Schorndorf

Gartenschau: Entscheidung über "weiße Häuser" vertagt

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Gartenschau © Gemeinde Remshalden; Bearbeitung

Remshalden. Mal wieder wenig freundliche Worte sind im Remshaldener Gemeinderat in Richtung Gartenschau GmbH gefallen. Es ging um die Landmarken, zuvor auch „weiße Häuser“ genannt, die die 16 Gartenschau-Kommunen verbinden sollen. Die Entscheidung darüber hat der Gemeinderat jetzt vertagt. Leise Hoffnung besteht jedoch wieder für die bereits totgesagte Kanuroute.

Viel wird derzeit davon gesprochen, dass wir im postfaktischen Zeitalter leben. In einer Zeit also, in der die Gefühle und nicht faktenorientiertes Denken gesellschaftliche Diskussion und Handeln bestimmen. Daran fühlte sich ALi-Gemeinderätin Ursula Zeeb bei der Debatte im Remshaldener Gemeinderat über die für die Remstal-Gartenschau angedachten 16 „Landmarken“ erinnert. „Wir diskutieren auch postfaktisch, rein auf der emotionalen Ebene“, stellte sie fest und meinte: „Das ist keine gute Ebene für so eine Entscheidung.“

Eine Entscheidung fiel denn am Ende auch nicht. Der Gemeinderat vertagte das Thema mit großer Mehrheit bei vier Gegenstimmen. Zuvor hatten die interkommunalen Landmarken jedoch im Gremium kaum Fürsprecher gefunden. Daniela Svecak, die Beauftragte für die Gartenschau im Remshaldener Rathaus hatte noch für die Zustimmung geworben. „Ich glaube, dass wir mit diesen Projekten überregional ein Aufmerksamkeitssignal senden“, sagte sie.

Bauwerke als verbindendes Element der 16 Gartenschau-Kommunen

Kurz zusammengefasst geht es bei den „Landmarken“ darum, mit Bauwerken eine Verbindung zwischen den 16 beteiligten Gartenschau-Kommunen zu schaffen, so fasst die Beratungsvorlage für den Gemeinderat zusammen, ein „unverwechselbares Merkmal“ für den Landschaftspark Remstal mit „Wiedererkennungseffekt“. Zunächst war von „weißen Häusern“ die Rede, inzwischen geht es offener um „Stationen“.

Der Landschaftsarchitekt Christoph Luz, der sich das Konzept mit ausgedacht hat, spricht von „gestalterisch und architektonisch unterschiedlichsten Denk-, Schutz-, Informations- oder ähnlichen Räumen in einer gemeinsamen und einheitlichen hellen Farbgebung“. Dazu sollen 16 der „besten Architekten Deutschlands“ beauftragt und diese den jeweiligen Kommunen zugelost werden. Der Verband Region Stuttgart hat eine Förderung von bis zu zwei Millionen Euro in Aussicht gestellt, will aber erst über die Förderhöhe entscheiden, wenn das fertige Konzept vorliegt.

Im Raum stehen Kosten von 70 000 Euro

Für Remshalden stehen – die möglichen Zuschüsse nicht eingerechnet – Kosten von 70 000 Euro im Raum. Die Verwaltung hat für die Landmarke einen Standort oberhalb des bereits gepflanzten Schauweinbergs am Gartenschaugelände zwischen Weltgarten und Grunbacher Kelter ausgewählt.

Doch dem Konzept schlug aus dem Gemeinderat heftiger Gegenwind entgegen. Die Idee an sich, so FW/FDP-Rätin Sigrid Pressel, könnte ihr gut gefallen. Aber: „Die Art und Weise, wie sie umgesetzt und durchgedrückt wird, missfällt mir ganz besonders.“ Wenn man andere begeistern wolle, dann müsse man diejenigen „von Anfang an mitnehmen“. Der Führung der Gartenschau GmbH, die die verbindenden, überregionalen Elemente für 2019 plant, warf sie Intransparenz vor. Das Landmarken-Konzept bezeichnete Pressel als „Schlag ins Gesicht unserer hiesigen Architekten“, die doch im Gegensatz zu auswärtigen „Stararchitekten“ am besten wüssten, „was ihre Heimat ausmacht“.

