Grill kam: zuerst als Helfer und später als Fahrer auf dem mit einem Holzvergaser betriebenen Magirus Deutz. Bekannt war er in Schorndorf als „Grilla-Willi“.

Nach dem Tod von August Grill am 14. Juli 1955 übernahm Sohn Erich mit seiner Ehefrau das Hauptgeschäft, die Glas- und Porzellanabteilung aber blieb bei der schon betagten Mutter Johanna Grill. Auch in Schorndorf eröffnete Erich Grill später zusätzlich Filialen, eine in der Werderstraße und eine in der Konnenbergstraße.

Im Jahr 1971 war die Ära des Lebensmittelhauses Grill zu Ende. Das Geschäft wurde geschlossen, das Gebäude umgebaut. Viele Jahre unterhielt hier die „Deutsche Bank“ eine Filiale, die aber seit mittlerweile sieben Jahren geschlossen ist. Vor zwei Jahren hat der Naturkinderkleiderladen „Liebevoll“ mit Bistro dort eröffnet.

Marktplatz 9: Eigentümer sucht noch einen Käufer

Tatsächlich soll das Gebäude schon seit Jahren wegen statischer Probleme, zu niedriger Deckenhöhen in den oberen Stockwerken und mangelndem Brandschutzes abgerissen werden. Für einen Neubau gab es bereits einen kleinen Architektenwettbewerb mit vier Beteiligten und einem Sieger: Der Vorschlag des Schorndorfer Architekturbüros Stammlers wurde damals vom Gestaltungsbeirat der Stadt ausgewählt. An der Größe – das bestehende Gebäude hat drei Vollgeschosse mit einer Gesamtfläche von 1200 Quadratmetern – wird sich nicht viel ändern: Ein Neubau muss sich in die umliegende Bebauung einfügen. Die Mieter in den Wohnungen sind längst ausgezogen, einen Zeitplan für die Baumaßnahmen aber gibt es noch immer nicht: Aus einem Gespräch mit dem Hauseigentümer weiß Gabriele Koch, Wirtschaftsförderin der Stadt Schorndorf, dass dieser noch immer einen Käufer sucht. Ganz unproblematisch ist die Lage des Gebäudes für Investoren nicht: Es fehlt die Möglichkeit für Stellplätze.

August Grill war nicht nur ein erfolgreicher Unternehmer in Schorndorf, als Lebensmittelhändler war er ein Pionier, an dem sich die trendigen Unverpacktläden noch mehr als 100 Jahre später ein Beispiel nehmen: Im Jahr 1912 kam der damals 29-Jährige mit Ehefrau Johanna und den beiden Söhnen Helmut und Erich aus Heilbronn in die Daimlerstadt und eröffnete am Oberen Marktplatz 4, wo zuvor die Buchhandlung Rösler zu finden war und mittlerweile die Schorndorfer Nachrichten ihren Sitz haben, das

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