Schorndorf

Freibaderöffnung: Angst vor "Hurerei und Ehebruch"

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Gruppenbild mit unbekannter Dame: So sah’s im Freibad Altlache, auf dessen Gelände jetzt der Bewegungskindergarten entsteht, einst aus. © Alexander Roth

Schorndorf. Im Mai 1929 hatte der Gemeinderat beschlossen, eine Badeanlage in der Altlache an der Rems einzurichten. Dagegen erhoben 1754 Einwohner mittels Unterschriftenaktion Einspruch – fast die halbe Stadt, wie Bürgermeister Raible feststellte. Sie fürchteten den Verfall der Sitten. Raible hatte große Mühe, in der darauffolgenden Gemeinderatssitzung die Wogen zu glätten.

Im „Schorndorfer Anzeiger“ wird aus dieser Sitzung vom 6. Juni berichtet: „Am 10. Mai hat der Gemeinderat die Einrichtung einer Freibadanlage an der Rems genehmigt. Gegen diesen Beschluß sind nun Einsprachen von 1754 hiesigen Einwohnern unterschriftlich auf einem anonym verfaßten Aufdruck geäußert worden. Die Eingabe enthält u. a. folgenden Satz: Wir wissen sehr wohl, daß solches Zusammenbaden in der Rems seither schon infolge immer mehr um sich greifender sittlicher Laxheit geübt wurde. Wir bedauern außerordentlich, daß der Gemeinderat durch den Beschluß, ein Familienbad zu erstellen, diesen Zustand sanktioniert und ihm Vorschub leistet.“

"Gelegenheit, ihr verderbtes Fleisch in Lüsten zu weiden"

Überdies hatte Bezirksnotar a. D. Vögele eine Eingabe ans Rathaus gerichtet, aus der Raible verlas: „Aber auch die Obrigkeit muß Gott Rechenschaft geben; auch der Gemeinderat ist eine Obrigkeit. Gibt die Obrigkeit den Untertanen Gelegenheit, ihr verderbtes Fleisch in Lüsten zu weiden, so begünstigt sie nach dem bereits gegebenen Begriff Jesu die Hurerei und den Ehebruch. Daß diese Gelegenheit in dem geplanten Luftbad vorhanden sein wird, das glaubt auch der Gemeinderat, jedenfalls der Herr Vorsitzende.“ Raible erklärte, „es sei klar, daß gegen gemeinsame Bäder, wie sie nun allüberall in Deutschland geschaffen wurden, sich ein Teil der Bevölkerung stellt“. Er kenne aber keine Stadt in Deutschland, in der man eine solche Geschichte inszeniert habe, wie in Schorndorf.

Er anerkenne „alle die, die aus ernsten Bedenken um sittliches Wohl unterschrieben hätten, die aus der Gemeinsamkeit des Badens Gefahren für die Sittlichkeit befürchten“. Viele Unterschriften aber seien als Dokument des negativen Interesses am Baden zu werten. Aber wenn man es so wie in anderen Städten gemacht und sich zuvor erkundigt hätte, dann wäre die Eingabe sicherlich nicht so abgefaßt worden.“

Volkssitte gemeinsames Baden

Zur richtigen Beurteilung „müsse man die öffentliche Gesundheitspflege ins Auge fassen“, meinte Raible. Eine andere, neue Bewegung und Auffassung in Verbindung mit dem Sportwesen sei aufgetreten und diese habe das gemeinsame Baden zur Volkssitte gemacht, gegen die, weil die Bewegung über ihre Gegner zur Tagesordnung schreitet, nicht mehr auszukommen sei. Die Bewegung aber in richtige Kanäle zu leiten, sie in die Fahrbahn der Ordnung zu bringen, das sei die Aufgabe des verantwortungsbewußten Verwaltungsmannes.

Er gab zu bedenken: „Das Gesetz verbietet ein gemeinsames Baden in öffentlichen Gewässern nicht, durch Schaffung einer Badeanlage wird es aber unter Aufsicht gestellt“, deshalb habe man fürs Bad gestimmt. In der Eingabe sei vorgeschlagen, eine Teilung der Zeit vorzunehmen, aber bei der Nähe der Rems, in der das gemeinsame Baden nicht verboten werden könne, wäre jene Teilung doch illusorisch. Schon seit sieben bis acht Jahren sei in der Rems gemeinsam gebadet worden, ohne dass jemand dagegen Einspruch erhoben hätte.

