Schorndorf

Gefährliche Körperverletzung: Haftstrafen für zwei Algerier

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Symbolbild. © Ramona Adolf

Schorndorf/Welzheim. Erst mussten zwei in der Obdachlosenunterkunft in Welzheim lebende Algerier von der Polizei geholt werden, weil sie nicht freiwillig zum Gerichtstermin in Schorndorf erschienen waren. Und dann wurden sie in Polizeibegleitung weggebracht, weil Richterin Petra Freier die beiden 38 und 24 Jahre alten und zum wiederholten Male wegen gefährlicher Körperverletzung angeklagten Männer zu Freiheitsstrafen von knapp zwei Jahren verurteilt hatte – jeweils ohne Bewährung.

Er sei krank und es gehe ihm überall schlecht, klagte der bei insgesamt schon neun Vorstrafen, die er sich seit Anfang 2015 eingehandelt hat, unter zweifacher Bewährung stehende 38-Jährige in der nachmittäglichen Verhandlung, nachdem er sich bereits am Vormittag wegen des unerlaubten Erwerbs von Betäubungsmitteln und wegen eines Messerangriffs auf einen Mitbewohner in der Welzheimer Unterkunft hatte verantworten müssen. „Wir beeilen uns“, reagierte die Richterin entspannt – wohlwissend, dass Eile in diesem Fall weder möglich noch angemessen war. Zu lang war das Sündenregister, das der Staatsanwalt den beiden Angeklagten vorhielt, zu groß die Anzahl der geladenen Zeugen, die es brauchte, weil sich die beiden Algerier selber weitgehend in Schweigen hüllten oder sich darauf beriefen, sich alkohol- und medikamentenbedingt an nichts erinnern zu können.

Bedrohung mit einem Brotmesser

Vor den gegen beide gerichteten Tatvorwürfen wurden die Algerier noch mit jeweils von einem allein begangenen Taten konfrontiert. Dabei hatte der 38-Jährige insofern Glück, als ein vor seiner letzten Verurteilung liegendes Verfahren, in dem es um Beleidigung und Widerstand gegen Polizeibeamte in der Stuttgarter Klettpassage ging, eingestellt wurde. Im Gegensatz dazu ging es bei dem ebenfalls unter Bewährung stehenden 24-Jährigen bei einem Vorfall, bei dem er nach einer vorausgegangenen Auseinandersetzung in einem Welzheimer Café einem Rettungsassistenten in einem Rettungswagen ein Brotmesser mit einer 25 Zentimeter langen Klinge vor den Bauch gehalten hat, nur noch um die Frage, ob dieser vom in kontrollierter Selbstverteidigungstechnik geschulten Rettungsassistenten abgewehrte Angriff als versuchte gefährliche Körperverletzung oder „nur“ als Bedrohung zu werten sein würde. Eine Frage wiederum, die sich nicht stellte bei einem anderen Vorfall, bei dem der Angeklagte in der Welzheimer Unterkunft nach einer verbalen Ausseinandersetzung mit einer Bastelschere auf einen Mitbewohner losging. Auch in diesem Fall konnte die laut Anklage von oben geführte Stichbewegung abgewehrt werden, wobei sich der Geschädigte nur eine leichte Wunde an der Handinnenfläche zuzog.

Geschädigter mit 2,3 Promille

Eine Woche später ging es dann auf dem Welzheimer Kirchplatz rund. Wobei es danach zunächst gar nicht aussah, weil die beiden Angeklagten auf dem Weg in besagtes Café eine Gruppe von jungen Männern, von der einen oder anderen wechselseitigen Provokation abgesehen, unbehelligt ließen. Anders sah’s aus, nachdem die beiden Algerier aus der Kneipe geflogen waren, weil sie wieder einmal versucht hatten, die Zeche zu prellen. Bei der zweiten Begegnung mit der Welzheimer Gruppe, die verbal deutlich aggressiver abgelaufen sein soll, schnappten sich die beiden Angeklagten einen 18-Jährigen, bei dem später ein Blutalkoholwert von 2,3 Promille gemessen wurde, versetzten ihm mehrere Faustschläge ins Gesicht und traten dann mehrfach auf den am Boden Liegenden ein, wobei die Tritte sowohl in Richtung Bauch als auch in Richtung Kopf des 18-Jährigen gegangen sein sollen. Ein Angriff, den beide Pflichtverteidiger in ihren späteren Plädoyers als minderschweren Fall eingestuft sehen wollten – zum einen wegen der vorausgegangen Provokationen, zum anderen, weil die Tritte mit Turnschuhen an den Füßen ausgeführt worden seien und der Geschädigte eigenen Angaben zufolge unverletzt geblieben sei. Er habe „wenig abgekommen und selber wahrscheinlich auch ausgeteilt“, sagte der 18-Jährige als Zeuge vor Gericht. Und die Richterin wunderte sich: „Juckt es Sie denn gar nicht, wenn sie zusammengeschlagen werden?“ Die Antwort: ein Achselzucken.