"Spielverderber", wer nicht zustimmt

Andere schlossen sich dem an. „Hier Geld auszugeben und beim Kleinspielfeld knausern zu wollen, das ist für mich undenkbar“, sprach SPD-Rätin Margret Single die Vorbehalte an, die Teile des Gemeinderats gegen die Investition in ein Kleinspielfeld für den neuen Schul-Campus in Geradstetten haben. Dieses war zuvor in der Sitzung Thema gewesen. Uli Hasert (BWV) bezeichnete die Situation als ein „Dilemma“. Einerseits wolle man mitmachen bei der Gartenschau, andererseits könne er nicht 70 000 Euro für „trojanische Pferde“ freigeben, von denen er nicht wisse, wie sie aussehen, und gleichzeitig keine 70 000 Euro „für unsere Kinder“ übrig haben. Wolfgang Läpple (CDU) fühlte sich einem Druck ausgesetzt, als „Spielverderber abgestempelt“ zu werden, wenn man nicht zustimme.

Breiter wirbt für Zustimmung zum Landmarken-Konzept

Bürgermeister Stefan Breiter gab zunächst allen Bedenken und Kritikpunkten der Gemeinderäte recht: „Alles, was Sie sagen, kann ich zu 100 Prozent unterstreichen.“ Er warb dann aber dennoch für eine Zustimmung zum Landmarken-Konzept. Man müsse abwägen zwischen der nötigen Sparsamkeit in Bezug auf die angespannte Haushaltslage und dem Image-Schaden, der auf die Gemeinde bei einer Verweigerungshaltung zukommen könnte. Er appellierte: „Wir sollten doch mal den Mut haben, dass ein Architekt von außen auf uns guckt. Das kann eine Gefahr, aber auch eine Chance sein.“ Man müsse überlegen, wie so eine Landmarke in Form eines Hauses einen Nutzen bekommen könnte. Trauungen im Gartenschau-Jahr schweben ihm vor, eine Integration ins Wanderkonzept oder eine Nutzung als Jugend-Treffpunkt.

Die Kanu-Route ist wieder im Rennen

Eine ganz andere Stoßrichtung schlug BWV-Rat Roland Schanbacher ein. Er brachte die Kanu-Route wieder zurück aufs Tablett, die der Gemeinderat kürzlich mit knapper Mehrheit für Remshalden abgelehnt hatte. „Wir bedauern sehr, dass wir hier ausgestiegen sind“, sagte Schanbacher für seine Fraktion. Harald Bay (SPD) nahm den Ball auf. „Ich kann mir nicht vorstellen, dass wir uns total rausschießen, das können wir nicht machen“, sagte er. Seine Meinung: lieber die Kanuroute als die Landmarken. Deswegen stellte er den Antrag auf Vertagung der Entscheidung. Diese solle man erst treffen, wenn man sich bei der kommenden Klausur des Gemeinderats am Wochenende interfraktionell beraten habe. So wurde es denn auch beschlossen. Fortsetzung folgt.


Remshalden ist nicht die einzige Gartenschau-Gemeinde, in der die Entscheidung zu den „Landmarken“ genannten Bauwerken nicht auf Anhieb fällt. In Korb hat der Gemeinderat das Thema ebenfalls vertagt. Ansonsten, so berichtet Thorsten Englert, Geschäftsführer der Remstal Gartenschau GmbH, hätten alle Gremien in den Kommunen zugestimmt.

Bis auf Winterbach: Hier war das Thema noch nicht öffentlich auf der Tagesordnung des Gemeinderats, wurde aber laut Bauamtsleiter Rainer Blessing hinter verschlossenen Türen besprochen. Dabei sei die Stimmung „überwiegend positiv“ gewesen.

