Schorndorf

Figurentheater: Den Hölzernen eine Seele einhauchen

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Ute Assef schleift ihre Marionette am Kinn. Sie hat ihren Auftritt in dem neuen Stück „Mond Mond Mond“. © Palmizi / ZVW
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Hängt diese Hand an Fäden, trägt ihre Gestik ganze Szenen. © ZVW / Palmizi
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Je reduzierter die Mimik auf der Puppe ist, desto wandlungsfähiger ist sie im Spiel. © ZVW / Palmizi
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Lebendige Schauspieler werden auf der Bühne mit Gipsmasken verfremdet. © ZVW / Palmizi
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Christine Lutz (r.) arbeitet an einem Schaumstoffkopf. Künstler Weise (l.) perfektioniert die Scherenschnitte © Palmizi / ZVW

Schorndorf. Mehr zu tun als je zuvor haben die Mitarbeiter in der Werkstatt des Figurentheater Phoenix. Schließlich haben sie für ihr Jubiläums-Stück „Mond Mond Mond“ richtig viel vor. Da treffen Schau- und Figurenspiel auf Schattentheater, Cartoons, Musik und Videoeinspielungen. Das multimedial umgesetzte Stück zeigt ein Roma-Volk, das trotz härtester Lebensbedingungen nie seine Lebensfreude verloren hat.

Video: Ein Blick in die Puppenwerkstatt des Figurentheater Phönix in Schorndorf mit Ute Getta-Assef.

Draußen rauschen die Autos an der Schorndorfer Hauptverkehrsader vorbei. Hinter den Glastüren an der Künkelinstraße wartet eine andere Welt. Hier regiert die Fantasie. Was aber nicht bedeutet, dass im Figurentheater Phoenix alles opulent gestaltet wäre. Das Gegenteil ist der Fall. Fantasie ist das, was in den Schau- und Figurenspielern sowie in den Zuschauern passiert. Nach der inhaltlichen und textlichen Arbeit am Stück wird in der Werkstatt die Voraussetzung dafür geschaffen, dass dies gelingen kann. Die Figuren, die hier hergestellt werden, erscheinen reduziert.

Verbindung zwischen Schöpfer und Puppe

Die Gesichter der Marionetten sind sparsam gestaltet. Jeder Betrachter soll mit seinem eigenen Blick die Puppen entdecken können. Auch sollen sie in den verschiedensten Szenen funktionieren. Mit dem Licht müssen sich auch die Figuren verändern können. Da darf der Ausdruck nicht zu sehr festgelegt sein, erklärt Ute Assef. Während die gelernte Puppenbauerin noch feilt und malt, sieht sie die fertige Figur innerlich schon vor sich. Je länger sie an dem hölzernen Körper arbeitet, desto stärker wird die Verbindung zwischen ihr und der Puppe. Immerhin: Nichts weniger als ihre Seele gibt sie während des Spiels in sie hinein.

Interaktion mit dem Publikum gehört beim Phoenix dazu

Ob sich Sympathien zu den Figuren entwickeln? „Für mich sind sie sympathisch, wenn ich schaffe, mit ihnen auszudrücken, was ich will.“ So mancher Figur gelang das nicht. Und so gibt’s auch solche, die lange auf ihren Einsatz warten müssen. So ist’s auch mit der Marionette, an der sie gerade arbeitet. Sie war schon vor langer Zeit entstanden und hatte im Lager auf ihren Einsatz gewartet. Jetzt, beim aktuellen Spiel, passt die Puppe ins Ensemble wie keine andere. Sie wird Ute Assef bei den Vorführungen die Möglichkeit geben, ins Spiel einzutauchen, sich selbst zu vergessen, sich ganz hineinzugeben in die Interaktion mit den anderen Figuren, mit dem Publikum. „Keine Vorstellung ist gleich“, sagt die Künstlerin. Und das liege nicht nur an den Zuschauern, die jedes Mal andere Schwingungen in das Theater hineintragen. So manches Mal lassen sich sie und ihr Mann Soran Assef, der ebenfalls auf der Bühne steht, von der Improvisation davontragen. „Das ist dann sehr intensiv, weil wir uns ganz neu verbinden müssen.“ Solche Situationen entstünden oft aus Pannen heraus. „Am Ende sind das aber super Momente. Wir finden dann neue Spielmöglichkeiten, das bringt das ganze Spiel vorwärts.“

