Schorndorf

Gegen jede Chance: Schorndorfer erkämpft sich nach dem Koma sein Leben zurück

Felitec
Oliver Raach (rechts) gemeinsam an seinem Arbeitsplatz mit Felitec-Geschäftsführer Felix Liehr. © ALEXANDRA PALMIZI

Im Jahr 2005 veränderte sich das Leben von Oliver Raach für immer. Nach einem Autounfall lag er wochenlang im Koma, erlitt mehrere Hirnblutungen, ein Schädel-Hirn-Trauma und zahlreiche weitere Verletzungen. Die Folge: Oliver Raach konnte weder laufen, sprechen noch denken. Mit enormer Willensstärke und mit Hilfe von Therapien hat er sich zurück ins Leben gekämpft und wieder den Weg ins Berufsleben gefunden.

„Aus ärztlicher Sicht war ich ein hoffnungsloser Fall“, erinnert sich Oliver Raach an die Zeit nach seinem schweren Unfall. Der ärztliche Leiter der Schmieder Klinik in Stuttgart habe ihm damals gesagt, dass nur 0,1 Prozent aller Menschen ein solches Krankheitsbild überleben. Mit Hilfe von Therapien in der Klinik und eigens entwickelten Methoden schaffte er es, wieder sprechen, laufen und denken zu können. Er erklärt: „Die Funktionen der kaputten Hirnareale können bei individuell den Einschränkungen angepasstem Training die gesunden Hirnareale übernehmen.“

Oliver Raach hilft heute betroffenen Menschen, zurück ins Leben zu finden

Aus seiner Erfahrung heraus entwickelte Raach ein Sieben-Säulen-Modell namens „Train the Brain like ORA“ für Menschen mit sichtbaren und unsichtbaren Behinderungen. Sein Wissen und seine Erfahrungen gibt er gerne an Betroffene jeden Alters weiter und hilft diesen zurück ins Leben.

Oliver Raach hat sich sogar so weit von den Folgen seines schweren Unfalls erholt, dass er wieder arbeiten kann. Genauer gesagt als CSR- und Kommunikationsdirektor beim Schlichtener Unternehmen Felitec. Dieses hat sich auf Fahrzeugumbauten für Menschen mit Behinderung spezialisiert – vom Lenkraddrehknauf bis hin zu Rollstuhl-Verladesystemen. Bei seiner Arbeit verbreitet er unter anderem Fachberichte über die Produkte von Felitec und ist deutschlandweit der erste Gerichtssachverständige für staatliche Bezuschussungen in diesem Bereich.

In seiner Freizeit engagiert er sich ehrenamtlich für Menschen mit Behinderung in öffentlichen Gremien. Dafür wurde er unter anderem schon mit dem Motivationspreis der Stiftung Deutsche-Schlaganfall-Hilfe ausgezeichnet und erhielt die Auszeichnung für sein Lebenswerk beim Großen Preis des Mittelstandes.

Doch trotz seiner höchst erfolgreichen Genesung muss Oliver Raach den Arbeitsalltag anders angehen als vollkommen gesunde Leute. „Hier setze ich vor allem auf Timothy Ferris' Strategie der Vier-Stunden-Woche“, berichtet er. Denn in der Arbeitswelt zähle nicht die Anwesenheit, sondern die Leistung. „Mit fachübergreifendem, vorausschauendem Denken und dem richtigen strategischen Handeln ist vieles in weniger als der Hälfte der vorgegebenen Zeit zu schaffen“, sagt der Kommunikationsdirektor.

Inklusion am Arbeitsplatz ist viel mehr als ein höhenverstellbarer Schreibtisch

Genau solche angepassten Arbeitsvoraussetzungen fallen unter das große Thema Inklusion am Arbeitsplatz. Denn Menschen mit Hirnverletzungen können aufgrund ihrer Aufmerksamkeits-, Konzentrations- oder Ausdauerdefizite nur deutlich kürzer arbeiten als die üblichen acht Stunden pro Tag. Leistungsfähig sind sie aber allemal.