Freibad: Zum Schutz der Kinder

Vom unbefestigten Ufer aus zu baden, berge „für die Kinder dauernd große Lebensgefahr“. In der zu schaffenden Badeanlage jedoch könne man ohne Ängstlichkeit den Kindern das Baden erlauben. Das Frauenbad bleibt bestehen, so daß allen Seiten Rechnung getragen sei. Und: „Der laufende Etat wird durch die Anlage mit 1800.- M belastet“, erklärte Raible und befand: „Ein solches Opfer für die Volksgesundheit lohne sich trotz der ungünstigen Finanzlage und könne auch verantwortet werden.“

Gemeinderat Sommer war anderer Ansicht: Es sei diese Schaffung der Anlage ein sehr großer Luxus. Der Berichterstatter der Zeitung führte aus: „Die weiteren Ausführungen des Redners enthalten mehr oder weniger persönliche Verunglimpfungen des Gemeinderats. Es wird stärkster Protest gegen den Redner laut. (Zwischenrufe: „Wir protestieren dagegen, daß wir als unfähig und unsittlich hingestellt werden“ - „Die moralische Fähigkeit des Gemeinderats wird durch die anonymen Drahtzieher der Eingabe unterbunden.“) Der Redner wird aufgefordert, die unsachliche Redeweise aufzugeben. GR. Sommer, der in begreifliche Aufregung gekommen ist, bittet, seine Ausführungen, die er vertieft, nicht persönlich zu nehmen. Sie enthalten aber nach wie vor sehr unsachliche Anwürfe, sodaß GR. Kamm den Antrag stellt, daß dem Redner das Wort entzogen werden soll.“

Fast die halbe Stadt aufgewiegelt

Der Bericht fährt fort: „Die Sozialdemokraten wollen den Sitzungssaal wiederholt verlassen. Nachdem sich die Unruhe wieder gelegt hat, kommt GR. Sommer zum Schlusse und bittet den Gemeinderat, den Beschluß zurückzuziehen und der Einsprache stattzugeben. Der Vorsitzende führt aus, wo soll das hinführen, wenn man gegen den Beschluß eines Gemeinderats fast die ganze halbe Stadt aufwiegelt. Das Wort: Seid untertan der Obrigkeit, das auch in der Bibel stehe, sei vollständig ignoriert worden.“

Raible verwies zudem auf die Unterstützung des Vorhabens von amtsärztlicher Seite aus, nämlich den „Bericht des Oberamtsarztes anläßlich der gesundheitsärztlichen Gemeindevisitation“ und auf dessen Forderung „nach Schaffung eines Luft- und Freibads. Ferner habe das Oberamt auf diese oberamtsärztliche Ausstellung besonders hingewiesen und die Einrichtung einer für jedermann zugänglichen Badeanlage warm empfohlen. Da könne man doch dem Gemeinderat nicht den Vorwurf machen, er habe eine Luxus-Einrichtung geschaffen!“

Auch Nichtbader müssen zahlen

Gemeinderat Markert unterstrich daraufhin, „der Christl. Volksdienst sei an der Sache nicht beteiligt gewesen“. Das Bad müsse man aber auch aus finanziellen Gründen ablehnen; denn weite Kreise hätten kein Interesse am Baden, diese müssten aber steuerlich die Kosten des Bades aufbringen. Deshalb müsse die Ausgabe für das Bad gestrichen werden. (Zwischenruf: „Wer bezahlt das Gemeindehaus?“ - „Gehen Sie mit gutem Beispiel voran und streichen Sie diese 130 000.- M! - „Sie sehen nicht den Balken in Ihrem eigenen Auge, wohl aber den Splitter im Auge des anderen!“).“

Gemeinderat Kamm „stellt dann fest, daß ihm die Politik des Christl. Volksdienstes auf dem hiesigen Rathaus ebenso unehrlich erscheine, wie dessen Politik im Landtag. Kamm stellte überdies den Antrag, „gegen Bezirksnotar Vögele Strafantrag wegen Beleidigung des Gemeinderats zu stellen“, da er den Gemeinderat der Begünstigung der Hurerei und des Ehebruchs bezichtigt habe. Der Vorsitzende und andere Gemeinderäte raten dringend davon ab, sodaß GR. Kamm seinen Antrag zurückzieht.“ Bevor die Sitzung fortgesetzt wurde, gab es erst einmal eine Pause, um die Gemüter zu beruhigen.

Friedhofsmauer genauso teuer

Übrigens: Die Kosten für die Errichtung der Badeanlage waren mit 1800 Mark nicht unermesslich hoch. In der gleichen Sitzung beschloss der Gemeinderat nämlich, dass „am Haupteingang zu dem neuen Friedhof entlang der Zufahrtsstraße in Länge von 80 Meter eine Einfriedungsmauer in Beton ausgeführt werden soll“. Die Arbeit wurde zum billigsten Angebotspreis von 1882,50 Reichsmark an Maurermeister Schieck übertragen.