Thorsten Englert gibt zu: „Es gehört Mut und Vertrauen dazu.“ Er wirbt jedoch genau um dieses Vertrauen. Die Gemeinderäte sollten davon ausgehen, sagt er, dass die Gartenschau-Geschäftsstelle, gemeinsam mit der Kuratorin, der Stuttgarter Architektin Jórunn Ragnarsdóttir, „gute Leute aussucht, die sensibel dieses Thema angehen und auch zur Zufriedenheit der Kommunen mit diesen abstimmen werden“.

Die Kritik aus Remshalden, der Gemeinderat bekomme ein Konzept vorgesetzt, ohne vorher informiert und mitgenommen worden zu sein, weist Thorsten Englert zurück. Das Projekt der Landmarken sei in der Gesellschafterversammlung Gartenschau GmbH von allen Bürgermeistern beschlossen worden. Auch die Kosten von 70 000 Euro abzüglich der möglichen Zuschüsse seien da schon festgestanden.

Er könne nicht mit jedem einzelnen Gemeinderat in 16 Kommunen persönlich sprechen, so Englert: „Vieles ist auch in den Gemeinden ein Kommunikations- und Informationsthema. Wir haben immer informiert.“ Englert verweist unter anderem auf ein vierseitiges Papier, das allen Gemeinderäten im Gartenschau-Beirat vorliegt, und in dem das Landmarken-Konzept skizziert ist.


Es fehlt der Mut

Kommentar von Reinhold Manz

Auch wenn die Remshaldener Gemeinderäte ihre Ablehnung der interkommunalen Landmarken als mutigen Widerstand gegen die öffentliche Meinung ansehen – umgekehrt betrachtet ist sie das Gegenteil von mutig.

Aus Sicht der Gemeinderäte sind Skepsis und Ärger in gewissen Punkten vielleicht nachvollziehbar. Gleiches gilt generell für finanzielle Abwägungen. Nicht nachvollziehbar ist jedoch die Grundhaltung, die sich (nicht nur, aber besonders) in Remshalden Bahn bricht.

Die Landmarken lehnen Teile der Remshaldener Räte unter anderem deswegen ab, weil hier auswärtige Architekten beauftragt werden sollen und keine aus dem Remstal. Das, mit Verlaub, ist kleingeistig und provinziell.

Eine Gartenschau, man kann es nicht oft genug sagen, funktioniert nicht nur mit vielen kleinen lokalen Projekten. Niemand kommt von weit her, um sich eigens einen Schauweinberg oder einen Baumlehrgarten anzuschauen. Nicht falsch verstehen: Es gibt in Remshalden und anderswo auf lokaler Ebene tolle Projekte, die durch die beachtliche Beteiligung und das Engagement von Bürgern und Vereinen getragen sind. Aber: Wer auch überregional für Aufsehen sorgen und Menschen anlocken will, der muss ihnen etwas bieten, das besonders, wenn nicht sogar einzigartig ist, etwas, das über die Grenzen des Remstals hinausstrahlt.

Die Gartenschau braucht beides: lokale Perlen genauso wie die Strahlkraft von Leuchtturmprojekten. Das könnten die 16 Landmarken sein, die „weißen Häuser“, „Stationen“ oder wie auch immer sie dann einmal heißen, wenn sie von namhaften Architekten aus ganz Deutschland gestaltet sind.

Klar, ein bisschen ist das Ganze eine Wundertüte. Es braucht Mut, sich auf ein derzeit noch etwas vages Konzept einzulassen und auf die Gestaltungskraft eines noch nicht bekannten Architekten zu vertrauen. Aber ohne eine Portion Mut bekommt man keine aufsehenerregende Gartenschau.

Es war von Beginn an ein Wagnis, diesen Weg einzuschlagen und mit der interkommunalen Schau etwas anzugehen, das so noch niemand vorher gemacht hat. Etwas zudem, bei dem man sich sicher grundsätzlich fragen kann, ob das Remstal es überhaupt braucht. Aber die 16 Kommunen haben diesen Weg eingeschlagen, es gibt kein Zurück. Über die nötigen Konsequenzen hätte sich jeder vorher im Klaren sein sollen.