Schorndorf

Fünf Jahre "Wir schaffen das": Was von der Flüchtlingskrise übrig ist

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Rückblick in die Notunterkunft in der Turnhalle der Johann-Philipp-Palm-Schule. So hielten Hunderte Menschen 2015/16 aus. © Benjamin Büttner

Wohin mit all den Flüchtlingen? Wo sie unterbringen? Wie ihnen helfen? Wie sie betreuen? Wie neue Perspektiven schaffen? Wie den Ängsten der Einheimischen begegnen? Vor fünf Jahren, da bestimmten solche Fragen die Agenden der Städte und Kreise. Das, was im weit entfernten Afghanistan, in Syrien, in Iran geschah, war mit einem Mal mitten im beschaulichen Schorndorf angekommen. In kürzester Zeit waren mehr als 1000 Geflüchtete in der Stadt. Nabil El Tolony, der damals als verantwortlicher Sozialarbeiter für die Unterbringung und Betreuung der Geflüchteten zuständig war, kann sich noch gut daran erinnern, wie an einem dunklen Winterabend Busse voll Geflüchteter ankamen. Zweimal rund 45 Menschen. Mit einem Mal waren sie da, darunter auch Familien mit Kindern.

Internationale Wohngemeinschaft ohne Freiwilligkeit

Sie brauchten einen Ort zum Schlafen, Ankommen, Luftholen. Bis tief in die Nacht haben El Tolony und seine Kollegen damals gearbeitet, Personalien aufgenommen, die übermüdeten Neuankömmlinge auf Unterkünfte verteilt, ihnen Pakete mit dem Allernötigsten überreicht. Familien kamen in Gemeinschaftsunterkünften unter, Einzelreisende traf es härter. Die Turnhalle der Berufsschule, die Festhalle in Haubersbronn, sie wurden in kleine provisorische Abteile unterteilt, um die fehlenden Wohnheime zu ersetzen. Länger als anfänglich gedacht. Fortan lebten Syrer neben Afghanen, Gambier neben Kosovaren. Eine internationale Wohngemeinschaft ohne Freiwilligkeit. Nie absolute Ruhe, kaum Rückzugsmöglichkeiten, keine Privatsphäre. Stattdessen prallten Kulturen, Religionen und teils Kriegserfahrungen aufeinander.

Bedürfnisse und Ansprüche haben sich über die Jahre geändert

Da gab’s Probleme, klar. Aber es entstanden auch Brücken, Freundschaften, die früher keiner für möglich gehalten hätte. In einer nie da gewesenen Art und Weise begannen sich Ehrenamtliche einzubringen, wurden kreativ. Das Netzwerk „Schorndorf hilft“ formierte sich. Schorndorf erfand sich quasi neu. Die Hilfsangebote wurden professioneller, strukturierter.

Nach und nach wurden auch die Sorgen all jener Bürger kleiner, die im Rahmen etlicher Informationsveranstaltungen Bedenken geäußert hatten. El Tolony ist sich sicher, dass dafür auch das vorbildliche Management seitens der Stadt verantwortlich war. Schließlich gab es immer die Möglichkeit für Anwohner der Unterkünfte, in Kontakt mit den Bewohnern zu kommen. „Da haben viele gemerkt, das sind Menschen wie du und ich“, erinnert sich El Tolony.

Es lief. Praktika wurden vermittelt, Ausbildungen begonnen, Zukunftsvisionen entwickelt. „Über die Jahre hinweg haben sich die Bedürfnisse und Ansprüche der Geflüchteten aber verändert“, weiß Nabil El Tolony. Wer 2015/16 kam, um Sicherheit, Ruhe und Frieden zu finden, musste 2017 raus aus dem Provisorium, brauchte später Hilfen zur Integration: Sprachkurs, Beschäftigung, Praktika, Kindergartenplätze, das Anpassen ans Arbeitsmarktniveau. Jetzt seien Jobcenter und Agentur für Arbeit gefragt: Die ehemals Geflüchteten brauchen neue berufliche Perspektiven, wollen selbst für ihren Lebensunterhalt aufkommen.

Problem mit Vermietungen

Und nun? Was ist fünf Jahre nach dem Höhepunkt der sogenannten Krise geblieben? Aktuell leben in Schorndorf 879 Menschen mit einer Fluchtgeschichte. 62 Prozent von ihnen wohnen bereits in privaten Wohnungen. Damit ist ein großer Schritt gelungen. Klar – nicht alle gefundenen Unterkünfte laden ein zum Wohlfühlen, von Luxus träumt in solch einer Situation auch niemand. Privatsphäre und Sauberkeit aber wünscht sich jeder.

