Schorndorf

Fachwerk-Ausstellung im Stadtmuseum

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Dr. Andrea Bergler (l.), Nina Bahlo (r.) vom Schorndorfer Stadtmuseum sind von Details im Fachwerk beeindruckt. © Habermann / ZVW

Schorndorf. Genau hingucken lohnt sich! Wer Fachwerke mit einigen Hintergrundinfos betrachtet, entdeckt Erstaunliches: Hinweise auf Lebenszeit, finanzielle Situation und beruflichen Hintergrund des Bauherren lassen sich in den hölzernen Konstruktionen finden. Die neue Ausstellung „Fachwerk allerorten“ im Schorndorfer Stadtmuseum liefert solche Infos in gut zu verdauenden Wissenshäppchen.

Das Fachwerk gehört zum Rems-Murr-Kreis wie die Spätzle in die Soße. So viel ist klar. Die Ausstellung „Fachwerk allerorten. Bauliches Erbe im Rems-Murr-Kreis“ zeigt, was hinter den Fassaden steckt, welche Geschichten im Gebälk stecken. Kaum vorstellbar, aber der historische Zimmermann brauchte im Grunde nur fünferlei Bundwerkzeug, um die komplizierten Balkensysteme zu errichten. Zu sehen sind in der Ausstellung neben weiteren: Bundaxt, Stemmeisen, Klopfstock, Stoßaxt und Winkeleisen. Letzteres half dabei, den Gebäuden möglichst rechte Winkel zu verpassen.

Alle Ressourcen wurden maximal ausgenutzt

Perfekt gelungen ist das aber nicht immer. Schließlich gibt’s immer wieder schiefe Ecken an den Gebäuden. Wobei – zur Ehrenrettung der Handwerker muss gesagt werden, dass so manche Asymmetrie auch deshalb entstanden ist, weil die vorhandene Fläche maximal ausgeschöpft wurde. War das Grundstück nicht ganz gerade, wurde das Haus es auch nicht. Und so bemühte sich Museumsleiterin Dr. Andrea Bergler im Vorfeld der Ausstellung zunächst ebenso redlich wie erfolglos, das Fachwerk-Modell der alten Schorndorfer Deutschschule gerade auf sein Ausstellungstischchen zu rücken. Irgendwann war klar – es ist unmöglich, die Deutschschule ist schief.

Nicht nur jedes Fachwerkhaus ist ein Unikat – auch jeder Balken ist es. Und so kann an jedem Holzträger nachvollzogen werden, aus welcher Zeit er stammt. Möglich macht das die Wissenschaft der Dendochronologie. Anhand der Jahresringe kann auf das Alter des Baumes geschlossen werden. Weil die Jahresringe je nach Jahresklima unterschiedlich schnell wachsen und man außerdem weiß, wie das Klima sich hierzulande in den verschiedenen Jahren verhalten hat, können die Baumstämme und damit auch die Bauphasen der jeweiligen Gebäude genauer bestimmt werden. Allerdings – die Untersuchung eines einzelnen Balkens reicht dafür nicht aus. Allzu oft wurden beim Neubau eines Hauses alte, noch brauchbare Balken wiederverwendet.

War der Bauherr eines Hauses „steinreich“, hatte er die Mittel, sich ein Erdgeschoss aus Stein zu leisten. Hübsch zu sehen bei dem alten Pfründnerhaus des Spitals, in dem derzeit die Technischen Ämter der Schorndorfer Stadtverwaltung untergebracht sind. So auch bei der Gaupp’schen Apotheke. Die allerdings ist von einem Fachwerk gekrönt, das zuvor an anderer Stelle gestanden hatte. Dafür gibt es ein offensichtliches Indiz. Üblicherweise würde, so Dr. Andrea Bergler, das hölzerne Fachwerk über das steinerne Geschoss hinüberragen. Im Fall der Traditionsapotheke aber ragt zum Teil sogar das Erdgeschoss aus Stein über den Holzaufbau hinaus.

Solche Schorndorfer Spezialitäten gibt’s in der neuen Ausstellung ebenso zu bewundern wie fachwerkliche Schmankerl aus dem gesamten Kreis. Dabei entsteht ein Überblick vom mittelalterlichen Fachwerk über das Barock, über die Brandschutzverordnung ab der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts bis hin zum Historismus und dem Heimatstil, der bis in die 1950er Jahre noch neue Fachwerkbauten entstehen ließ. Interessant nachzuvollziehen ist auch die Aufarbeitung der jüngsten Schorndorfer Fachwerksanierung am Strähle-Haus an der Ecke Schlichtener-/Gottlieb-Daimler-Straße.

Auch mit dabei ist Holzwurm Hugo. Der kleine gezeichnete Wurm ist durchs ganze Haus hindurch auf Täfelchen zu finden. Er stellt den jüngsten Museumsbesuchern Rätsel auf und hat kleine Suchaufträge in petto. „Wir wollen unser Kinderprogramm immer weiter ausbauen“, erklärt Dr. Andrea Bergler das Engagement für die Nachwuchshistoriker. Und so gibt’s auch ein eigenes kleines Programm für Kinder. Am Mittwoch, 22. Juni, lädt Dr. Petra Schad, Stadtarchivarin in Markgröningen, Schüler der zweiten und dritten Klassen zu einer Lesung unter dem Titel „Es knarrt im Gebälk“ ein. Es geht mit Mäuserich Gallus und seiner Familie auf die Baustelle eines alten Fachwerkhauses. Zudem hat das Team des Stadtmuseums das Programm „Wir bauen ein Fachwerkhaus“ entwickelt. Das museumspädagogische Angebot kann für Kindergeburtstage, Schulklassen und andere Kindergruppen für Kinder im Alter von sechs bis zwölf Jahren gebucht werden.

Mehr Extras

Zusätzlich gibt es ein buntes Begleitprogramm unter anderem mit Familienführungen zum Internationalen Museumstag (22. Mai) und zum Tag des Fachwerks (29. Mai), mit einer Führung durch das Sanierungsgebiet „Weststadt 2“ zum Tag der Städtebauförderung (1. Juni) und einer Führung durch die Fachwerkstadt zum „Tag des offenen Denkmals“ .

Einen Fachvortrag von Dipl. Ing. Kurt Christian Ehinger zum Thema „Die Entwicklung des Fachwerks im süddeutschen Raum“ gibt’s am Montag, 13. Juni.