Schorndorf

Exorzismus-Prozess überraschend eingestellt

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Symbolbild. © Ramona Adolf

Stuttgart/Schorndorf. Überraschung im Fall des bosnischen Heilers, der in Schorndorf nach vorislamischen Exorzismusritualen ein Mädchen sexuell missbraucht haben soll. Die zweite Große Jugendkammer am Landgericht Stuttgart hat das Verfahren eingestellt.

Als „unschuldig“, wie der Anwalt des 56 Jahre alten Mannes zu Beginn des Verfahrens am Stuttgarter Landgericht behauptete, geht der bosnische Heiler nicht aus seinem Prozess raus. Der Mann soll, so lautete die Anklage, ein heute 18 Jahre altes Mädchen sexuell missbraucht haben, als er im Auftrag der Eltern einen Dämon aus ihr austreiben wollte. Bei diesen Austreibungen, die teilweise in der Feuerbacher Wohnung der Familie, teilweise bei einer befreundeten Familie in Schorndorf stattfanden, soll der Mann dem Mädchen stundenlang aus dem Koran vorgelesen, sie begrapscht, sich selbst ausgezogen und auch gegen den Willen des Mädchens ungeschützten Geschlechtsverkehr vorgenommen haben.

Galubwürdigkeit in Zweifel gezogen

Die Glaubhaftigkeit der Aussagen des Mädchens und anderer Zeugen aber, erklärte die psychologische Sachverständige nun, würden jetzt in Zweifel gezogen. Der „Erlebnisbezug der Aussage“, so das Fachdeutsch, sei „nicht (mehr) belegbar“. Das heißt: Ob der Angeklagte die Straftat begangen hat oder nicht, kann nicht bewiesen werden. Das heißt aber nicht, dass das Mädchen gelogen hat, und auch nicht, dass der Mann ein Unschuldslamm ist. Die Staatsanwaltschaft Stuttgart wird deshalb auch kein neues Verfahren eröffnen, in dem womöglich das Mädchen der Lüge und üblen Verleumdung bezichtigt werden würde.

Wenn ein Richter einen Angeklagten verurteilt, so die Pressesprecherin des Landgerichts Elena Gihr, müsse er das in „voller richterlicher Überzeugung“ tun. Zu dieser „vollen Überzeugung“ in Bezug auf die Vergewaltigung sind aber im Verlauf des Verfahrens weder die Vorsitzende Richterin noch ihre Beisitzer und eben auch nicht die Gutachterin gekommen. Es fehlten sogenannte „Wahrheitszeichen“ wie eine konstant gleiche Aussage oder eine detailreiche Schilderung des Geschehens. Und dann gilt der Grundsatz: Im Zweifel für den Angeklagten.

Aussage stand gegen Aussage

Da das Verbrechen „Vergewaltigung“ damit vom Tisch war, wären nur noch Bruchteile der Anklagepunkte im Raum gestanden, die, so die Prognose, nur eine geringe Schuld ergeben hätten. Wenn überhaupt im September eine Verurteilung stattgefunden hätte. Denn beim Vorwurf des Vergehens „sexueller Missbrauch“ stand Aussage gegen Aussage. Da der Angeklagte bereits ein Jahr in Untersuchungshaft gesessen hatte und eine mögliche Strafe gering ausgefallen wäre, wurde das Verfahren deshalb vorzeitig eingestellt. Und die Kammer ging sogar noch weiter: Dem Mann wird, da der „derzeit noch bestehende Tatverdacht erheblich hinter dem zurückbleibt, der zur Untersuchungshaft geführt hat“, eine Entschädigung gewährt.