Schorndorf

Geisterfahrer auf der B29: Nützen Rüttelstreifen?

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Der Alptraum. © Montage: Bernhardt / ZVW
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Diese Rüttelstreifen an der Anschlussstelle Lorch-Ost sollen Falschfahrer rechtzeitig wachrütteln und davon abhalten, dass sie in falscher Richtung auf die B 29 auffahren. © Ralph Steinemann Pressefoto
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Der baden-württembergische Verkehrsminister Winfried Hermann hält die Rüttelstreifen für erfolgversprechend. © Ralph Steinemann Pressefoto

Plüderhausen. Ein Falschfahrer war offenbar am Montagmorgen auf der B 29 bei Plüderhausen unterwegs. Es ist nichts passiert. Als die Polizei kam, war der Geisterfahrer weg. Schon wieder die B 29 – das gibt’s doch nicht. Im Juli hat der Verkehrsminister an der Auffahrt Lorch-Ost Rüttelstreifen eingeweiht, die Falschfahrer stoppen sollen.

Wo genau der Geisterfahrer in falscher Richtung auf die B 29 gefahren ist, das ist nicht bekannt. Bei der Polizei ging die Meldung am Montagmorgen um 7.15 Uhr ein: Jemand fährt auf der B 29 auf Höhe Plüderhausen Richtung Stuttgart – auf der falschen Seite.

„Wir haben das Fahrzeug nicht angetroffen“, sagt Polizei-Pressesprecher Rudolf Biehlmaier. Es sei niemand gefährdet worden. Vielleicht hat der Falschfahrer seinen Fehler schnell bemerkt und ist auf einen nahen Parkplatz ausgewichen, um von dort aus in richtiger Richtung weiterzufahren.

Rüttelstreifen sollen Falschfahrer stoppen

An der Anschlussstelle Lorch-Ost rütteln seit Juli speziell ausgefräste Markierungen potenzielle Falschfahrer wach. Die Straße wurde dort stellenweise ausgefräst, so dass nun die Reifen von Falschfahrern auf Kanten treffen, was einen (Wach-)Rütteleffekt zur Folge hat. Zusätzlich ertönt ein akustisches Signal. Eine Falschfahrt-Prävention dieser Art gab’s nirgendwo in Deutschland, bevor Verkehrsminister Winfried Hermann die Vorrichtungen Mitte Juli dieses Jahr in Lorch einweihte.

Ob der am Montagmorgen gemeldete Falschfahrer die Rüttelstreifen überfahren hat oder ob er an anderer Stelle auf die B 29 aufgefahren ist, weiß niemand. Laut Edgar Neumann, Sprecher des Verkehrsministeriums Baden-Württemberg, ist die Anschlussstelle Lorch-Ost nicht mit Erfassungstechnik ausgestattet, die das feststellen könnte: „Der technische Aufwand dafür wäre viel zu hoch.“ Eine solche Erfassung könnte zudem Datenschutzrechte anderer Verkehrsteilnehmer beeinträchtigen und müsste mit vielen weiteren Stellen abgestimmt werden: „Daher bleibt nur die jährliche Unfallstatistik als aussagekräftigste Quelle für einen Rückgang an Falschfahrten“, so Edgar Neumann weiter.

Es kann Jahre dauern, bis auch andere Ausfahrten ausgestattet werden

Petra Häffner, Grünen-Landtagsabgeordnete aus Schorndorf, und der CDU-Abgeordnete Claus Paal hatten das Modellprojekt in Lorch auf den Weg gebracht. Die Rüttelstreifen erfunden hat Konstantin Berkovych, ein Polizist, den nach zahllosen Geisterfahrermeldungen im Radio die Frage nicht losließ, wie man solche Gefahren vermeiden könnte.

Der Modellversuch an der Anschlussstelle Lorch-Ost ist auf längere Dauer angelegt – sprich: Es kann Jahre dauern, bis auch an anderen Auffahrten Rüttelstreifen Falschfahrer ausbremsen. Claus Paal wird, so kündigte er am Montag gegenüber dieser Zeitung an, eine Initiative dafür starten. Vielleicht zum Haushaltsjahr 2020/21; eine konkrete Zeitplanung liegt dafür noch nicht vor. Der Modellversuch läuft erst seit Mitte Juli – zu kurz, um schon Aussagen zum Erfolg zu treffen, so Paal. Wie viele Fast-Falschfahrer von den Rüttelstreifen gestoppt werden, weiß allerdings niemand. Als erfolgreich würde das Pilotprojekt wohl dann gewertet, wenn mehrere Jahre kein Falschfahrer mehr die neuralgische Stelle passiert.

