Schorndorf

Flüchtlinge: Über oder unter 18, das ist hier die Frage

Frithjof Stephan
Frithjof Stephan (rechts), Leiter des Limes-Gymnasiums in Welzheim, schätzt das Alter von unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen. Bei den Personen auf dem Foto handelt es sich um Mitglieder der Vorbereitungsklasse: Von links: Shahir Amiri, Afsane Gohardani und Rohulla Alemi. © Palmizi / ZVW

Welzheim. Mit 18 Jahren ist ein Mensch volljährig, kann den Führerschein machen. Ein großer Schritt auf der Lebensleiter. Für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge ist diese Zahl ebenfalls von Bedeutung. Sind sie unter 18, müssen sie kindgerecht untergebracht, versorgt und betreut werden. Sind sie älter, werden sie als normaler Flüchtling behandelt. Wie stellt man ihr Alter fest, sind Pässe verloren oder vernichtet worden? Frithjof Stephan ist Mitglied einer Kommission zur Altersfestlegung dieser jungen Menschen.

Video: Frithjof Stephan, Schulleiter des Welzheimer Limes-Gymnasiums, sitzt in einer dreiköpfigen Kommission, die in der Region Stuttgart das Alter von unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen festlegt.

Er kennt sich aus. Der Schulleiter des Limes-Gymnasiums hat seit Jahrzehnten mit jungen Menschen zu tun. Seit einigen Monaten sitzt er in einer von mehreren dreiköpfigen Kommissionen, die in Baden-Württemberg das Alter von unbegleiteten und vermeintlich minderjährigen Flüchtlingen und Migranten festlegen soll, die sich als unter 18-Jährige ausgeben – entweder weil sie es sind, oder weil sie sich davon Vorteile erhoffen (siehe roter Kasten links). Die Behörden können Altersangaben anzweifeln und Kommissionen beauftragen.

Hundertprozentig kann das Alter nicht geklärt werden

Die folgenschwere Einschätzung, ob jemand über oder unter 18 Jahre ist, ist Ergebnis eines Leitfaden-Interviews, das Raum für persönliche Fragen lässt. Hundertprozentig könne das Alter nicht geklärt werden, betont Frithjof Stephan. Doch auch die medizinische Altersdiagnostik erlaube bloß eine grobe Schätzung. „Eine Kommission, die sich Mühe gibt, kommt zu einer gerechten Einschätzung“, hält der Rektor fest. Diese sei immer individuell und müsse immer einstimmig ausfallen.

Am besten unter 18: „Das spricht sich rum“

Was geschieht? Ein Beispiel: Ein junger Flüchtling gibt an, er sei 16 Jahre alt und ohne Angehörige aus Syrien geflohen. Seinen Pass habe er bei Kämpfen verloren. Die Chancen für Syrer, Asyl zu erhalten, sind deutlich höher als für Menschen aus Nordafrika. Die „Barriere 18“ sei ebenfalls bekannt, weiß Frithjof Stephan, auf die Smartphones und das „Coaching durch Schlepper“ anspielend. Da er angibt, 16 zu sein, wäre das Jugendamt zuständig. Doch ist er 16 Jahre alt? Oder hat er vielleicht schon seinen 20. Geburtstag hinter sich?

Keine oder unzureichende Geburtenregistrierung

Manchmal gibt es gefälschte Pässe, unleserliche Kopien oder Abfotografien von Pässen. Einige vermeintlich Minderjährige besaßen noch nie gültige Papiere und können kein Geburtsdatum angeben. Daher ist eine Einschätzung des Alters in vielen Fällen notwendig, da es in einigen Ländern keine oder nur eine unzureichende Geburtenregistrierung gibt. „Mädchen werden oft gar nicht registriert“, berichtet Stephan. Mann muss sich also von der deutschen Gründlichkeit trennen: Ein Junge, der in einem Dorf in Afghanistan geboren wurde, dessen Vorfahren Ziegenbauern waren, besitzt keine Geburtsurkunde. Da gibt es nichts Schriftliches von offizieller Seite.

Das Jugendamt muss also klären, ob eine mögliche Minderjährigkeit und damit eine Schutzbedürftigkeit vorliegt. Hier kommt die Kommission ins Spiel.

Einstündiges Interview

Wie läuft so ein Interview ab? Der Flüchtling füllt zuerst ein Schreiben aus, ein Dolmetscher hilft, denn nicht alle beherrschen das lateinische Alphabet, weiß Frithjof Stephan. Dann folgt das rund einstündige Interview. Die drei Personen, Vorsitzender, Stellvertreter und Protokollant sowie ein Dolmetscher, sprechen mit dem Flüchtling. Grundlage sind die getätigten Auskünfte der Person sowie etwaig vorliegende Dokumente aus dem Herkunftsland oder beispielsweise erfasste Daten der Polizei.

