Schorndorf

Friseurin Antonia Kalpakidou: Akkordarbeit vorm Lockdown

Kalpakidou House of Hairs
Antonia Kalpakidou (r.) hatte sich sehr aufs so notwendige Weihnachtsgeschäft gefreut. © Gabriel Habermann

„Gerade das Weihnachtsgeschäft ist so wichtig für uns!“, sorgt sich Antonia Kalpakidou. Die Inhaberin des „House of Hair“ hat schon wegen des Frühjahrs-Lockdowns aufs Ostergeschäft verzichten müssen - und jetzt noch das. Das Damoklesschwert „coronabedingte Betriebsschließung“ schwebt erneut über der Friseurbranche.

Schon vor Monaten haben ihre Kundinnen die Termine für den finalen Haarschnitt des Jahres fix gemacht. Immerhin will jeder gut frisiert unterm Christbaum sitzen. Friseurtermine im Dezember sind traditionell Mangelware. Und so bimmelt das Telefon in einem fort. Seit durchgesickert ist, dass der Rems-Murr-Kreis wegen seiner anhaltend hohen Inzidenzzahlen zum Hotspot erklärt werden könnte, wollen alle ihre Termine vorverlegen. Schnell noch schick machen vor dem Lockdown.

Gleiche Arbeitszeiten, weniger Kunden

Erst vor vier Jahren hat sich Kalpakidou mit ihrem „House of Hair“ in die Selbstständigkeit gewagt. Gerade hatte sie so richtig Fuß gefasst, hat sich der Kundenstamm gefestigt, da kam im März der erste Lockdown. Wirtschaftlich eine große Katastrophe. Dann folgte die lange Phase des Arbeitens unter zahlreichen Maßnahmen. „Wir haben uns immer ganz streng an alles gehalten.“ Das war der Friseurmeisterin wichtig. Das bedeutete aber auch: Weniger Kunden in derselben Arbeitszeit, weniger Einnahmen bei gleichbleibenden Kosten – Personal und Miete wollen weiterhin bezahlt werden.

Häufige Terminabsagen

Auch das angeschlossene Kosmetikstudio ist weiterhin geschlossen. Dazu kommt die Angst der Kunden. „Viele sagen bei ein wenig Kopfschmerzen gleich ihren Termin ab, weil sie niemanden anstecken wollen.“ Das findet sie auch richtig. Schließlich sei ihr ein verantwortungsvoller Umgang mit der Pandemie wichtig. Aber es hat eben auch eine für sie spürbare Auswirkung: Weitaus häufiger als früher gibt es spontane Lücken im Terminkalender – und die bedeuten eines: weitere Einnahmeausfälle. Eine neue Betriebsschließung würde die Bilanz des Jahres weiterhin schmälern. Antonia Kalpakidou ärgert sich darüber, dass sie, die sich peinlichst genau an alle Regeln gehalten hat, dann für die Nachlässigkeiten anderer zahlen muss. Derjenigen, die sich nicht um die Maßnahmen scherten und so für weitere Ausbrüche gesorgt hatten.

Trotzdem. Den Kopf in den Sand zu stecken, das kommt für die Friseurmeisterin nicht infrage. Stattdessen investierte sie im Frühjahr: Sie renovierte, besorgte Desinfektionsmittel, Masken und einen Pavillon. Darin schnitten sie und ihre Mitarbeiter im Sommer sogar Haare. Jetzt, im Winter, dient er nur als Wartebereich, falls mal nicht ausreichend Platz im Salon ist. Das aber komme kaum vor. Schließlich vergebe Kalpakidou ihre Termine großzügig, so dass sich nicht zu viele Menschen gleichzeitig treffen.

Finanzielle Verpflichtungen bleiben, Einnahmen drastisch gesunken

Bei aller Sorge vor einem erneuten harten Lockdown haben sie und ihre Mitarbeiter eines beschlossen: Sie wollen ihre positive Einstellung unter keinen Umständen aufgeben. „Das bekommen die Kunden ja mit“, weiß die junge Frau. Diese eine Stunde beim Friseur täte ihren Kunden stets so gut. „Gerade in dieser Zeit ist das doch so wichtig, dass man sich mal wohlfühlen kann.“ Und bei einem ist sie sicher: Wohlgefühl – das fängt auf dem Kopf an.