Zwei Tote bei einem Geisterfahrerunfall

Dass ausgerechnet an der Anschlussstelle Lorch-Ost die ersten Rüttelstreifen dieser Art bundesweit installiert sind, hat einen traurigen Grund: Vor knapp einem Jahr starben dort zwei Menschen. Eine 72-jährige Frau war Mitte Januar an einem Sonntagnachmittag in falscher Richtung auf die B 29 aufgefahren. Es kam zu einem Frontalzusammenstoß. Die Geisterfahrerin selbst und ein 20-Jähriger starben; ein junger Beifahrer im Mercedes des 20-Jährigen erlitt schwere Verletzungen. Ebenfalls zwei Tote hatte im Jahr 2015 ein Unfall ganz in der Nähe gefordert. Eine damals 86-Jährige, die zunächst auf der B 29 in korrekter Richtung unterwegs war, hatte auf dem Beschleunigungsstreifen angehalten und gewendet. Beim Zusammenstoß mit einem BMW starben die Frau und der 22-jährige Fahrer des BMW.

Nach diesen Unfällen folgten weitere Geisterfahrten auf der B 29, die allerdings zum Glück ohne Folgen blieben. Weshalb die B 29, speziell der Streckenabschnitt zwischen Waiblingen und Schwäbisch Gmünd, offenbar besonders zum Falschfahren verleitet – das konnte bisher niemand erklären. Nach der tödlichen Geisterfahrt der 72-Jährigen im Januar nannte die Polizei geringe Fahrpraxis und Probleme bei der Orientierung als Gründe für den fatalen Fehler. Viele andere Ursachen für Geisterfahrten sind denkbar: Jemand steuert in selbstmörderischer Absicht sein Fahrzeug absichtlich in den Gegenverkehr, ein Fahrer verliert wegen Alkohol- oder Drogenkonsums die Übersicht, junge Männer verabreden sich zu Mutproben. Weder Rüttelstreifen noch andere Vorrichtungen stoppen diese Art Geisterfahrer.


Was tun, wenn ein Falschfahrer gemeldet wird?

Der Gesamtverband der Versicherer nennt Verhaltenstipps für den Fall, dass in der Nähe ein Geisterfahrer gemeldet wird:

  • Verringern Sie die Geschwindigkeit
  • Fahren Sie im Verkehrsfluss weiter – auf dem rechten Fahrstreifen
  • Überholen Sie nicht
  • Halten Sie ausreichend Abstand
  • Behalten Sie den Seitenstreifen im Auge, um notfalls auf diesen ausweichen zu können
  • Fahren Sie möglichst an der nächsten Abfahrt ab oder suchen Sie einen Parkplatz auf
  • Hören Sie den Verkehrsfunk, um zu erfahren, wann die Gefahr vorüber ist

Rüttelstreifen sind „vielversprechend“

Rüttelstreifen, die Falschfahrer stoppen sollen, sind an der Anschlussstelle Lorch-Ost an beiden Auffahrten angebracht. An der Anschlussstelle Schwäbisch-Gmünd/West befinden sich ebenfalls Rüttelstreifen, allerdings nur in Fahrtrichtung Stuttgart. „Es gibt viele innovative Ideen, Falschfahrer stoppen zu können, aber diese Variante erscheint vielversprechend“, hatte der baden-württembergische Verkehrsminister Winfried Hermann beim Start des Rüttelstreifen-Pilotprojekts in Lorch-Ost im Juli gesagt.

Allein im ersten Halbjahr 14 Falschfahrer-Unfälle

Früheren Angaben zufolge ist es im Jahr 2016 zu 16 Unfällen mit Falschfahrern in Baden-Württemberg gekommen. 2017 stieg die Zahl deutlich an: Allein im ersten Halbjahr zählte die Polizei 14 Falschfahrer-Unfälle im Land. Zwei Menschen starben bei einem Geisterfahrer-Unfall im Januar 2017 auf der B 29. Bereits vom Jahr 2013 an sind früheren Angaben des Verkehrsministeriums zufolge alle 290 Auf- und Abfahrten von Autobahnen, autobahnähnlichen Bundesstraßen und Rastplätzen in Baden-Württemberg mit Pfeilmarkierungen ausgestattet worden.

Unfall- und Verkehrsschaukommission untersucht jeden Falschfahrer-Unfall

Die Landesmeldestelle für den Verkehrswarndienst der Polizei Baden-Württemberg erfasst Falschfahrtmeldungen seit dem Jahr 2003. Nur ein geringer Teil der gemeldeten Fälle entpuppt sich laut Ministerium als tatsächliche Falschfahrt. Im Jahr 2016 gab es in Baden-Württemberg 374 Meldungen von Falschfahrten. Im Jahr davor belief sich die Zahl auf 392. Im Jahr 2014 registrierte das Land 443 Falschfahrtmeldungen. 2004 waren es 300, 2003 wurden 325 Meldungen gezählt. Die Unfall- und Verkehrsschaukommission untersucht laut Verkehrsministerium jeden Falschfahrer-Unfall.