Schorndorf

Farbdrucke mit Milchtüten und Vinyl

Gez Zirkelbach Druckworkshop
Gez Zirkelbach erklärt einem Teilnehmer die Feinheiten der Kunsttechnik des Tiefdruck-Verfahrens. © Palmizi / ZVW

Schorndorf. An drei Nachmittagen in dieser Woche gehen Kinder und Jugendliche in Schorndorf auf Tuchfühlung mit der Druckerpresse. Dabei bekommen sie Handreichungen von einem echten Künstler, dürfen CDs und Schallplatten mit der Hartnadel zerkratzen und damit am Ende Motive auf Papier bannen.

Video: Druckworkshop mit Gez Zirkelbach in Schorndorf.

Während draußen der Sommer ein letztes Mal alles zu geben scheint, herrscht in der Werkstatt des Kulturforums erstaunlich konzentrierte Ruhe. Unter dem kühlen Licht dreier Neonröhren arbeiten elf Kinder und Jugendliche mit Bleistift und Papier an ihren Motiven. Dies ist der erste Schritt zum Farbdruck: die Idee für das Bild. Erst wenn diese auf Papier gebracht wurde, lässt sie sich schließlich auf die Druckform übertragen. Die elf Teilnehmer können dabei ihr Motiv frei wählen.

Auf der Suche nach Inspiration beim sozialen Netzwerk Instagram

Die freie Wahl, sie fällt aber nicht immer ganz leicht, zumal in Zeiten der allgegenwärtigen digitalen Vernetzung. Neben vielen Blättern sind die Smartphones hell erleuchtet. Auf der Suche nach Motiven ist das Internet eine dankbare Quelle. Lena etwa schaut auf ein kompliziertes mandala-artiges Muster, das sie im sozialen Netzwerk Instagram gefunden hat. Zirkelbach ist skeptisch: „Es ist nicht immer alles besser, was man im Internet findet. Jeder muss seine eigene Linie finden.“ Kein Problem für Lena: Sie nimmt die Vorlage aus dem Internet schließlich nur als Inspirationsquelle. Die Zeichnung bringt sie dann in einer freien Interpretation aufs Blatt.

Vincent tut sich unterdessen noch etwas schwer bei der Motivsuche. Lange bleibt sein Blatt leer. Der Junge grübelt und grübelt. „Kein Problem“, beruhigt Zirkelbach, „jeder muss sein eigenes Tempo finden.“ Vincent greift sodann zu einem der Lexika, die im Regal der Werkstatt stehen, entscheidet sich zunächst für ein „visuelles Lexikon“, dann für Tierbilder. Doch die zündende Idee findet er dort noch nicht.

Doch gemach: Zeit ist noch genug vorhanden. An drei Nachmittagen erläutert der Künstler Gez Zirkelbach den Kindern und Jugendlichen ab zwölf Jahren die Feinheiten der Drucktechnik. Ganz bewusst hat sich der Schorndorfer für diese Zielgruppe entschieden. Denn oftmals würden Kinder genau in diesem Alter die Lust an der Kunst verlieren. Die spielerische Herangehensweise weiche dann einem Bedürfnis nach Realismus, das dann allzu oft unerfüllt bleibe. „Mit zwölf Jahren hören sie meistens auf. Was schade ist, denn das Bedürfnis ist ja immer noch da.“

Schon seit Jahren bietet der Künstler darum diese Einführung in die Drucktechnik an. Die Resonanz sei laut Zirkelbach positiv. Das Tiefdruckverfahren habe einen gewissen Anspruch – „und darauf springen viele in dem Alter an“.

Lara kann das nur bestätigen. Bereits zum dritten Mal besucht sie den Druckworkshop des Künstlers. Ihre bestechend einfache Begründung: „Es hat mir Spaß gemacht.“ Beim ersten Mal habe sie sich gedacht: Das könnte vielleicht interessant sein, „und das war es dann auch.“ Darum ist sie immer wieder gekommen.

