Schorndorf

Geht das Abendland unter? Eher nicht

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Aus dem Archiv: Willkommensessen für Asylbewerber im Sommer 2015 in Schorndorf-Haubersbronn. © Habermann / ZVW

Schorndorf. Droht uns der Untergang wegen Überfremdung durch gewalttätige Flüchtlingshorden? Oder kommt die Gefahr von ganz woanders, steuern wir auf ein Viertes Reich der Rechtsextremisten zu? Gemach. Bei einem Hintergrundgespräch in Schorndorf erörterten Kenner der lokalen Situation die Lage – und rieten zu Gelassenheit.

Wir leben in einer überreizten Gesellschaft. Rechte beschreien Deutschlands Zusammenbruch, Linke fürchten den totalen Rechtsruck – vielleicht hilft es, zur Abwechslung ein paar handfesten Pragmatikern aus dem lokalen Geschehen das Wort zu geben. Wie haben sie die Zeit seit dem September 2015, dem Beginn der großen Flüchtlingswanderung, wahrgenommen?

„Wir waren vorher schon bunt“

Suse Freudenreich ist stellvertretende Schulleitern an der Grafenbergschule Schorndorf. Tausende von Schülern. Wirtschaftgymnasiasten. Angehende Elektrotechniker. Hauptschulabschluss-Nachholer. Flüchtlingsklassen. Alles dabei. Hier pulsiert das wahre Leben. Natürlich gibt es Probleme hier, wie überall und immer, wenn viele verschiedene Menschen beieinander sind. Ein syrischer Flüchtling hat ein türkisches Mädchen verbal übergriffig angemacht, die Schulleitung spricht eine Verwarnung aus. Ein deutscher Schüler ruft „Sieg Heil!“ im Unterricht, zur Strafe muss er einen Besinnungsaufsatz schreiben. Ein Flüchtlingsjunge bekommt im Schulflur-Gedrängel einen Ellbogen in die Rippen – Versehen, Absicht? „Schwarze kriegen ganz extrem Rassismus ab“, ist Freudenreichs Eindruck, allerdings eher selten in der Schule, angepöbelt würden sie vor allem von „älteren Personen“, oft im öffentlichen Raum. Zu Freudenreichs Bestandsaufnahme gehört aber auch der Kernsatz: Bei Gesprächen über ihre Situation „haben sich alle sechs Flüchtlingsklassen nur lobend über Deutschland geäußert“. Zusammengefasst: „Wir waren vorher schon bunt, jetzt sind wir noch ein bisschen bunter.“

Keine Auffälligkeiten in Schorndorf

Edgar Hemmerich ist Erster Bürgermeister in Schorndorf: Als im September 2015 die Flüchtlinge kamen, sah sich die Stadt von jetzt auf gleich mit einer gewaltigen Unterbringungsaufgabe konfrontiert – „wenn man das mal im Rückblick sieht, kann man im November 2016 sagen, dass eigentlich bei uns alles super gelaufen ist“. Massiv gestiegene Straftaten in Schorndorf, begangen von Flüchtlingen? „Mitnichten.“ Grassierende rechte Gewalt? Fehlanzeige. Bei Infoveranstaltungen gab es „den einen oder anderen Zwischenrufer“ – davon geht die Schorndorfer Welt nicht unter.

Polizei fährt eine „Nulltoleranz“-Politik

Bernd Rauner, bei der Kripo Waiblingen für den „Staatsschutz“, also politisch motivierte Delikte, zuständig, weiß: Der Rems-Murr-Kreis galt mal als „braune Hochburg“, und seinerzeit war an der Einschätzung auch was dran, da gab es die „Linde“ in Weiler, das in einer Brandstiftung gipfelnde Treffen von Winterbach. Aber „seit Jahren“ fährt die Polizei eine „Nulltoleranz“-Politik: erfolgreich.

Wir beurteilen die Welt oft von den schrillen Rändern her, das hat sein Gutes: Es hält wachsam. Andererseits: Wer nicht mehr wahrnimmt, wie viel Vernunft und Differenzierungsvermögen in der breiten Mitte dieser Gesellschaft ganz selbstverständlich zu Hause sind, neigt zur Hysterie. Zu diesen Überhitzungsphänomenen gehört es, sagt der Polizist Rauner, wenn in sozialen Netzwerken komplett haltlose Gerüchte von Vergewaltigungen kursieren, aber auch, wenn noch an dem Abend, da in München die Innenstadt gesperrt und die Lage vollkommen unklar ist, Politiker bereits von einem „Anschlag“ sprechen und härtere Gesetze gegen Islamisten fordern. Am Ende war’s ein Amoklauf.

Alarmismus allerorten

Der grüne Landtagsabgeordnete Jürgen Filius, an diesem Nachmittag zu Gast bei seiner Schorndorfer Parteikollegin Petra Häffner, beschreibt Ähnliches: Bei Würzburg tobt ein Flüchtling mit der Axt in einem Zug – und sofort befragt der SWR die Leute am Stuttgarter Bahnhof: „Haben Sie jetzt Angst, einzusteigen?“ Und wann immer irgendwo in Europa ein Anschlag geschehe, werde in Baden-Württemberg gleich ein neues „Anti-Terror-Paket“ aufgelegt. Interne Begründung unter Politikern: „weil die Bevölkerung das erwartet“. All das vermittelt aber womöglich nicht beruhigende Entschlossenheit, sondern befeuert eher ein dumpfes Gefühl: Ja, haben die Sicherheitsbehörden bisher etwa alle gar nichts gemacht, wenn jetzt offenbar dauernd Nachholbedarf herrscht? Alarmismus allerorten. Filius schiebt nach: „Und nicht auf jedem Amt steht ein Reichsbürger.“ Auch wenn derzeit jedes Medium über dieses vogelwilde Splitterhäufchen berichtet.

Unser Gemeinwesen steht nicht am Abgrund

Ja, wir leben in unsicheren, auch ungewissen Zeiten – aber unser Gemeinwesen steht nicht am Abgrund: Das belegen die Äußerungen in dieser Runde sehr plausibel. Muss man jeden einzelnen AfD-Funktionär gleich zum Nazi erklären? Womöglich wäre es besser, sich mit ihm auf ein Podium zu setzen und argumentativ Paroli zu bieten. Muss man wegen der Flüchtlinge gleich fürchten, Deutschland schaffe sich ab? Vermutlich wäre es hilfreicher für den Erhalt dieser Gesellschaft, Chancen und Probleme in aller Besonnenheit zu wägen. Wenn diese Runde eine Lehre parat hat, dann diese: Statt immer nur in Extremen zu denken, sollten wir ab und zu mal tief durchatmen.

Ein schöner Satz

Bei dem Gespräch handelte es sich nicht um eine Podiumsdiskussion, sondern eine nichtöffentliche Hintergrundrunde, zusammengetrommelt von der grünen Landtagsabgeordneten Petra Häffner. Den in seiner positiven Grundhaltung ansteckendsten Satz des Nachmittags prägte Oguz Guruhan, der sich beim Schorndorfer „Bündnis gegen Fremdenfeindlichkeit und Rechtsextremismus“ engagiert: „Ich würde gerne dazu beitragen, dass die Zukunft von Schorndorf schön bleibt.“