Lena Böhnlein, Sachgebietsleiterin und Integrationsbeauftragte des Sachgebiets Integration und Migration bei der Stadt Schorndorf, weiß, dass manche Eigentümer der Zimmer und Wohnungen allzu hohe Mieten verlangen und dabei nicht für entsprechenden Zustände sorgen. Das Prinzip „Sicheres Geld vom Jobcenter, Mieter in abhängiger Lebenssituation“ scheint für manche ein Geschäftsmodell geworden zu sein. Solche Probleme hört Lena Böhnlein in den Gesprächen häufig.

Turnhallen wieder zum Sporteln da

Das alte Übergangswohnheim in der Wiesenstraße ist inzwischen aufgelöst. Sämtliche Turn- und Festhallen sind längst wieder ihren eigentlichen Bestimmungen zugeführt. Alle Geflüchteten, die aktuell neu in der Stadt ankommen, können im ehemaligen Kelch-Bürogebäude, das sich ebenfalls an der Wiesenstraße befindet, unterkommen. Rund 100 bis 120 Personen leben hier aktuell. Betreut werden sie vom Kreisdiakonieverband.

Wer inzwischen einen Aufenthaltsstatus hat und in einer Anschlussunterbringung lebt, wird von den Integrationsmanagern der Stadt betreut. Auf rund 650 Personen mit Beratungsanspruch kommen sechs Vollzeitstellen. Etwa 500 Geflüchtete nehmen das Angebot auch tatsächlich wahr. Eine gute Quote, wie Lena Böhnlein findet. „Wir haben inzwischen geschafft, dass die Leute angekommen, orientiert und auch recht gut integriert sind.“

Etwa ein Viertel der Betreuten hat Arbeit, die anderen bereiten sich vor

Rund 25 Prozent der Menschen, die Böhnlein und ihre Kollegen betreuen, haben Arbeit. Der große Rest ist aktuell in Ausbildung, in Sprachkursen und anderen vorbereitenden Maßnahmen integriert. Gemeinsam werden wesentliche weitere Fragen geklärt. Welche Möglichkeiten zu arbeiten gibt es? Welche Unterlagen fehlen für die Arbeitserlaubnis? Mancher braucht Hilfe beim Zusammentragen von Bewerbungsunterlagen, bei der Anerkennung von Zeugnissen. Von 15 Prozent wissen die Hauptamtlichen nichts über den aktuellen Arbeitsstatus. Gleiches gilt für die rund 150 Personen, die die Beratung nicht in Anspruch nehmen. Fest steht aber: Corona hat auch für Geflüchtete den Zugang zum Arbeitsmarkt erschwert.

Das Leben der geflüchteten Menschen sei nach wie vor gespickt von Herausforderungen, weiß Lena Böhnlein. „Es ist geprägt von andauernden Veränderungen und von großer Rastlosigkeit.“ Gleichzeitig haben viele das Gefühl, nicht vorwärtszukommen, auf der Stelle zu treten. Immerhin ist der Weg in ein Beschäftigungsverhältnis oft lang. Deshalb werden in Integrationsplänen Ziele festgelegt und nach ihrem Erreichen abgehakt. 70 Prozent der ehemaligen Flüchtlinge haben inzwischen eine Aufenthaltserlaubnis, die meisten hangeln sich von Verlängerung zu Verlängerung. Grundsätzlich sei in der Daimlerstadt aber eine hohe Verweildauer zu erkennen, gleichzeitig sei der Familiennachzug geringer ausgefallen als zunächst erwartet.

Wo aktuell noch ehrenamtliche Unterstützung benötigt wird

Weiterhin bleibt eines bestehen: Die vielen Ehrenamtlichen in der Stadt sind Gold wert. In verschiedenen sozialen Projekten, wie solchen vom Kinderschutzbund, profitieren Böhnleins Klienten weiterhin vom Engagement, das inzwischen eine feste Größe im Schorndorfer Alltag geworden ist und so manche Lücke in der Betreuung durch Hauptamtliche stopft. Immer wieder müssten sich jene angesichts der vielen zu lösenden Probleme bremsen und auf ihre Zuständigkeitsbereiche zurückziehen. Nicht selten springen dann Ehrenamtliche ein. Aktuell erhalten 300 Hilfsbereite regelmäßig den Newsletter Integration und Ehrenamt. Böhnlein ist immer wieder erstaunt, wie schnell sie Rückmeldungen erreichen. Der größte Bedarf aktuell: Unterstützung bei Bewerbungen.

Wohin mit all den Flüchtlingen? Wo sie unterbringen? Wie ihnen helfen? Wie sie betreuen? Wie neue Perspektiven schaffen? Wie den Ängsten der Einheimischen begegnen? Vor fünf Jahren, da bestimmten solche Fragen die Agenden der Städte und Kreise. Das, was im weit entfernten Afghanistan, in Syrien, in Iran geschah, war mit einem Mal mitten im beschaulichen Schorndorf angekommen. In kürzester Zeit waren mehr als 1000 Geflüchtete in der Stadt. Nabil El Tolony, der damals als verantwortlicher

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