Vincent ist derweil fündig geworden – ganz ohne Hilfe von Internet oder Lexika. Mit Stift und Lineal zeichnet er einen langen Pfeil von unten nach oben aufs Blatt. Links und rechts daneben zwei weitere Pfeile: der Dreizack des griechischen Meeresgotts Poseidon. Keine schlechte Wahl. Vincent scheint damit zufrieden zu sein.

Die Radierung fordert Fokussierung, denn jeder Strich ist endgültig

Die Radierung mit der Kaltnadel ist der zweite Schritt und verlangt ein noch höheres Maß an Konzentration als die Zeichnung mit Bleistift und Papier. Schließlich ist jeder Strich auf der Druckvorlage endgültig. Am ersten Tag des Workshops sollen die Teilnehmer sich erst einmal mit dem Material vertraut machen. Radiert wird daher zunächst auf Plastik-Rhenalonplatten. Ziel des Workshops ist es aber, die Motive am Ende auf Milchtüten zu bringen, auf CDs zu kratzen oder alte Vinylplatten damit zu verzieren. „Collagen sind auch möglich“, sagt Zirkelbach, „bringt nächstes Mal einfach was mit.“

Julia hat als Erste ihr Motiv fertig gezeichnet: ein Hund mit Schlappohren, eine Pfote auf die Tischkante gelegt, auf dem Tisch eine Blumenvase. Zirkelbach reicht dem Mädchen eine durchsichtige Plastik-Rhenalonplatte sowie eine Radiernadel. Nun gilt es, die Zeichnung möglichst genau auf die Platte zu kratzen. Dazu wird die Platte über das Papier gelegt und beides am Tisch festgeklebt. Mit der Zeit verlangen auch die anderen Teilnehmer danach. Meditatives Kratzen dringt durch den Raum.

Julias Hund ist inzwischen als Radierung auf der Platte. Nach knapp zwei Stunden ist das erste Motiv druckfertig. Zirkelbach hat alles für den Druck vorbereitet: Farbe bereitgestellt, das handgeschöpfte Büttenpapier einen Tag eingeweicht (damit das Motiv besser einzieht) und die Druckerpresse gesäubert. Mit einem Stück Gaze reibt er die Farbe in kreisenden Bewegungen auf die Platte und erklärt: „Ihr müsst so lange reiben, bis die Farbe nur noch in den Vertiefungen zu sehen ist.“ Denn nur die Vertiefung soll auf Papier gebannt werden.

Vorsichtig legt Zirkelbach dann die Plastikplatte auf die Druckerpresse, darüber das feuchte Papier und schließlich eine dicke Filzschicht. Julia darf das Drehkreuz der Presse bedienen. Auf der anderen Seite nimmt Zirkelbach das Papier von der Platte. Voilà: Das erste Bild ist fertig. Spiegelverkehrt wie auf der Platte, versteht sich. Bis Freitag wird diese Technik nun peu à peu verfeinert und schließlich von CDs, Milchtüten oder Vinyl auf Papier gebracht.

Kaltnadel-Radierung

Mit dem Begriff Kaltnadel werden Radierverfahren bezeichnet, bei denen die Vertiefungen auf der Druckplatte mechanisch, zumeist mit einer Radiernadel, erzeugt werden. Dabei findet im Vergleich zu „heißen“ Verfahren keinerlei chemische Reaktion statt.

Das Kaltnadelverfahren wurde ursprünglich als Reproduktionsmittel verwendet. Der Barock-Maler Rembrandt nutzte es zum ersten Mal als künstlerisches Stilmittel.

Im 20. Jahrhundert hat es sich im Zuge des Expressionismus zunehmend als eigenständige Kunstform etabliert. Künstler wie Edvard Munch, Otto Dix oder Picasso schufen mit dieser Technik Werke.