Schorndorf

"Europa wird ärmer“: Jörg Kronauer spricht in der Manufaktur über Ukraine-Krieg

Jörg Kronauer
Jörg Kronauer © privat

Wie wirkt sich der Krieg in der Ukraine auf die globalen Kräfteverhältnisse zwischen Ost und West aus? Jörg Kronauer wird dazu am Mittwoch, 6. Juli, ab 19.30 Uhr in der Schorndorfer Manufaktur referieren.

Der Sozialwissenschaftler und Journalist wird dabei den Konflikt um das zweitgrößte europäische Land aus geopolitischer Sicht beleuchten. Die Diskussion findet im Kino Kleine Fluchten statt. Redakteur Mathias Ellwanger hat dazu vorab Fragen an den Experten gestellt.

Herr Kronauer, wie hätte sich dieser Krieg verhindern lassen?

Das ist die Preisfrage, auf die meiner Ansicht nach noch niemand eine überzeugende Antwort gefunden hat, auf die aber eine Antwort gefunden werden muss, wenn wir künftige Kriege verhindern wollen. Grundsätzlich würde ich sagen: Wenn wir diese Antwort einmal finden wollen, dann müssen wir die Entwicklung vor dem Krieg noch viel genauer analysieren. Dass selbst unter Experten so viele nicht damit gerechnet hatten, dass Russland Ukraine überfallen würde, zeigt, dass da gewaltiger Nachholbedarf besteht.

Welche Rolle spielt die Geopolitik in dem Ukraine-Konflikt?

Eine große, von Anfang an und auf allen Seiten. Die NATO-Staaten haben sich spätestens seit den 2000er Jahren intensiv um die Ukraine bemüht, um ihren Einfluss nach Osten auszuweiten. Russland hat immer dagegengehalten. Mit seinem völkerrechtswidrigen Angriffskrieg verfolgt es offenkundig das Ziel, der Ukraine Territorien zu entreißen - auch, um seine eigene geostrategische Position zu stärken.

Wie bewerten Sie die Rolle Chinas in diesem Konflikt?

Sie wird meiner Einschätzung nach überbewertet. Gerade in diesen Tagen war aus US-Regierungskreisen zu hören, China baue seine Wirtschaftsbeziehungen zu Russland zurzeit zwar etwas aus, aber keinesfalls übermäßig. Entscheidender scheint mir die Rolle Indiens zu sein, das trotz immensen Drucks aus dem Westen seine Zusammenarbeit mit Russland rasch intensiviert. Und: Auch wenn eine überdeutliche Mehrheit aller Mitgliedstaaten der UNO den völkerrechtswidrigen russischen Angriffskrieg scharf kritisiert - an den westlichen Sanktionen beteiligen sich drei Viertel von ihnen ganz bewusst nicht. Da verschiebt sich offenkundig in den globalen Kräfteverhältnissen etwas ganz gewaltig, nicht zuletzt in Afrika und in Lateinamerika. Was da genau im Moment passiert und woran es liegt, das wird das Thema der Veranstaltung in Schorndorf sein.

Ist China also der heimliche Profiteur dieses Konflikts?

Nein, das würde ich nicht denken. China setzt eigentlich darauf, seinen ökonomischen Aufstieg fortzusetzen, und zwar nach Möglichkeit ohne vermeidbare Erschütterungen. Der Ukraine-Krieg hat aus chinesischer Sicht solche Erschütterungen verursacht – er hat das Völkerrecht weiter geschwächt, er hat zu den westlichen Sanktionen geführt, die auch für China Probleme mit sich bringen, um nur zwei Punkte zu nennen, die aus chinesischer Sicht sehr ungünstig sind. Für China günstig ist es freilich, dass Indien, Südafrika, Brasilien und insgesamt die Mehrheit der Staaten weltweit auf Distanz zu den westlichen Sanktionen gehen. Der BRICS-Gipfel (BRICS steht für eine lose politische Vereinigung der fünf aufstrebenden Schwellenstaaten Brasilien, Russland, Indien, China und Südafrika, Anmerkung der Redaktion) in der vergangenen Woche hat gezeigt, wie diese Konstellation zu neuer Süd-Süd-Kooperation führen kann. Das wiederum ist tatsächlich für China vorteilhaft, allerdings genauso für Indien, Südafrika und alle anderen daran beteiligten Staaten.

Welche Auswirkungen erwarten Sie auf Europa?

Für Europa wird der Krieg schlimme Auswirkungen haben. Zuallererst natürlich für die Menschen in der Ukraine, die im Hagel russischer Granaten sterben. Wenn Sie nach Europa insgesamt fragen: Die Hochrüstung, wie sie jetzt exemplarisch der NATO-Gipfel beschlossen hat, erhöht die Spannungen zwischen Nuklearmächten weiter; das ist brandgefährlich. Die ökonomischen Folgen des Kriegs und der westlichen Sanktionen sehen wir zum Beispiel im Anstieg der Energiepreise und der Lebenshaltungskosten; Europa wird ärmer.

Der Krieg hat den Westen geeinigt und die „hirntote“ Nato (Zitat Macron) wiederbelebt. Wird der Westen aus dem Konflikt gestärkt oder eher geschwächt hervorgehen?

Die NATO als Bündnis geht gestärkt daraus hervor; man sieht das an den Beschlüssen des NATO-Gipfels. Wenn allerdings die ökonomische Schwächung Europas eintritt, die sich im Moment abzeichnet - verursacht durch die hohen Energiepreise, die Inflation, die wohl zunehmende Armut -, dann wird sich das auch auf das westliche Bündnis insgesamt schwächend auswirken.

Wie ließe sich aus Ihrer Sicht der Konflikt lösen?

Das ist eine weitere Preisfrage, auf die noch niemand eine wirkliche Antwort hat. Jeder Tag Krieg kostet Leben und bringt Zerstörung. Meiner Ansicht nach müsste deshalb viel mehr Gewicht auf Verhandlungen gelegt werden, die im Moment ja kaum noch stattfinden. Ende März schien, das sagten damals ukrainische Regierungskreise, eine Verhandlungslösung nahe. Dass sie nicht zustande gekommen ist, ist bitter.

Wie wirkt sich der Krieg in der Ukraine auf die globalen Kräfteverhältnisse zwischen Ost und West aus? Jörg Kronauer wird dazu am Mittwoch, 6. Juli, ab 19.30 Uhr in der Schorndorfer Manufaktur referieren.

Der Sozialwissenschaftler und Journalist wird dabei den Konflikt um das zweitgrößte europäische Land aus geopolitischer Sicht beleuchten. Die Diskussion findet im Kino Kleine Fluchten statt. Redakteur Mathias Ellwanger hat dazu vorab Fragen an den Experten

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