Schorndorf

Fünf Jahre "Wir schaffen das": Was drei Schorndorferinnen bei ihrem ehrenamtlichen Einsatz für Geflüchtete immer wieder erleben

Wir schaffen das
Gudrun Autenrieth, Brigitte Müller und Damaris Siegle (v.l.n.r.) setzen sich seit Jahren für Geflüchtete in Schorndorf ein. © ALEXANDRA PALMIZI

Unermüdlich und verbindlich haben sie geholfen, haben sich aus ihrer bequemen und funktionierenden Welt hinausgewagt, Probleme fremder Menschen zu ihren eigenen gemacht. Sie haben sich gekümmert, manchmal mitgelitten. Sie, die Ehrenamtlichen. In Schorndorfer waren auch sie es, die dafür eintraten, dass Merkels Slogan „Wir schaffen das“ in der Hochphase der Flüchtlingskrise nicht hohl blieb, sondern tatsächlich Realität wurde. Denn am Ende aller großen Zahlen sind’s doch die Einzelnen, die aufgefangen und integriert werden müssen: der junge Mann, der eine berufliche Ausbildung braucht, die Mutter mit Kleinkind, die aufgefangen werden muss, der alleinreisende Vater, der schnell Geld verdienen muss, der eine Wohnung braucht, um seine Familie nachzuholen.

Es war im Herbst 2015, als Brigitte Müller einen Weg einschlug, den sie sonst selten wählt. Sie lief zu Fuß die Bauknecht-Straße entlang. Was sie dort erlebte, sollte ihr Leben nachhaltig beeinflussen. „Eine Afrikanerin kam mir entgegen“, berichtet sie heute, fünf Jahre später. „Sie hatte ein großes Blatt in der Hand und war auf dem Weg zum Krankenhaus.“ Natürlich war die junge Frau an dieser Stelle gänzlich falsch, Brigitte Müller half ihr weiter, wies ihr den Weg. Aber das war nicht alles. Sie gab der werdenden Mutter mehr als nur geografische Orientierung. Sie gab ihr ihre Telefonnummer und öffnet damit ihr Leben für sie. Wenn sie Hilfe bräuchte, solle sie sich melden. Und tatsächlich: Die junge Frau brauchte Hilfe. Am Ende wohl mehr, als sich beide zum Zeitpunkt ihres ersten Kontaktes überhaupt vorstellen konnten.

Die Patenschaft fürs Kind verbindet noch mehr

Die Schwangerschaft der jungen, alleinstehenden Afrikanerin verlief kompliziert. Häufig musste sie zum Arzt, manchmal auch ins Krankenhaus. Müller übernahm ohne zu zögern die vielen Fahrdienste nach Winnenden. Schließlich kam das Kind zu früh auf die Welt. Brigitte Müller half, wann immer sie drum gebeten wurde. Und das bedeutete oft, ganz spontan den geplanten Tag umzuwerfen. Sie war der jungen Mutter ein Fels in der Brandung, der einzige verlässliche Kontakt. Und inzwischen sind sie noch enger miteinander verbunden. Die Schorndorferin, die religiös in der Schorndorfer Pauluskirche verwurzelt ist, wurde die Taufpatin des kleinen Sohnes.

Aus helfender Beziehung wurde mehr

Hier in der Kirchengemeinde hat sie Kontakt mit anderen Frauen, die sich ebenfalls kümmern. Gudrun Autenrieth, zum Beispiel. Als die Paulus-Kirchengemeinderätin 2015 bei der Kinderbetreuung in der Wiesenstraße half, fiel ihr ein kleiner Junge auf. Zwischen all den fröhlichen, lauten Kindern saß er. Ruhig und leise. Sie ging auf ihn zu, spielt mit ihm. Der Kleine taute auf. Es war ein schöner Nachmittag. Sie verloren sich aber aus den Augen.

Eines Tages kam seine Mutter mit ihm zu einem Angebot der Pauluskirche. Gudrun Autenrieth erkannte den kleinen Jungen wieder, lernte seine Mutter kennen. Auch sie war schwanger, auch sie hatte Schwierigkeiten und war alleine, konnte Hilfe gut gebrauchen. Gudrun Autenrieth nahm sie an der Hand, setzte sich für sie ein, half, wo es ging. Und sie freute sich mit, als das Kind putzmunter geboren wurde. Und irgendwann, da entstand mehr zwischen den beiden Frauen. „Vielleicht habe ich auch etwas Mütterliches ausgestrahlt“, vermutet die Schorndorferin. Inzwischen jedenfalls fühlen sie und ihr Mann sich geradezu wie Großeltern. Aus einer helfenden Beziehung wurde mehr, etwas, das auch dem Ehepaar viel zurückgibt. Sie sind dankbar für den Kontakt.

