Schorndorf

Erzieherin verletzt Nachbarsmädchen

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Symbolbild. © Ramona Adolf

Schorndorf. Sie hatte gerade ihre Ausbildung zur Erzieherin beendet, dann stand sie wegen gefährlicher Körperverletzung an einer Jugendlichen vor Gericht. Der Vorfall, bei dem die junge Frau das zum Tatzeitpunkt 13-jährige Mädchen mit Pfefferspray angriff, trug sich allerdings nicht während der Arbeit, sondern im privaten Umfeld zu, als ein Streit mit den Nachbarn eskalierte.

Bei dem Wort Pfefferspray denken die meisten Menschen vermutlich an dunkle Gassen, einsame Wege und aggressive Gestalten. Doch das ist anscheinend nicht das einzige Einsatzgebiet des oft als Verteidigungsmittel für wehrlose Frauen vermarkteten Produkts.

Streitereien und Handgreiflichkeiten

„Ich hatte mein Pfefferspray schon beim Betreten des Hauses immer in der Hand“, sagte eine Frau kürzlich vor dem Amtsgericht Schorndorf aus. Die 23-Jährige wurde der Körperverletzung beschuldigt, weil sie einem Nachbarsmädchen angeblich Pfefferspray direkt ins Auge gesprüht hatte. Der gewisse Hauch Ironie: Sie hatte gerade erst die Ausbildung zur Erzieherin beendet.

Zwischen der jungen Frau und ihren Nachbarn war es wohl schon öfter zu Streitereien und Handgreiflichkeiten gekommen. Als sie davon berichtete, kamen der Angeklagten die Tränen: „Schlampe“ wurde sie von den Nachbarskindern geschimpft, an den Haaren gezogen, im Gesicht zerkratzt – und einmal hätten sie ihren Kopf sogar so stark gegen die Wand geschlagen, dass sie aus den Ohren blutete.

„Die Familie ist unberechenbar“

„Im ganzen Haus haben auf einmal nur noch Flüchtlinge mit sehr vielen Kindern gewohnt“, sagte die Angeklagte aus. Als sie einzogen, hätten die Probleme angefangen. Weil sie die Haustüre immer offenließen, berichtet die junge Frau, sind ihr öfters Sachen aus dem Keller geklaut worden. Außerdem hätten die Nachbarn alles zugemüllt. Mit der Familie im Erdgeschoss hat sich die Lage dann immer weiter zugespitzt.

„Ich habe mich nicht mehr getraut, die Wohnung zu verlassen“, sagte die Erzieherin. Deshalb habe sie dann das Pfefferspray mit sich geführt. „Die Familie ist unberechenbar“, meinte sie. „Die haben mich psychisch total terrorisiert. Irgendwann konnte ich einfach nicht mehr.“ Inzwischen ist die Familie der Angeklagten aus dem Haus ausgezogen, weil ein normales Wohnen nicht mehr möglich gewesen sei.

Mädchen beleidigte Angeklagte

Der Vorfall mit dem Pfefferspray spielte sich laut der Angeklagten wie folgt ab: Als sie in Begleitung ihres Freundes nach Hause kam, stand wieder einmal die Wohnungstüre offen. Im Vorbeigehen bezeichnete das Nachbarsmädchen sie wiederholt als Schlampe und zog sie an den Haaren.

„Ich hatte Angst und wusste mit der Situation nicht anders umzugehen“, rechtfertigt die Frau die Attacke. Das damals 13-jährige Mädchen sei gleich groß und ihr „körperlich überlegen“ gewesen. Sie habe gesprüht, aber die Jugendliche nicht, wie beschuldigt, ins Gesicht getroffen.

„Das hat richtig gebrannt“

Die Geschädigte schilderte den Vorfall etwas anders: Die Angeklagte habe ihr die Türe ins Gesicht geschlagen, als sie nach Hause kam, obwohl sie sich auch gerade auf dem Weg nach drinnen befand. Das sei der Grund gewesen, warum sie die Nachbarin beleidigt habe. Die Achtklässlerin meinte, dass das Pfefferspray sie direkt ins Auge getroffen habe: „Das hat richtig gebrannt.“

In der weiteren Verhandlung stellte sich heraus, dass die Erzieherin und ihr Freund sich schon auf dem Weg in den ersten Stock befanden, als sie noch einmal umdrehten, weil der Freund dem Mädchen beibringen wollte, dass die Beleidigungen respektlos und kein guter Umgangston seien.

Massive Übergriffe

„Wir kämpfen mit offenem Visier“, sagte die Verteidigerin der Frau. „Meine Mandantin hat ganz arg Angst um ihren Arbeitsplatz.“ Sie befindet sich noch in der Probezeit, ein Eintrag ins polizeiliche Führungszeugnis schwebte über ihrem Kopf wie ein Damoklesschwert. „Wenn man die Gesamtzusammenhänge des Falles betrachtet, könnte man über eine Einstellung nachdenken“, argumentierte die Verteidigerin. Ihre Mandantin habe in der Zeit vor dem Vorfall unter massiven Übergriffen gelitten und das Mädchen mit dem Pfefferspray faktisch nicht getroffen. Auf dem Beweisbild sehe das Auge nicht gereizt genug aus.

Der Staatsanwalt gab zu bedenken, dass die Angeklagte durch ihre Ausbildung mit Problemfällen vertraut sein sollte. „Das ist einfach nicht das Verhalten, das ich akzeptieren kann“, meinte er. Die Erzieherin habe sich nicht im Zuge eines Handgemenges gewehrt, sondern sich schon außerhalb der Gefahrenzone befunden und sei dann noch einmal umgekehrt. Das geschädigte Mädchen sei erst 13 Jahre alt gewesen, noch nicht einmal mündig.

Geldbuße für Flüchtlinge

„Ich habe mir auch schon im Vorfeld Gedanken gemacht“, sagte Richterin Petra Freier. Die Verletzung sei in der Tat geringfügig, aber andererseits, da stimmte sie dem Staatsanwalt zu, hatte sich die Frau in der Tat schon außerhalb des Gefahrenbereichs befunden.

Am Ende kam die Erzieherin noch einmal glimpflich davon: Das Strafverfahren gegen sie wurde eingestellt. Sie muss nichtsdestotrotz eine Geldbuße in Höhe von 2400 Euro an eine soziale Einrichtung, die sich unter anderem für Flüchtlinge engagiert, zahlen.