Schorndorf

Fachtagung: Energiewende kriegt nicht die Kurve

1/6
HT8C4602bbb_0
Die Diskussionsrunde bei der Fachtagung „Erneuerbare Energien“ (von links nach rechts): Johannes van Bergen (Solar Invest AG), Moderator Franz Alt, Helmfried Meinel (Ministerium für Umwelt, Klima und Energiewirtschaft Baden-Württemberg), Christoph Reichle (Bundesministerium für Wirtschaft und Energie) und Birgit Priebe (Baubürgermeisterin Stadt Waiblingen). © Leonie Kuhn
2/6
HT8C4602a_1
„Das sieht doch ein Blinder mit Krückstock. Wir brauchen Speicher! Bei der Energiewende sind Theoretiker am Werk, die noch nie ein Kraftwerk von innen gesehen haben!“ Johannes van Bergen, ehemaliger Geschäftsführer der Stadtwerke Schwäbisch Hall und Vorstandschef der Solar Invest AG, in die die Stadtwerke ihre Energieproduktion ausgelagert und für Bürgerbeteiligung geöffnet hat. © Leonie Kuhn
3/6
Franz Alt_2
„Der Kampf geht weiter.“ Mit diesem Satz habe ihm der 2010 verstorbene Hermann Scheer sein letztes Buch „Der energetische Imperativ“ signiert, sagte Franz Alt, Publizist und Moderator der Fachtagung. © Leonie Kuhn
4/6
HT8C4711a_3
„Wenn Elektroautos in zehn Jahren 10 000 Euro kosten, dann wird der Diesel nicht mehr nachgefragt.“ Helmfried Meinel, Ministerium für Umwelt, Klima und Energiewirtschaft Baden-Württemberg. © Leonie Kuhn
5/6
HT8C4628a_4
„Der Ausstieg aus der Kohle ist unstrittig. Es lohnt sich aber auch, auf die Arbeitsplätze zu schauen.“ Christoph Reichle, Bundesministerium für Wirtschaft und Energie. © Leonie Kuhn
6/6
HT8C4733a_5
„Die Kommunen haben eine Vorbildfunktion. Für die Bürger und für die Industrie.“ Birgit Priebe, Baubürgermeisterin der Stadt Waiblingen, die seit vielen Jahren am „European Energy Award“ teilnimmt. © Leonie Kuhn

Schorndorf. „Es geht viel“, sagt Franz Alt, „aber nie ohne Druck.“ Gut vier Monate vor der Bundestagswahl ist es nicht nur für den Publizisten Alt höchste Zeit, den Druck zu erhöhen, damit die Energiewende noch die Kurve kriegt und nicht auf halbem Weg steckenbleibt. Nahezu 100 Teilnehmer zählte die Fachtagung „Erneuerbare Energie – sichere Energieversorgung vor Ort“ in Schorndorf.

Video: Franz Alt über sein Idol Hermann Scheer.

Es ist kein Zufall, dass bei den erneuerbaren Energien die Luft raus ist. Die Reform des Erneuerbaren-Energie-Gesetzes (EEG) durch die Große Koalition 2014 nahm ihr die Dynamik von einst. Nachdem Anfang des Jahrtausends das von der rot-grünen Bundesregierung und insbesondere vom Waiblinger SPD-Abgeordneten Hermann Scheer initiierte EEG den Ausbau von Windkraft, Solarstrom und Biomasse beflügelte und Erneuerbare inzwischen mehr als ein Drittel des Stroms liefern, zielte die EEG-Reform auf das Gegenteil ab, gab einen Ausbaukorridor vor und öffnete die erneuerbaren Energien dem Markt. Der nicht zuletzt von Franz Alt beschworene Geist des verstorbenen Solarpapstes Scheer schwebte über der Veranstaltung in der Künkelinhalle, die vom Solarverein Rems-Murr, der Bürgerenergiegenosenschaft Plüderhausen und der Friedrich-Ebert-Stiftung ausgerichtet wurde.

Ohne Städte und Gemeinden gehts nicht

Die Tagung sollte neuen Schwung geben und Impulse setzen, dass mit Wind und Strom durchaus eine sichere Energieversorgung möglich ist. Nicht zuletzt durch neue Speichertechnologien wie Power-to-gas. Oder die Möglichkeiten ausloten, was Kommunen vor Ort für die Energiewende tun können. Darin waren sich die Referenten einig. Ohne Städte und Gemeinden mit ihren Stadtwerken und eine dezentral ausgerichtete Energiestrategie wird die Wende verkümmern. Schon heute seien die Energiekonzerne dabei, die alten Strukturen zu zementieren, indem sie den Netzausbau forcieren, um Strom aus dem windreichen Norden in den Süden zu leiten. Zukunftsträchtiger wäre für Johannes van Bergen, Vorstand der Schwäbisch Haller Solar Invest AG, den im Überfluss vorhandenen Strom im Norden zu vergasen und über die Erdgasnetze zu transportieren – und gleichzeitig zu speichern. Doch solange die Braunkohlekraftwerke in Betrieb sind und die Grundlast decken, fehle jeglicher Anreiz, die Speichersysteme auszubauen.