Sprache lässt Herkunft erkennen

Die unterschiedliche Sprache ist das erste große Hindernis. Es gebe unzählige Dialekte und Sprachprobleme, die zu Kommunikationsproblem werden können, teilt Stephan mit. Für manche Dialekte gebe es in Baden-Württemberg nur einen Dolmetscher, hat er festgestellt. Doch liefert die Sprache sofort Erkenntnisse darüber, ob jemand wirklich aus Syrien kommt – oder nicht. Dann folgt das Interview, beginnend mit einem einführenden Gespräch.

Begegnung mit Respekt

Man will sich kennenlernen, den jungen Menschen Ängste nehmen, deutlich machen, das Gespräch werde kein Verhör mit Polizei oder Richter, schildert Frithjof Stephan. Man begegne sich mit Respekt, sagt der Schulleiter, schließlich seien viele Jugendliche traumatisiert.


Ziege für den Zug: Wege nach Deutschland

Daher gingen sie behutsam vor, wollten den Jugendlichen eine Perspektive bieten. Das sei wichtiger Bestandteil des Interviews, werden aus dem Protokoll doch auch weitere Schritte abgeleitet.

Fragen und Fluchtgeschichten

Dann werden Fragen gestellt über Eltern, Geschwister, Herkunft: Wo kommt er her? Wie alt sind Eltern und Geschwister? Wie ist der schulische Werdegang? Wann besuchte er die Klasse sechs? Welche Ausbildung liegt vor? Hat er gearbeitet? Wie lange? Das sind erste Fragen, die aufeinander aufbauen und anzeigen, ob die Person beim Alter vielleicht gelogen hat. Er addiere im Kopf die Jahre, erläutert Stephan, die ein junger Mann laut Erzählungen dann wohl schon erlebt hat – und die Altersangabe womöglich konterkarieren. Auch der Flüchtling kann Fragen stellen. Es geht weiter: Wann hat er sich auf den Weg gemacht? Wie ist er nach Deutschland gekommen? („Eine Ziege für ein Bahnticket“, erinnert sich Frithjof an ein Interview.) Was hat er für den Schlepper bezahlt? Wovon hat er auf der Flucht gelebt? Gab es illegale Jobs in der Türkei? Was waren die Stationen? Hier gebe es erhebliche Widersprüche zwischen den einzelnen Flüchtlingen, berichtet Schulleiter Stephan aus der Praxis. Manch einer marschierte monatelang zu Fuß durch Europa. Andere seien relativ bequem mit verschiedenen Zügen gefahren, bis sie irgendwann in Stuttgart ankamen.

Bei Unklarheiten wird der Flüchtling älter geschätzt

Sind die Angaben stimmig, unterstreicht dies die Altersangabe des jungen Migranten. Gibt es deutliche Unklarheiten, wird er älter geschätzt. „Es ist nachzuvollziehen, dass die Jugendlichen, die gut präpariert auf dem Wege zu uns kommen, ihre Geschichte haben. Aber im Verlauf eines Interviews werden doch Widersprüche deutlich.“ Woraus schließen die Kommissionsmitglieder das? Zum einen registrieren sie, ob und wie sich der Flüchtling widerspricht. Zum anderen achten die drei Personen auf den Körperbau, das äußere Erscheinungsbild, wobei dies trügerisch sein könne. Also beobachten die Kommissionsmitglieder, wie die vermeintlich Jugendlichen auftreten. Reagieren sie erwachsen, reif oder nervös? Doch, betont Stephan, eine lange Flucht verändere einen Jugendlichen, lasse ihn oft erwachsener wirken. Wie sind die Bewegungen? Schlaksig? Koordiniert?

Ich traue es mir zu - "Im Zweifel für den Jugendlichen"

Die geistigen Fähigkeiten und körperlichen Merkmale einzuschätzen, sei schwer, insbesondere bei Menschen aus Schwarz- und Nordafrika. Es gehe um die „ganzseitige Betrachtung des Jugendlichen“, so Stephan. Man schaue auf junge Talente in der Fußball-Bundesliga. Sehen die wie 17 aus? Auch anhand von diesen Beispielen, Bildern junger Fußballer mit Migrationshintergrund, habe man sich auf das Einschätzen des Alters vorbereitet.


„Das ist eine sehr verantwortungsvolle Tätigkeit“, weiß Frithjof Stephan und zielt damit auch auf die Kosten der Unterbringung für diese jungen Menschen für den deutschen Steuerzahler ab (siehe Kasten links). „Ich traue mir es zu, es mit bestem Wissen und Gewissen zu machen“, sagt er selbstbewusst. Geld spielt bei der Betrachtung keine Rolle. Man habe ihnen noch nie Auflagen gemacht, beispielsweise eine Quote vorgegeben. „Wir entscheiden allein auf Grundlage des Interviews.“ Aber: „Im Zweifelsfall entscheiden wir für den Jugendlichen“. Dass sich jemand für 16 ausgibt, aber in Wirklichkeit 25 Jahre alt ist, sei ein seltenes Extrem. Gilt das Alter des Jugendlichen als glaubhaft, wird es übernommen. Ist es das nicht, wird ein Jahr festgelegt. Der Geburtstag, ohne Jahre, könne dann gegebenenfalls übernommen werden.

