Schorndorf

Flüchtlinge auf dem Arbeitsmarkt: Erst hoffnungslos, dann Azubi - Der steinige Weg von Christine Donjio

Christine Donjio
Christine Donjio (46) ist im Jahr 2015 nach Deutschland gekommen, um hier Geld für ihre Kinder zu verdienen. © Gabriel Habermann

Nach dem Tod ihres Mannes hatte Christine Donjio in Kamerun keine Zukunft mehr. Es war das Jahr 2010. Ihre Schwiegermutter - Anhängerin eines Teufelskreises – habe ihr das Leben zur Hölle gemacht, habe sie in mythische Rituale verstrickt, die ihren Körper, ihre Seele in die Knie zwangen. Und plötzlich stand sie da ohne alles. Krank, ohne Mann, ohne Arbeit, ohne ein Zuhause, aber mit drei hungrigen Kindern. Die hatten zuletzt immerhin bei ihrer Schwester Unterschlupf gefunden. Sie selbst kam mal bei ihrer Mutter, mal bei ihrer Schwester unter. Völlig mittellos war sie in ihrer Situation gefangen. Das ging so. Jahrelang. Christine Donjio war unglücklich.

Dann starb ihr Vater. Ihr Erbe, ein Teil eines Feldes im Wald, verkaufte sie. Mit dem Geld brach sie auf. Sie hatte nur noch ein Ziel. Weg. Weg aus dem Land, das ihr keine Perspektiven mehr bot, weg, nach Europa, irgendwohin, wo sie Geld verdienen könnte, um das Überleben ihrer Kinder zu sichern. Nach Deutschland wollte sie gerne. Viel hatte sie davon gehört. „Deutschland macht keine faulen Leute“, das hatte sie gehört. Also wäre sie dort richtig, dachte sie sich. Arbeiten wollte sie, Geld verdienen für ihre Kinder, die bei der Schwester bleiben sollten.

Von der Türkei aus weiter nach Deutschland

Zunächst schaffte sie es in die Türkei, arbeitete als Friseurin, flocht für wenig Geld Haare. Aber das Geld genügte nicht, um es ihren Kindern zu schicken. Die Lebensumstände waren zudem untragbar. Also reiste sie weiter. Meist zu Fuß, sie lebte auf der Straße, schlief überall dort, wo sie abends einen Ort fand, an dem sie ihren Kopf betten konnte. Oft genug war das ein Straßenrand oder in ein Waldstück. Sie lief und lief, immer weiter. Bis sie irgendwann in Deutschland ankam. Von der Landesaufnahmestelle in Karlsruhe aus wurde sie schließlich nach Schorndorf gebracht. Im Oktober oder November 2015 war das, gerade noch rechtzeitig vor dem Winter, als sie zusammen mit drei anderen Frauen ihr Zimmer im damaligen Übergangswohnheim in der Wiesenstraße bezog.

"Ich kümmere mich gerne um andere Menschen"

Christine Donjio fühlte sich alleine, wollte aber schnell Fuß fassen. Schließlich stand ihr Plan fest: Sie wollte arbeiten. Mit der Unterstützung einer Ehrenamtlichen gelang es ihr schließlich recht schnell, in Waiblingen einen Platz in einem Sprachkurs zu bekommen. Gleichzeitig bemühte sie sich um einen Praktikumsplatz. Altenpflegerin wollte sie gerne werden. „Ich kümmere mich gerne um andere Menschen und komme gut mit alten Leuten aus“, erklärt sie diesen Wunsch. Und tatsächlich bekam sie gegen alle Wahrscheinlichkeit ohne Probleme ihre Chance im Schorndorfer Spittlerstift. Sie absolvierte ihr Praktikum und konnte ihr Glück kaum fassen, sie konnte hier zudem die Ausbildung zur Altenpflegehelferin machen. Dies, obwohl ihr Deutsch noch in den Kinderschuhen steckte.

Nach dem Tod der Schwester erst einmal die Ausbildung geschmissen

Sie nahm die Herausforderung an. In der Schule ging’s anfangs schwer. Aber sie biss sich durch und absolvierte die Ausbildung mit einem Notenschnitt von 1,7. Aber das war ihr noch nicht genug. Sie wollte mehr. Eine Ausbildung zur Altenpflegerin, das wollte sie gerne machen. Sie erhielt ihre Chance beim KSP. Dann allerdings im Frühjahr starb ihre Schwester. Sie weiß heute selbst nicht mehr genau, was sie da geritten hatte, aber sie schmiss die Ausbildung hin. „Ich war so durcheinander und konnte nicht mehr lernen“, erinnert sie sich. Ein Fehler, wie sie heute einsieht. Aber sie gab nicht auf und fand im Schorndorfer Krankenhaus eine Anstellung, wo sie bis heute als Krankenpflegehelferin arbeitet. Sie mag ihren Beruf, freut sich, Menschen helfen zu können.

„Der Vermieter will keine Flüchtlinge mehr im Haus haben“

Von dem Geld, das sie verdient, behält sie nur wenig für sich. Das meiste schickt sie an ihre Kinder in Kamerun, um deren Schul- und Universitätsausbildung sowie den Lebensunterhalt zu bezahlen. Sie selbst lebt in einem kleinen Dachzimmer an einer stark befahrenen Ortseingangsstraße in Schorndorf. Bad und Toilette teilt sie sich mit ihrer Mitbewohnerin. Die Möbel sind zusammengewürfelte Fundstücke. Allerdings: Ende des Jahres läuft der Mietvertrag aus, dann muss sie raus aus der Wohnung. „Der Vermieter will keine Flüchtlinge mehr in dem Haus haben“, sagt sie. Wohin sie dann zieht? Sie weiß es nicht, zieht ratlos die Schultern nach oben.

Und zu allem Überfluss ist dieser Tage noch das Urteil des Verwaltungsgerichts in Stuttgart in den Briefkasten geflattert. Das Ergebnis ist für sie ebenso katastrophal wie vorhersehbar. Ihr Antrag auf Asyl wurde abgelehnt. Immerhin - politische Gründe für ihre Flucht hatte sie keine. Auch besteht nach Ansicht der Richter für sie keine Gefahr, wenn sie in ihre Heimat zurückkehrt. Allerdings - so steht’s in dem Schreiben: Wenn sie einen Ausweis vorlegt, was ihr bisher noch nicht gelungen ist, weil die Botschaft nur schwer zu erreichen ist, könnte sie trotzdem eine Aufenthaltserlaubnis bekommen. Immerhin hat sie genau die richtige Ausbildung gemacht. Pflegepersonal gibt es in Deutschland nicht genug – und so ist das ihre letzte Chance.

Nach dem Tod ihres Mannes hatte Christine Donjio in Kamerun keine Zukunft mehr. Es war das Jahr 2010. Ihre Schwiegermutter - Anhängerin eines Teufelskreises – habe ihr das Leben zur Hölle gemacht, habe sie in mythische Rituale verstrickt, die ihren Körper, ihre Seele in die Knie zwangen. Und plötzlich stand sie da ohne alles. Krank, ohne Mann, ohne Arbeit, ohne ein Zuhause, aber mit drei hungrigen Kindern. Die hatten zuletzt immerhin bei ihrer Schwester Unterschlupf gefunden. Sie selbst kam

Alle Abos jederzeit kündbar:
ZVW+ MONATLICH
Erster Monat gratis, danach 5,99 €/mtl.
ZVW+ JÄHRLICH
Statt 71,88 € (Zwei Monate gratis)
ZVW+ JÄHRLICH mit ePaper
mit täglichem Zugriff zum ePaper