Großes Bedürfnis nach emotionaler Sicherheit

Klar ist – solche enge Bindungen lassen sich nicht vielfach aufbauen. Zwar haben Autenrieths ab und an noch andere Geflüchtete in Notlagen unterstützt, so intensiv allerdings konnte kein Kontakt mehr werden. Für die junge Frau, die ganz alleine hier in Deutschland ist und die viel Wert darauf legt, dass ihre Kinder im Land gut ankommen, ist’s Gold wert - und zwar nicht nur wegen der Unterstützung bei Behördengängen und Co. Vielmehr weil sie dank der beiden emotionale Sicherheit wiedergefunden hat. Obwohl die eigene Familie Tausende Kilometer weit entfernt lebt, ist sie nicht alleine mit ihren Kindern, mit ihren Sorgen, mit ihren Nöten.

Da gibt es jemanden, der es gut mit ihr meint, der sie auffängt und der selbst etwas aus der Beziehung mitnimmt. Das ist längst keine helfende Einbahnstraße mehr. Sie ist kein Hilfsprojekt mehr. „Ihr seid meine Familie“, hat sie einmal zu Autenrieths gesagt. So etwas lässt sich nicht planen beim Anbahnen eines solchen Ehrenamts-Kontaktes. So etwas passiert. Und dann ist es ein großes Glück. Und so sind auch Autenrieths gerne die Taufpaten der Kinder geworden. „Das ist eine Verpflichtung, die man bewusst eingegangen ist“, erklärt Gudrun Autenrieth mit großer Dankbarkeit.

Geflüchteten im Alltag den Rücken stärken

So empfindet auch Damaris Siegle, die schon im Jahr 2012 mit einem Engagement bei den Schorndorfer Sprachhelfern startete. Sie betreute in Folge dessen zwei Frauen aus dem Irak, die sich ein Zimmer teilten. Bis heute ist sie in engem Kontakt mit einer syrischen Familie. Schwer sei es zum Teil zu ertragen gewesen, wie ungerecht so mancher Geflüchtete bei Behörden und/oder in Geschäften behandelt werde. Ebenso die Tatsache, dass sich das Verhalten der entsprechenden Menschen ändere, wenn plötzlich ein einheimischer Fürsprecher an der Seite der geflüchteten Person stehe.

Beeindruckend war für Siegle auch die Professionalisierung der Schorndorfer Ehrenamtsstrukturen nach 2015. „Da ist noch eine ganz andere Dynamik in die Sache gekommen“, erinnert sie sich. Die Rahmenbedingungen, die die Stadtverwaltung geschaffen hatte, ermöglichen es seither, noch viel mehr Menschen zu erreichen. Dazu hätten auch die zahlreichen, qualifizierten Neueinstellungen im Bereich der Betreuung Geflüchteter beigetragen. Aber auch die Vereine und Kirchengemeinden hätten wichtige Impulse gesetzt. Immerhin: Wo Kinder in Jungscharen und Sportgruppen ankommen, da können echte Freundschaften entstehen. „Die Kinder können da das ganz normale Leben kennenlernen“, findet Siegle. Und Gudrun Autenrieth weiß aus Erfahrung, welch großes Glück es für die Kinder Geflüchteter und für ihre Eltern gleichermaßen bedeutet, wenn die erste Einladung zum Kindergeburtstag ins Haus flattert.

Unermüdlich und verbindlich haben sie geholfen, haben sich aus ihrer bequemen und funktionierenden Welt hinausgewagt, Probleme fremder Menschen zu ihren eigenen gemacht. Sie haben sich gekümmert, manchmal mitgelitten. Sie, die Ehrenamtlichen. In Schorndorfer waren auch sie es, die dafür eintraten, dass Merkels Slogan „Wir schaffen das“ in der Hochphase der Flüchtlingskrise nicht hohl blieb, sondern tatsächlich Realität wurde. Denn am Ende aller großen Zahlen sind’s doch die Einzelnen, die

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