Es geht nicht nur ums Geld

Stephan weiß, es geht nicht nur ums Geld. Ein als Jugendlicher eingestufter Mann kann schnell das Sagen in einer Wohngruppe für Jugendliche haben, mit negativen Folgen. Doch diesen Jugendlichen gegenüber habe man eine Verantwortung.

Der Schulleiter hält das persönliche Gespräch für eine humanere Methode als die medizinische Altersdiagnostik – und sie sei günstiger und weniger zeitaufwendig.

Wege aufzeigen: Das Interview gibt wichtige Hinweise

Stephan betont: Beim Gespräch geht es nicht nur um jünger oder älter als 18, um Geld. Es gehe darum, Menschen zu helfen. Nach dem Interview wisse man, wie gebildet der Mensch ist, welche Geschichte er hat. Darauf könne Unterstützung aufbauen. Man erkenne, welche Zukunftsvorstellung die Jugendlichen haben. Mit diesem Wissen könne Hilfe koordiniert werden.

Hier geht es um die Existenz

Was ist, wenn er merkt, dass er angelogen wird? Moralisch wolle er das nicht kommentieren. Fest stehe doch, dass auch in Deutschland bei Nichtigkeiten gelogen werde. Und bei vielen Jugendlichen gehe es hier um die Existenz. Wenn man selbst in der Lage wäre, „würden auch Sie alles versuchen, um ein Bleiben erreichen zu können. Hier prallen Welten aufeinander!“


Jugendamt oder Sammelunterkunft

In Deutschland halten sich nach Angaben der Bundesregierung derzeit wohl mehr als 51 000 unbegleitete minderjährige Flüchtlinge auf. Als unbegleiteter minderjähriger Flüchtling gilt, wer unter 18 Jahre alt ist und ohne einen Sorgeberechtigten oder Bevollmächtigten einreist. In Baden-Württemberg leben aktuell wohl rund 6800 unbegleitete minderjährige Flüchtlinge. Zum Vergleich: In Bayern sind es rund 7300 und in Nordrhein-Westfalen etwa 11 000. Nur rund zehn Prozent der unbegleiteten Flüchtlingskinder in Europa sind laut Statistischem Amt der Europäischen Union Mädchen.

Das Alter der jungen Flüchtlinge ist aus asylrechtlicher, aufenthaltsrechtlicher, sozialrechtlicher, schulrechtlicher und aus jugendhilferechtlicher Sicht von Bedeutung. Ein beispielsweise 16-jähriger unbegleiteter Flüchtling hat ein Recht auf Jugendhilfe und minderjährige unbegleitete Flüchtlinge können nicht abgeschoben werden. Ein über 18-jähriger Flüchtling kommt hingegen in eine Sammelunterkunft. Wer als unter 18-Jähriger allein nach Deutschland kommt, wird in der Regel von den Jugendämtern in Obhut genommen. Diese verteilen die Flüchtlinge auf Kinderhilfseinrichtungen und spezielle Wohngemeinschaften. Solange Sorgeberechtigte nicht erreichbar sind und noch kein gesetzlicher Vormund bestellt ist, übt das Jugendamt im Rahmen einer Notfallvertretung das Sorgerecht aus und garantiert das Kindeswohl, bis das angerufene Familiengericht einen Pfleger oder Vormund bestellt hat.

Zur Feststellung des Alters kann neben der sozialpädagogischen Altersschätzung der psychischen Reife auch eine körperliche Untersuchung durchgeführt werden. Diese Untersuchung kann eine Schätzung des Knochenalters und/oder des Zahnreifealters umfassen.

„Es muss allerdings berücksichtigt werden, dass es keine objektiven Kriterien zur Einschätzung des Alters aufgrund der äußeren Erscheinung gibt“, schreibt der Bundesfachverband unbegleitete minderjährige Flüchtlinge.

Wenn ein junger Mann eine Altersfestlegung ablehnt, führe dies in aller Regel zur Annahme der Volljährigkeit und ist damit zum Nachteil des zu Begutachtenden, heißt es in einem Schreiben der Bundesärztekammer.

Ein unbegleiteter minderjähriger Flüchtling kostet den deutschen Staat pro Monat rund 3000 bis 5000 Euro; deutlich mehr als ein Flüchtling in einer Sammelunterkunft. Geht man von monatlich 4000 Euro aus, macht das pro Jahr knapp 2,5 Milliarden Euro.