Inklusion am Arbeitsplatz muss für Menschen mit ähnlichen Einschränkungen wie der von Oliver Raach nämlich ganz anders umgesetzt werden als üblich. Ein reiner barrierefreier Zugang zum Arbeitsplatz und ein höhenverstellbarer Schreibtisch reichen nicht aus. Auch die Probleme, die im Alltag auftreten können, sind anders. Oliver Raach berichtet von den sogenannten kognitiven Dissonanzen, die insbesondere bei der Zusammenarbeit von hirnverletzten und nicht behinderten Kollegen entstehen. Das sind unangenehme Gefühlszustände, die entstehen, wenn man mehrere Eindrücke hat, die nicht miteinander vereinbar sind.

Denn um in der Arbeitswelt zu bestehen, müssen Hirnverletzte aufgrund ihrer eingeschränkten Reizverarbeitung gezielt visuelle und akustische Irritationen vermeiden und mehrere Pausen einhalten.

Ebenso muss Stress durch eine penible Koordination und das Einhalten eines Arbeitsrhythmus vermieden werden. Realisiert ein Unternehmen solche Rahmenbedingungen, spricht laut Oliver Raach überhaupt nichts dagegen, Hirnverletzte als vollwertige Teilzeitkräfte einzustellen. „Diese haben durchaus die Fähigkeit, über den Tellerrand hinauszublicken, und das Talent fürs Wesentliche mit strategisch-formidablem Weitblick. Einige verfügen sogar über Inselbegabungen, die dem Unternehmen äußerst dienlich sind“, sagt der Felitec-Kommunikationsdirektor.

Gesunde Menschen können den langen Weg zurück ins Leben nicht nachvollziehen

Arbeiten die Mitarbeiter mit Einschränkung aber sehr erfolgreich, treten beim ein oder anderen gesunden Mitarbeiter schleichend kognitive Dissonanzen auf. Viele stellen sich laut Raach irgendwann die Frage: „Warum schafft dieser Hirnverletzte, dieser Behinderte, in kürzerer Zeit eine auf großem Ideenreichtum basierende Arbeitsqualität als ich selbst?“ Folgen der inneren Widersprüche seien Neid, Missgunst und Mobbing – das Gegenteil von Inklusion und Teilhabe.

Deshalb plädiert Oliver Raach, der diese Probleme gut kennt und am eigenen Leib erfahren hat, für mehr Akzeptanz und Sensibilität gegenüber Menschen mit Hirnverletzungen. Denn Inklusion kann nur funktionieren, wenn auch die Barrieren in den Köpfen überwunden werden. Die meisten gesunden Menschen können mangels Erfahrung nicht nachvollziehen, wie schwer der Kampf zurück ins Leben für kognitiv behinderte Menschen war. Diese Wiederherstellung der Hirnaktivität führt laut Oliver Raach zu einem überdurchschnittlich guten Durchhaltevermögen und Engagement. Das sei wissenschaftlich bewiesen.

Ebenfalls seien sie oft empathischer als andere Menschen. Sie bevorzugen es, im „Hintergrund“ zu arbeiten, und sind zurückhaltender. Kollegen legen dies aber schnell als Schwäche aus. Oliver Raach sagt: „Ich wünsche allen Betroffenen viel Kraft bei der Bewältigung von psychischen Auswirkungen einer kognitiven Dissonanz aus dem Kollegenkreis und würde mich sehr freuen, wenn Behindertenbeauftragte und Geschäftsführungen von Unternehmen gemeinsam eine Lösung im Sinne des Wohles aller Beteiligten finden und verwirklichen.“

Im Jahr 2005 veränderte sich das Leben von Oliver Raach für immer. Nach einem Autounfall lag er wochenlang im Koma, erlitt mehrere Hirnblutungen, ein Schädel-Hirn-Trauma und zahlreiche weitere Verletzungen. Die Folge: Oliver Raach konnte weder laufen, sprechen noch denken. Mit enormer Willensstärke und mit Hilfe von Therapien hat er sich zurück ins Leben gekämpft und wieder den Weg ins Berufsleben gefunden.

„Aus ärztlicher Sicht war ich ein hoffnungsloser Fall“, erinnert sich Oliver

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