Eine „ungeheuer mutige“ Frau

„Ja, wenn es nur dabei geblieben wäre“, stellte in seinem Plädoyer Dr. Max Klinger, der Pflichtverteidiger des Angeklagten resignierend fest. Ist es nämlich nicht. Denn im nahegelegenen Café war eine 39-jährige Frau, obgleich ebenfalls schon erheblich alkoholisiert – bei ihr wurde später ein Blutalkoholwert von 1,2 Promille gemessen – auf die Auseinandersetzung auf dem Kirchplatz aufmerksam geworden und war zu dem am Boden liegenden 18-Jährigen geeilt und hatte versucht, ihn an einer Treppe am Hintereingang der Kirche in Sicherheit zu bringen. Zwischenzeitlich schlug der 38-Jährige einer Bierflasche den Boden ab und näherte sich der Frau, die sich schützend über den bereits malträtierten 18-Jährigen beugte, dafür aber selber zur Zielscheibe der Angriffe der beiden Algerier wurde. Inwieweit dabei die Flasche als Wurfgeschoss oder Schlagwerkzeug eingesetzt wurde und inwieweit der 24-Jährige in diesen Vorfall involviert war, konnte im Nachhinein nicht genau ermittelt werden, sehr wohl aber, dass die 39-Jährige so massiv mit den Händen geschlagen und mit den Füßen getreten worden ist, dass sie sich unter anderem eine Schädelprellung zuzog. Und sicher ist, dass der 24-Jährige, bevor die Polizei eingreifen konnte, noch einen metallenen Mülleimer in Richtung eines Zeugen warf, der den 38-Jährigen von der Frau weggezogen hatte. Jagdszenen in Welzheim also, und eine Frau, die Richterin Petra Freier als „ungeheuer mutig“ bezeichnete, weil es gerade für eine Frau alles andere als selbstverständlich sei, sich in eine solche Auseinandersetzung einzumischen. Die beiden 19- und 21-jährigen Freunde des zusammengeschlagenen 18-Jährigen jedenfalls haben nicht oder erst sehr spät eingegriffen. „In so einer Situation kann man nicht nachdenken“, erklärte die Frau ihr Verhalten und nahm die Entschuldigungen der Angeklagten („In dem Moment wusste ich nicht, was ich tue“), zu denen ihnen ihre Pflichtverteidiger geraten hatten, an und gab den beiden Algeriern noch einen guten Rat: „Wenn man sich an so etwas nicht mehr erinnert, wird’s Zeit, dass man sein Leben ändert.“

Missbrauchtes Gastrecht

Wenn es dazu nicht schon zu spät ist. Denn noch vor der Urteilsverkündung von Petra Freier postierten sich mehrere Polizeibeamte im Saal, und spätestens da dürfte den beiden Angeklagten klargeworden sein, dass ihr Wunsch, auf keinen Fall ins Gefängnis zu kommen, nicht in Erfüllung gehen dürfte. Wobei, nachdem der Staatsanwalt für beide Angeklagte eine zweijährige Freiheitsstrafe gefordert und deutlich gemacht habe, dass es bei beiden nichts gebe, was für eine weitere Bewährung spreche, auch Max Klinger seinem Mandanten keinerlei Hoffnungen auf eine erneute Haftverschonung gemacht hatte. So viel Vorstrafen innerhalb weniger Jahre, das seien „massive Verstöße gegen die Verpflichtungen, die sie als Gast in unserem Land haben“, sagte Klinger. Dazu kämen Kollateralschäden in der Form, dass Asylbewerber unter Generalverdacht gestellt werden. Die Richterin schloss sich dieser Einschätzung ohne Abstriche an: „Sie leben hier und wollen Asyl und missbrauchen ihre Gastrechte in höchstem Maße“, sagte sie und schrieb den beiden ins Stammbuch: „Auf eine Frau einzuschlagen, geht schon mal gar nicht.“ Und weil sie auch in keinem der Anklagepunkte einen minderschweren Fall erkennen konnte, verurteilte sie die beiden Angeklagten jeweils zu einer Freiheitsstrafe von einem Jahr und elf Monaten. Und wegen Fluchtgefahr ordnete sie die Festnahme der beiden Algerier noch im Gerichtssaal an. Für den 38-Jährigen bedeutet das, dass, je nachdem, wann er abgeschoben wird, bei ihm noch einmal eineinhalb Jahre Haft aus den beiden offenen Bewährungen dazukommen.

Biografisches zu den beiden Angeklagten

Früheren Gerichtsakten zufolge ist der 38-jährige Algerier, der seine Familie (Vater, Mutter und sieben Geschwister) im Alter von 24 Jahren verlassen hat, über Marokko, Spanien und Belgien nach Deutschland eingereist. Angeblich hat er 2010 in Belgien einen Suizidversuch unternommen, indem er sich aus dem dritten Stock eines Hauses gestürzt hat. Anschließend ist er eigenem Bekunden zufolge wegen der besseren medizinischen Versorgung nach Deutschland weitergereist. Er konsumiert regelmäßig Drogen und Alkohol, leidet, wiederum eigener Aussage zufolge, an Epilepsie sowie an Stress- und Angstanfällen und befindet sich deshalb in psychiatrischer Behandlung. Ein erster Asylantrag wurde abgelehnt, woraufhin er ein Wiederaufnahmeverfahren beantragt hat. Sein derzeitiger Aufenthaltsstatus beruhe auf einer Duldung, sagte er auf die Frage der Richterin.

Sein 24-jähriger Landsmann ist das erste Mal 2008 über die Türkei, Griechenland, Frankreich und die Schweiz nach Deutschland gekommen. Vier seiner Geschwister leben in Frankreich. Er ist, wie er auf Nachfrage von Petra Freier bestätigte, nach muslimischem Recht verheiratet und hat in der Schweiz eine fünfjährige Tochter, zu der er auch Kontakt habe. Sein Asylantrag sei immer noch offen, sagte der 24-Jährige, der 2014 wegen unerlaubter Einreise zu einer Geldstrafe verurteilt worden ist auch schon eine zu zwei Dritteln eine 15-monatige Haftstrafe wegen Verstoßes gegen das Betäubungsmittelgesetz verbüßt hat. Auch er machte vor Gericht psychische Probleme geltend, und erklärte seinen Anspruch auf eine Bewährungsstrafe so: „Ich nehme Medikamente, deshalb können Sie mich nicht in Haft schicken.“ Vom Alkohol aber sei er weg – was ihm Petra Freier aber nicht abnahm.