In intensiven Spiel- und Probenzeiten begleitet das Stück die Figurenspieler bis in die Nacht, in die tiefsten Träume hinein, schließlich leben sie in diesen Phasen beinahe selbst in der Fantasiewelt. „Das Spiel, das ist unsere Realität“, sagt Ute Assef und lächelt.

Roma-Gesichtszüge in Schaumstoff geschnitten

Neben Ute Assef arbeitet an diesem Vormittag Christine Lutz. Sie arbeitet an einem Kopf, den sie mit einer Schere aus einem Schaumstoffblock herausgeholt hat. „Es wird ein Roma-Mädchen, sieben Jahre alt“, erklärt sie. Sie orientiert sich an dem Foto eines Roma-Mädchens, das sie im Internet gefunden hat. Das benötigt sie als Orientierungshilfe, um die typischen Gesichtszüge nacharbeiten zu können. Diese Figur wird später zusammen mit lebendigen Schauspielern auf der Bühne zu sehen sein. Diese werden mittels Gips-Masken in die Roma-Welt des Theaters hineintransportiert.

Über 80 und noch rüstig

Sherman Assef arbeitet gerade an einer historischen Puppe. Mindestens 80 Jahre hat die Hölzerne auf dem Buckel. Entstaubt wurde sie, ihre Haare wurden entwirrt und gewaschen. Nun werden etliche Sicherheitsreparaturen notwendig, damit sie auf der Bühne nicht einfach auseinanderfällt. Gelenke werden verstärkt, Verbindungsstellen neu genäht. Der Charme längst vergangener Tage soll aber durchaus erhalten bleiben. Ihre Geschichte darf die Puppe behalten. Weitere Figuren sind als Schattenspiel im neuen Stück zu entdecken. Schließlich wird am Rande die Geschichte eines Scherenschneiders erzählt. Künstler Weiso aus Aleppo in Syrien arbeitet an den zweidimensionalen Figuren. Und selbst ein Kochlöffel bekommt in dem kleinen Theater Leben eingehaucht, darf eine Rolle spielen.

In dem Jubiläumsstück fassen die Assefs und ihre Kollegen zusammen, was sie in den vergangenen 30 Jahren der Arbeit im Figurentheater gelernt haben. Und da hat sich reichlich Erfahrung angesammelt. Immerhin ist inzwischen sogar die nächste Generation der Assefs mit im Theater-Boot.


Zahlreiche Aufführungen in der Jubelwoche

„Mond Mond Mond“ ist eine deutsch-serbische Produktion mit dem Figurentheater Phoenix und Bewohnern eines Roma-Dorfes in Serbien. Das Skript wurde nach dem Buch von Ursula Wölfel erarbeitet:

Einmal hier, einmal dort schlagen sie ihr Lager auf. Einmal hier, einmal dort sehen die Kinder den wandernden Mond hinter den Wagenfenstern vorbeiziehen. Da werden Nauka und Pimmi von ihren Familien getrennt und machen sich zusammen mit dem wunderlichen alten Panelon auf die Suche nach den roten Felsen und ihrem tragischen Geheimnis.

Premiere des Stückes ist in der Jubelwoche des Theaters, und zwar am Samstag, 15. Oktober, um 19 Uhr. Weiter ist es am Sonntag, 16. Oktober, um 19 Uhr, am Dienstag, 18. Oktober, um 10 Uhr und am Mittwoch, 19. Oktober, um 10 Uhr zu sehen. Eine Anmeldung ist erforderlich. Auf Anfrage wird das Stück auch für Schulklassen aufgeführt.