Schorndorf

Geldwäsche-Prozess: Kleinkrieg um Riesensummen

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Symbolbild. © Pixabay/moerschy

Schorndorf. Der Laie ahnt ja überhaupt nicht, wie es wirklich zugeht in einer derart krimispannenden Veranstaltung wie einem Landgerichtsprozess um Abermillionen Euro in bar: Manchmal erinnert diese Verhandlung an einen Kutschgaul – die arme Mähre scharrt wochenlang auf der Stelle, der Karren bewegt sich keinen Zentimeter.

Der Fall ist einzigartig in der jüngeren Landgerichtsgeschichte: Die irre Summe von 45 Millionen Euro soll ein Schorndorfer, unterstützt von seiner Frau und zwei Kompagnons, binnen nur eines halben Jahres nach Dubai verschoben haben – Geld, das bei niederländischen Drogengeschäften zusammenkam, glaubt die Staatsanwaltschaft. Um dem Treiben ein legales Mäntelchen umzuhängen, habe das Quartett buchhalterische Trugspuren gelegt; auf dass es aussehe, als stammten die enormen Bar-Einnahmen nicht aus Rauschgiftdeals, sondern seriösem Handel mit Feingold.

Kommt der Vizepräsident von Afghanistan?

Die episch breite Beweisaufnahme – Unmassen von Unterlagen wurden ausgewertet, Videos aus Überwachungskameras angeschaut, Zeugen vernommen – ist im Grunde durch. Und nun: Die Anklage fordert ein Strafmaß? Die Verteidigung hält dagegen? Das Gericht spricht ein Urteil? So könnte es weitergehen. Theoretisch. Praktisch ist in diesem Fall der Gerichts- längst zum Warte-Saal geworden.

In einem von vielen abgehörten Telefonaten hat der Schorndorfer Angeklagte mal angedeutet, es gebe da Geschäfte mit einem Herrn Rashid Dostum. Der Mann ist eine Legende: ehemals Warlord und Drogenbaron, heute Vizepräsident von Afghanistan.

Also forderte die Verteidigung: Dostum als Zeugen laden! Das Gericht lehnte ab. Allein, die Anwälte beharren weiter darauf. Vermutlich wird der Streit damit enden, dass nie eine Ladung an Dostum versandt wird – die eine oder andere Woche wird darüber aber erst wieder ins Land gehen.

Komplize sitzt in Haft und schweigt

Es gibt noch einen Zeugen, der bislang nicht gehört wurde: Die Anklage hält ihn für einen möglichen Komplizen, die Verteidigung für möglicherweise eben doch seriös. Der italienische Staatsbürger könnte zwar wohl allerlei sagen – aktuell aber sitzt er irgendwo in Deutschland in Untersuchungshaft und ließ bereits über seinen Anwalt ausrichten: Er mache von seinem Recht auf Aussageverweigerung Gebrauch, weil er ja nichts verraten muss, das ihn selbst belasten könnte. Das Gericht folgerte: Wir verzichten auf den Zeugen.

Trotzdem vorladen, fordert die Verteidigung: Der Mann solle von Vollzugsbeamten herbeigefahren werden, um „persönlich zu erklären“, dass er schweige. Worauf Staatsanwalt Michael Wahl fast einen Lachflash kriegt. „Jetzt wird’s immer skurriler“, sagt er unter Glucksen. Den Mann „anreiten lassen“, damit er sagt, dass er nichts sagt?„Das haut mich um.“

Der Antrag sei „keinesfalls skurril“, kontern die Verteidiger, und der „persönliche Eindruck“ wichtig! Auch einem Stummen könne man ansehen, ob er „Globetrotter, Penner oder vielleicht doch ein Geschäftsmann“ sei. Und der Anwalt Martin Heising ergänzt: „Ich verstehe das als Kompliment, dass sich der Herr Oberstaatsanwalt so leicht von mir umhauen lässt.“

Und so weiter. Seit Juli dauert die Verhandlung – vor Weihnachten wird das Ding nicht mehr zu Ende gehen.


Unsere bisherige Berichterstattung zum Thema:

16.10.2018: 50-Millionen-Geschäfte: Geldwäsche-Ring hochgenommen

11.07.2019: 45 Millionen Euro Drogengeld gewaschen?

20.07.2019: Der 45-Millionen-Fall: Eine Beamtin schaut hin

23.07.2019: Geldwäsche-Ring: Der 45-Millionen-Fall schleppt sich

07.08.2019: Geldwäsche-Prozess: Puzzlespiel um 45 Millionen Euro

09.08.2019: Geldwäsche-Prozess: Spur führt nach Rumänien

15.08.2019: Spur nach Holland im 45-Millionen-Fall

17.08.2019: Geldwäsche-Prozess: Puzzlestein-Suche durch Europa

24.08.2019: Geldwäsche-Prozess: Wende im 45-Millionen-Fall

17.09.2019: Geldwäsche-Prozess: Millionen-Fund im Kofferraum

21.09.2019: Geldwäsche-Prozess: Tücken des Krypto-Handys

26.09.2019: Geldwäsche-Prozess: Afghanistans Vizepräsident als Zeuge?

28.09.2019: Geldwäsche-Prozess: Mysteriöses Gold-Pingpong

14.10.2019: Der 45-Millionen-Fall: Rätsel um Riesensummen

24.10.2019: Anwalt erhebt schwere Vorwürfe gegen Richterin

19.11.2019: Geldwäsche-Prozess um 45 Millionen nimmt kein Ende

29.11.2019: Der 45-Millionen-Fall: 800 000 Euro im Hocker-Polster