Power-to-gas-Systemen seien schon heute wirtschaftlich

Ohne Speicher, das ist Gegnern wie Befürwortern erneuerbarer Energie klar, ist eine 100-prozentig auf Wind, Sonne und Biomasse beruhende Energieversorgung nicht möglich. Dr. Ulrich Zuberbühler vom Zentrum für Sonnenenergie- und Wasserstoff-Forschung in Stuttgart stellte den Stand der Technik von Power-to-gas-Systemen vor. Die seien schon heute wirtschaftlich, im Großen wie im Kleinen, sofern der reine Erzeugerpreis beim Strom angesetzt wird. Das erzeugte Methan muss aber nicht wieder in Strom zurückverwandelt werden, sondern kann auch als Energieträger genutzt werden, zum Beispiel in Fahrzeugen oder Schiffen. Wer von Energiewende spricht, dürfe die notwendige Wende in der Mobilität oder bei der Heiztechnik nicht vergessen.

Energiewende selbst in die Hand nehmen

Die Energiewende selbst ist eine Erfolgsgeschichte, sagte Margit Conrad, ehemalige rheinland-pfälzische Umweltministerin. Aber nicht überall, wie ihr die Fahrt von Saarbrücken nach Schorndorf vor Augen führte. Kaum hatte sie den Rhein überquert, sah sie keine Windräder mehr – ganz im Gegensatz zu Rheinland-Pfalz, stellte sie verwundert fest. Umso wichtiger sei es, dass die Menschen die Energiewende selbst in die Hand nehmen – und in den Händen behalten. In den Kommunen, in den Kreisen. Nur so gebe es eine Akzeptanz für Windräder, wenn diese nicht den Bürgern von fremden Investoren vor die Nase gesetzt werden. Nur so sei eine Vielfalt der Akteure zu erhalten, die mit der Ausschreibung von Windparks verlorengingen.

Landratsämter machen lieber nichts, als etwas Falsches

Wie schwer sich die Städte und Gemeinden selbst in einem von einem grünen Ministerpräsidenten regierten Land mit der Windkraft tun, beschrieb Birgit Priebe, die Baubürgermeisterin der Stadt Waiblingen. Sie wartet sehnlichst auf eine klare Vorgabe aus Stuttgart, wie mit Landschaftsschutzgebieten umzugehen sei, wenn auf den bewaldeten Hügeln Windparks errichtet werden sollen. Denn wo, wenn nicht dort, können Windräder aufgestellt werden? Sie stünden allesamt unter Landschaftsschutz. Die Landratsämter seien ratlos, wie sie verfahren sollen – und tun lieber nichts, als etwas Falsches.

„Niemals die Geduld verlieren!“

Die Stadt Waiblingen, hatte Priebe in ihrem Best-Practice-Beispiel ausgeführt, nimmt am „European Energy Award“ teil und braucht nur noch drei Punkte, um zu den goldenen Kommunen in Sachen Klimaschutz zu gehören. Es ist aber nicht immer der große Wurf, zu dem Städte wie Waiblingen durch den Award angeregt werden. Aber sie wirken damit vorbildhaft für Bürger und Gewerbe. Denn wie soll sie als Baubürgermeisterin einem Unternehmen vorschreiben, sein Dach zu begrünen, wenn die Stadt selbst nicht mit gutem Beispielen vorangeht. „Niemals die Geduld verlieren!“ Diesen Schluss hat Priebe auf dem langen Weg gezogen, auf dem sich Waiblingen befindet.

Mit 50 Prozent Kohlestrom könne die Energiewende niemals gelingen

Die abschließende, von Franz Alt moderierte Diskussionsrunde drehte sich um die politischen Aspekte der Energiewende. Helmfried Meinel vom baden-württembergischen Umweltministerium hätte sich eine andere EEG-Reform gewünscht. Statt den Ausbau marktfern zu deckeln, hätte er sich ein vernünftiges System der Preisbildung auf dem Strommarkt gewünscht. Johannes van Bergen nannte diese Preisbildung „völlig irre“. Ausgerechnet die erneuerbaren Energien „prügeln die Preise nach unten“, polterte er, nämlich auf das unterste Niveau der klimaschädlichen Braunkohlekraftwerke. Mit 50 Prozent Kohlestrom, so der Verfechter eines dezentralen Energiesystems, könne die Energiewende niemals gelingen. Für Franz Alt bestätigt sich freilich bei der Energiewende einmal mehr ein Aphorismus des Philosophen Arthur Schopenhauer, den auch Hermann Scheer gern zitiert habe. Eine neue Erkenntnis werde zuerst ignoriert, dann verspottet, dann bekämpft und wenn sie sich durchgesetzt hat, seien alle immer dafür gewesen.