Max Heinzmann, Geschäftsführer von „Bernd Frisuren“ hat eine klare Haltung: „Lieber im Januar einen Monat lang einen harten Lockdown, als jetzt noch monatelang so halbgar weitermachen.“ Schließlich hat auch er in seinen acht Friseursalons im Umkreis weiterhin alle Mieten zu begleichen. Dazu kämen bei großen Betrieben auch noch andere Verpflichtungen – Darlehen beispielsweise, die abzuzahlen sind, dazu andere Fixkosten, die Monat für Monat anfallen. Je größer ein Betrieb, umso mehr müsse investiert werden. Seit Mai bezahlt er seine Mitarbeiterinnen auch wieder zu hundert Prozent. Gleichzeitig aber ist der Umsatz eben nicht mehr der gleiche wie vor der Pandemie.

Wenn auch in den ersten eineinhalb Monaten nach der Wiederöffnung die Kunden in Scharen gekommen waren, um das über Wochen gewachsene Desaster auf dem Kopf in den Griff zu bekommen. Dann allerdings wurde es schnell spärlicher. Viele Kunden trauten sich noch immer nicht so recht in die Salons, obwohl Heinzmann von der Sicherheit der Maßnahmen in seiner Branche überzeugt ist. Nicht ein Ansteckungsfall bei einem Friseur sei ihm bekannt. Aber noch etwas: „Man merkt, dass Corona im Geldbeutel der Leute angekommen ist.“

Weniger Kunden, weniger Trinkgeld

Oft habe er Kundschaft auf dem Frisierstuhl sitzen, die davon berichtet, angesichts von Kurzarbeit und Home-Office auf nicht dringend Notwendiges zu verzichten. Auf maximal 60, eher 50 Prozent dessen, was er in den Vorjahren eingenommen hat, kommt Heinzmann in diesem Corona-Jahr, so schätzt er. Und seine Mitarbeiterinnen hätten dementsprechend auch weniger Einnahmen durchs Trinkgeld – beim durchschnittlichen Friseurgehalt ist das aber eine wichtige Größe, weiß Heinzmann. Bis zuletzt hatten er und seine 45 Mitarbeiterinnen noch aufs Weihnachtsgeschäft gehofft – schließlich ist das die beste Zeit in seiner Branche.

Wer mit Domenik Sardella vom Barber-Shop „Rockabillys und Gents“ spricht, bekommt Wütendes zu hören. Er ist genervt davon, wie uneinheitlich die behördlichen Anordnungen zu den Corona-Maßnahmen festgelegt wurden. Auch, dass nur zwei Wochen nach einer Verordnung schon wieder andere Regeln gelten sollen, die zuvor nicht einmal angedacht waren – das stört ihn sehr. Er zweifele die Verhältnismäßigkeit der Maßnahmen an. An den Bushaltestellen, wo sich morgens die Fahrgäste dicht drängen, sehe er beispielsweise tatsächlich eine Infektionsgefahr - aber bei den Friseurläden mit ihren ausgeklügelten Hygienemaßnahmen nicht. Dennoch müssten sie sich nun aber wieder auf eine Schließung gefasst machen, während das Gedränge in den öffentlichen Verkehrsmitteln weiterhin erlaubt sei. Für ihn unverständlich. Zumal Friseure noch im Frühsommer als systemrelevant eingestuft worden waren.

„Gerade das Weihnachtsgeschäft ist so wichtig für uns!“, sorgt sich Antonia Kalpakidou. Die Inhaberin des „House of Hair“ hat schon wegen des Frühjahrs-Lockdowns aufs Ostergeschäft verzichten müssen - und jetzt noch das. Das Damoklesschwert „coronabedingte Betriebsschließung“ schwebt erneut über der Friseurbranche.

Schon vor Monaten haben ihre Kundinnen die Termine für den finalen Haarschnitt des Jahres fix gemacht. Immerhin will jeder gut frisiert unterm Christbaum sitzen.

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